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Wie zwei Linke gegen den Krawattenzwang kämpfen Weg mit dem Schlips!

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Wulf Gallert ist Fraktionschef der Linken in Sachsen-Anhalt. Anders als einige seiner Parteikollegen im Bundestag gilt er jedoch nicht als ausgesprochener Krawatten-Gegner.

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Politiker und Schlips - für viele gehört das zusammen. Im deutschen Parlament ist das Kleidungsstück allerdings nur für Schriftführer Pflicht. Zwei Bundestags-Neulinge starten jedoch einen Feldzug gegen den Krawattenzwang.

Am 22. September wählten die Deutschen die neue Zusammensetzung des Bundestags. Bisher übernimmt ein Hauptausschuss die Aufgaben des Parlaments. Denn die neue Bundesregierung ist noch nicht vereidigt. Viel hatten die meisten der 631 Abgeordneten also noch nicht zu tun. Doch schon jetzt deutet sich ein bizarrer Streit an.

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Hat es gern etwas legerer: der Linke Hubertus Zdebel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Mittelpunkt stehen zwei neue Linke-Abgeordnete aus Nordrhein-Westfalen und ein Kleidungsstück. Die Neulinge Alexander Neu und Hubertus Zdebel begrüßten ihre Fraktionskollegen nämlich mit einem ungewöhnlichen Brief. Sie freuen sich auf die Zusammenarbeit, schrieben die beiden. Und, dass sie im Bundestag keine Krawatten tragen wollen. Auch nicht, falls sie als Schriftführer eingeteilt werden sollten.

Ganz neu ist der Konflikt nicht. Unvergessen ist eine Episode aus dem Jahr 1980. Damals wies Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger den neu gewählten Sozialdemokraten Gerhard Schröder auf das Fehlen einer Krawatte hin. "Genosse Schröder, wenn morgen die Wahl des Bundeskanzlers ist, bindest Du Dir aber eine Krawatte um, wie es sich gehört", so lautete der Stil-Appell an den jungen Kollegen. Einen Krawattenzwang gibt es im deutschen Parlament allerdings bis heute nicht. In der Geschäftsordnung des Bundestags findet sich kein entsprechender Passus.

Der Boykotteur aus Münster

Einen etwas strengeren Kodex - und das ist der Auslöser der jüngsten Debatte - gibt es allerdings bei den Schriftführern. Jenen 41 Politikern aus allen vertretenen Parteien, die im Wechsel neben den Bundestagspräsidenten Platz nehmen, Wortmeldungen entgegen nehmen, Rednerlisten führen und das Plenarprotokoll überwachen. Sie müssen, darauf haben sich Präsidium und Ältestenrat verständigt, die Würde des Haus mit angemessener Kleidung, also mit einer Krawatte oder etwas Entsprechendem, vertreten.

Doch das stieß nicht bei allen Abgeordneten auf die Zustimmung. Als sich vor knapp drei Jahren einige Schriftführer aus den Fraktionen von Linken und Grünen weigerten, wurden sie kurzerhand aus der Liste der Schriftführer gestrichen. "Es ist sehr fragwürdig, ob so manche Blümchenkrawatte von Koalitionsabgeordneten die Würde des Hauses hebt", sagte damals der Grünen-Politiker Sven Kindler, der ebenfalls zu den Schlips-Boykotteuren gehörte.

Zdebel und Neu stoßen die alte Debatte nun erneut an. "Ich habe nichts gegen Krawatten, ich wehre mich nur gegen den Zwang", sagt Zdebel n-tv.de. Die sture Haltung des Präsidiums findet er skurril und nicht mehr zeitgemäß. Aus Sicht des 59-jährigen Münsteraners ließe sich die Würde des Hauses auch anders repräsentieren. "Wer will, kann sich eine Krawatte umbinden, andere haben legere Vorstellungen.", sagt Zdebel. "Rollkragenpullover oder ein Hemd mit Schiller-Kragen können zum Jackett auch schick aussehen." Die Bundestagsfraktion der Linken gibt ihren Abgeordneten keine Vorgaben. "Jeder sollte sich angemessen kleiden", sagt Sprecher Michael Schlick. Und Krawatten? "Es gibt wichtigeres."

"Kein Kaninchenzüchterverein"

Jens Koeppen sieht das anders. Seit 2009 ist er Obmann der Schriftführer. Zu Regeln, die sie beachten müssen, gehört unter anderem, dass sie Abstimmungsergebnisse nicht vorab twittern, aber auch angemessene Kleidung. Wenn ein Schriftführer "nicht mal ein ordentliches Jackett trägt", dann stellt Koeppen ihn zur Rede. "Was die Abgeordneten in den Ausschüssen tragen, ist ihre Sache", sagt der CDU-Mann. Aber wer Schriftführer werden wolle, müsse sich eben an die Kleiderordnung halten. Wer sie nicht befolgt, den teilt er erst gar nicht mehr ein.

Spießig findet Koeppen das nicht. Die Mehrheit der Abgeordneten akzeptiere den Kodex. Auch in Bankfilialen gelten ähnliche Vorschriften. Die Kritik der beiden Linken weist er deshalb zurück. "Die machen einen auf Revolution und wollen sich nicht vorschreiben lassen, was sie zu tun haben", sagt Koeppen n-tv.de. Dass jemand in Jeans und T-Shirt neben dem Bundestagspräsidenten sitze, könne einfach nicht sein. "Das ist das höchste deutsche Parlament und kein Kaninchenzüchterverein."

Bisher haben die Parteien ihre Kandidaten für den Platz neben Bundestagspräsident Norbert Lammert und seinen Stellvertretern noch nicht benannt. Hubertus Zdebel, der Linke aus Münster, würde gern Schriftführer werden. "Ich könnte da als Neuling viel lernen." Doch vermutlich wird es am Ende daran scheitern, dass er einen Rollkragenpullover und kein Hemd mit Schlips tragen wird. Politiker und Krawatten - für viele mag das unverrückbar zusammengehören. Zdebel kann dem nichts abgewinnen. Notfalls will er es drauf ankommen lassen. "Der alte Zopf Krawattenzwang gehört abgeschnitten."

Quelle: n-tv.de

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