Politik

Barbarei, Liebe und Brautschätze Wenn sich die Tür zum Nachbarn öffnet

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Polens Nationalstolz: Jan Matejkos"Preußische Huldigung" stellt Albrecht von Hohenzollern dar, als dieser1525 König Sigismund I. den Lehnseid leistet.

(Foto: Foto: Anna Stankiewicz)

Millionen Tote, verbrannte Erde, Vertreibungen - jahrzehntelang prägen die beispiellosen deutschen Gräuel während des 2. Weltkrieges unser Verhältnis zu Polen. Dabei gibt es doch noch so viel mehr, wie etwa große Lieben, Barrikadenstürme und gemeinsam vergossene Tränen.

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Eine der zahlreichen Versionen: "Die Schlacht von Tannenberg" von Edward Dwurnik.

(Foto: REUTERS)

Der Mythos lauert in einem Käfig. Hoch sind die Wände, bedrückend der hallende Raum. Blutbespritzte Lanzen ragen in die Luft, aufgerissene Leiber wälzen sich am Boden. Es ist die sagenumwobene Schlacht von Tannenberg im Jahr 1410, das Gemetzel deutscher Ordensritter in Polen und deren Niederlage, die hier im Berliner Martin-Gropius-Bau auf gigantischen Leinwänden noch einmal ans Licht gezerrt wird. Als Riesenstickerei, als Installation mit einer aufgeklappten Tür, als schwarz-weiße Karikatur. Und auch jener zweite Mythos von Tannenberg, als Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg die Russen 1914 in die Flucht schlug, kämpft hier in dem eigens dafür eingebauten Gitterkäfig um seinen Platz. Auf einem kleinen Bildschirm läuft "Tannenberg. Ein kriegsgeschichtlicher Lehrfilm" von 1927. Er zeigt, wie das Deutschland der Weimarer Republik mit einem gigantischen Tannenberg-Denkmal die Schmach aus dem Mittelalter zu tilgen versucht.

Immer wieder sind es Mythen, die das deutsch-polnische Verhältnis prägen und verzerren. Für Jahrzehnte, Jahrhunderte. Diese Mythen zu enthüllen, ist ein Verdienst der großen deutsch-polnischen Ausstellung "Tür an Tür. Polen-Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte", die nun vom 23. September bis zum 9. Januar 2012 in Berlin zu sehen ist. Rund 800 Dokumente zeigen die Aussteller und machen dabei klar: Deutsch-polnische Nachbarschaft ist mehr als eine Ansammlung von Stereotypen und mehr als Die Plaudereien der Wehrmachtssoldaten , der mit sechs Millionen polnischen Toten, Millionen Vertreibung ins "schissige Schlesien" und verwüsteten Landstrichen noch immer seine langen Schatten wirft.

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Mit einem großem Festumzug gedenkt Landshut noch immer alle vier Jahre der großen Hochzeit mit Hedwig.

(Foto: Bayerische Schlösserverwaltung, Landshut)

Die vielen teils großartigen Exponate, die Kunstwerke, Kronen, Mitgifte, Bücher und Noten bezeugen vielmehr auch eine Normalität friedlicher Nachbarschaft beider Länder. Einer Zeit, als kultureller, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Austausch ebenso selbstverständlich sind wie Ehen zwischen deutschen und polnischen Häusern. Wird doch schon 1025 die Deutsche Richeza Königin von Polen, Jahrhunderte später heiratet die polnische Königstochter Hedwig wiederum bei einem der legendärsten Feste jener Zeit in Landshut den Herzog Georg dem Reichen von Bayern-Landshut. Prunkvoll ist auch die Hochzeit der polnischen Prinzessin Anna Katharina Konstanze Wasa, die mit einem Brautschatz von 70 Wagenladungen zu ihrem Ehemann Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg aufbricht.

Der Prinz und sein "ewiger Engel"

Im 19. Jahrhundert erliegt dann Prinz Wilhelm, der spätere König von Preußen und Kaiser Wilhelm I, den Reizen einer Polin. Fast hätte er Eliza Fürstin Radziwill, seinen "ewigen Engel", geheiratet. Doch der Widerstand der Hofkamarilla und des russischen Zarenhauses sind offenbar zu groß. Als Wilhelms Vater Elizas Mutter ankündigt, dass es zu keiner Ehe kommen werde, notiert diese, selbst eine geborene Prinzessin von Preußen, enttäuscht: "Mich ekelt diese Berliner Welt samt ihrer Menschen oft derart an, dass ich mir sage, ich gehöre da nicht hin." Ihre Tochter stirbt einige Jahre später an Tuberkulose, in "einem herzzerreißenden Zustand" erweist ihr Prinz Wilhelm die letzte Ehre.

Auch ihre Liebe zur Freiheit eint so manche Deutsche und Polen. Als nach dem Scheitern des Novemberaufstandes 1831 Tausende Polen aus ihrer Heimat fliehen, werden sie in deutschen Städten außerhalb Preußens oft jubelnd willkommen geheißen. Gemeinsam trinkt man auf Polens Fortleben und vergießt polnische und deutsche Tränen gleichermaßen über das Schicksal der jungen aufständischen Helden. Von diesen wiederum demonstrieren viele kurz danach beim Hambacher Fest für bürgerliche Freiheiten oder gehen bei der Revolution 1848 in Berlin auf die Barrikaden.

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4000 Soldaten bilden 2007 das Symbol der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc.

(Foto: Piotr Ukla?ski, 2007, Diptychon;)

130 Jahre später, in der bleiernen Zeit des Kriegsrechts unter General Wojciech Jaruzelski, unterstützen namhafte deutsche Künstler wie Joseph Beuys und Anselm Kiefer ihre Nachbarn. Ihre Werke "Polentransport", "Noch ist Polen nicht verloren" spiegeln diese Solidarität ebenso wider wie eine Auktion von Kunstwerken in Düsseldorf, deren Erlös der zufließt.

Von der Landkarte getilgt

Doch natürlich gibt es auch die andere Seite der Medaille, klar zum Ausdruck gebracht im letzten Bild von Stanislaw II. August von Poniatowski als König: Der Herrscher ohne Macht in häuslicher Tracht, mit müder Hand auf eine Stundenuhr gestützt. Es ist das Jahr 1793, erst kurz zuvor hatte Polen die aufgeklärteste Verfassung Europas veröffentlicht. Es ist aber auch die Zeit der großen Einverleibungen. Mehrmals teilen Preußen, Österreich und Russland den polnischen Kuchen unter sich auf, bis nichts mehr von Polen bleibt als Hoffnung und Verzweiflung.

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Andrzej Wroblewskis "Erschießung mit einem Jungen".

(Foto: Muzeum Narodowe w Poznaniu, Poznan, Foto: Adam Cie?lawski)

Die nationale Wiedergeburt lässt mehr als 120 Jahre auf sich warten, und auch dann währt sie nicht lange. Die Reise ins Todeslager , beginnt das elendigste Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen, beginnend bei Warnungen vor "Blutschande", kulminierend im Völkermord, in der einer Nation. Auch dies ein Teil von "Tür an Tür".

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Die deutsche Chiffriermaschine Enigma, die ein polnischer Mathematiker knackte. Dadurch wurden Zehntausende verschlüsselte Funksprüche der Wehrmacht abgefangen.

(Foto: Josef-Pilsudski-Insitut, London)

Nach wie vor prägt diese Zeit, doch Wladyslaw Bartoszewski, ein Auschwitz-Überlebender und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Ausstellung, zeigt sich in dem ausführlichen Ausstellungskatalog trotz allem optimistisch: "Der Mensch leidet an einer fatalen Spätzündung", zitiert er den Satiriker Stanislaw Jerzy Lec. "Er begreift alles erst in der nächsten Generation."

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Bartoszewski sieht die Beziehungen auf einem guten Weg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Diese aber scheint tatsächlich zu lernen. Die polnisch-deutsche Geschichte sei für die Jugend "eine viel leichtere Bürde als für die Menschen früherer Generationen, ganz zu schweigen von meiner Generation", so Bartoszewski weiter. Der unermüdliche Kämpfer für Aussöhnung ist sich sicher, dass die Normalität mehr und mehr in die Die wahre Exotik liegt in Warschau einzieht. Von der über viele Jahre vorbereiteten Ausstellung im Martin-Gropius-Bau erhofft er sich nun einen weiteren Schritt nach vorn.

Die großartige Ausstellung mit ihren einzigartigen Exponaten, ihren deutschen und polnischen Erläuterungen und Führungen sowie ihrem reichhaltigen Rahmenprogramm liefert alle Voraussetzungen dafür. Für einen weiteren Schritt aus dem Käfig der Mythen.

Quelle: n-tv.de

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