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Als die Deutschen Polen überrollten Die Reise ins Todeslager

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1. September 1939: Wehrmachtssoldaten öffnen einen Schlagbaum an der Grenze zu Polen.

Er wagt das schier Unmögliche: Jan Karski, polnischer Widerstandskämpfer, lässt sich in ein jüdisches Ghetto und ein Vernichtungslager einschleusen - um das Unfassbare mit eigenen Augen zu sehen. Schonungslos berichtet er den Alliierten von den Gräueln der Nazis.

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Wehrmachtssoldaten führen polnische Gefangene ab.

Es ist einer jener verheißungsvollen Spätsommerabende, an denen das Leben voller Versprechungen zu sein scheint. Als Jan Karski am 23. August vor genau 70 Jahren beschwingt von einer Feier nach Hause kommt, ahnt er noch nicht, dass sein normales Leben ein abruptes Ende finden wird. Dass nichts mehr so sein wird wie vorher – weder für ihn noch für den Rest Europas.

Denn es ist das Jahr 1939, und noch in derselben Nacht klopft es an die Tür von Karskis Wohnung in Warschau. Ein misslauniger Polizist steckt ihm einen geheimen Mobilmachungsbefehl entgegen. Karski wird als Unterleutnant der Artillerie nach Oswiecim, Auschwitz, abkommandiert. Wenig später, am, überrollen deutsche Panzer Polen, kurz danach dringen die Russen vom Osten vor. Polen verschwindet von der Landkarte, wieder einmal, und die Deutschen beginnen ihr.

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Deutsche Artillerie verwüstet 1939 ein Dorf in Polen.

Karski gerät nur wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges in Gefangenschaft, erst russische, dann deutsche, befreit sich, schließt sich dem polnischen Widerstand an. Trotz der Okkupation und der Allgegenwärtigkeit der Gestapo besteht die polnische Regierung weiter – im Untergrund. Mit einer eigenen Struktur, Polizisten, Verwaltung, Gesetzen. Und Karski arbeitet für sie als Kurier und wird bald eine der zentralen Figuren des Widerstands – wobei er alle Seiten des unterdrückten Polens zu sehen bekommt.

In den Fängen der SS

Noch während des Krieges, 1944, legt er in seinem Buch "Mein Bericht an die Welt" äußerst bildhaft davon Zeugnis ab. Er schreibt von der Folter der SS, die er selbst nur durch ein Wunder überlebte, von der Willkür des Terrors. Von den vielen Formen der Sabotage durch die Polen und der gnadenlosen Antwort der Deutschen. Und er berichtet als einer der ersten ausführlich über die Vernichtung der Juden, die er mit eigenen Augen zu sehen bekommt.

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Deutsche treiben Juden in Warschau zusammen.

(Foto: AP)

Diese Beschreibungen sind die eindrücklichsten in seinem Buch, die schaurigsten und hoffnungslosesten. Nach Gesprächen mit Vertretern des jüdischen Widerstands, die ihm von der Judenvernichtung berichten, möchte er dies mit eigenen Augen sehen, um glaubwürdig darüber berichten zu können. 1942 lässt er sich daher ins Warschauer Ghetto einschleusen, kurz vor dessen totaler Liquidierung. Dabei wird er Zeuge, wie Deutsche spaßeshalber auf Juden schießen, wie die Toten nackt auf der Straße liegen und die Lebenden schon mehr Toten gleich durch die Straßen wanken. Kurz darauf lässt er sich in der Uniform eines ukrainischen Wärters in das Vernichtungslager Bielzec einschmuggeln. Hier beobachtet er Hunderte Juden, von Deutschen in einen Eisenbahnwagon gestoßen, über- und untereinander, mit Ätzkalk qualvoll umgebracht.

Diese Bilder werden ihn sein Leben lang nicht loslassen. Getreu dem Auftrag der beiden Judenvertreter versucht er, nachdem er sich Ende 1942 auf abenteuerliche Weise nach London durchgeschlagen hat, die Welt wachzurütteln. Er spricht mit dem britischen Außenminister Anthony Eden und mit dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt über die Vernichtung der Juden. Er reist, hält Vorträge und er schreibt wie fieberhaft sein Buch, das damals zum Sensationserfolg wurde und nun - 66 Jahre später -  endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Wachrüttelndes Dokument

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Es ist der wachrüttelnde und noch immer überaus lesenswerte Bericht eines Zeitzeugen, spannend und hoffnungslos zugleich – ist doch das Ende bekannt: Alle Versuche Karskis bleiben wirkungslos. Er wird angehört, lächelnd empfangen, weitergereicht. Doch nichts ändert sich. Die Juden werden weiter zu Hunderttausenden ermordet, kein Gleis nach Auschwitz wird bombardiert. Und auch Karskis Einsatz für den polnischen Staat zeigt keine Wirkung. Roosevelt knickt gegenüber Stalin ein, die Ostteile Polens werden der Sowjetunion zugeschlagen, der Rest des Landes verkommt zu einem kommunistischen Satellitenstaat.

Karski wird dies sein Leben lang quälen. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 soll sich Karski, der als einer der Gerechten in Israel geehrt wurde, immer wieder gefragt haben, was er hätte besser machen können. Warum die Alliierten nicht eingriffen, um wenigstens noch Zehntausende Juden vor der Ermordung zu bewahren. Es ist eine Frage, auf die es bis heute keine Antwort gibt.

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Quelle: n-tv.de

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