Politik

Norbert Lammert, der unbequeme Prediger "Wir sind nicht eins!"

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Wenn Norbert Lammert ans Mikrofon tritt, wird es meist ungemütlich.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn Bundestagspräsident Norbert Lammert, der "protestantisch veranlagte Katholik", im Gottesdienst predigt, lachen zwar die Gläubigen auf den Kirchenbänken, aber nicht unbedingt über Witze.

Ein eisiger Wind pfeift durch die Straßen in Berlin-Mitte. Am Fuße der Stufen, die zur St.-Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz führen, sitzt ein Bettler. Auf der Straße parkt ein schwarzer Mercedes, zwei Männer in Anzügen begutachten mit wachen Augen die Umgebung. Einiges deutet darauf hin, dass hoher Besuch zu diesem ökumenischen Gottesdienst zur "Gebetswoche der Einheit der Christen" erwartet wird: Bundestagspräsident Norbert Lammert ist als Prediger angekündigt. Ein Mann, der nicht vor klaren Worten zurückscheut. Ein Katholik, den viele für den besseren Bundespräsidenten gehalten haben, weil er keine Hemmungen hat, unbequem zu sein.

Norbert Lammert muss sich ein wenig wie im Bundestag fühlen, als er zur Predigt ans Pult tritt. Große Lücken auf den Kirchenbänken zwischen den Gottesdienstbesuchern verdeutlichen ungewollt die Aktualität des Themas "Einheit" - ganz ohne die weltweite kirchenpolitische Perspektive. Beginnt Einheit doch damit, näher zusammenzurücken.

"Ist Christus denn zerteilt?" ist das Thema des Gottesdienstes, und darüber spricht auch der 65-Jährige CDU-Politiker an diesem Abend. Und wenn ein Mann in solcher Position über die Ausführungen des Paulus im Korintherbrief spricht, dann sind das zwangsläufig auch politische Aussagen. "Wir sind nicht eins!", steigt Lammert ein - eine Aussage, die gerade aufgrund ihrer Wahrheit provokant ist. Dann fügt er die utopisch wirkende Forderung des Paulus hinzu: "Wir sollen eins sein."

So verweist er darauf, dass die Themen, mit denen sich der Apostel auseinandersetzt, eine erschreckende Aktualität besitzen: Schon damals sei die Gesellschaft keineswegs "eins" gewesen, kämpfte mit Problemen, die sich zwangsläufig in einer "Multi-Kulti"-Gesellschaft ergeben. Dann, wenn Menschen, die unterschiedlich glauben und aus verschiedenen Hintergründen kommen, zusammenleben müssen. "Wir sind heute 2000 Jahre weiter. Im Kalender", spitzt Lammert zu. Danach: Gelächter auf den Kirchenbänken. Und eine Pause, mit der der Redner deutlich macht, dass das nicht nur ein Scherz war. Die rhetorische Erfahrung, die Lammert mit ans Pult bringt, ist erfrischend. Er weiß nicht nur gekonnt zugespitzt zu formulieren, sondern auch Zäsuren genau dort zu setzen, wo der Zuhörer Zeit zum Denken braucht. Damit das Gesprochene seine Wirkung entfalten kann.

Jeder trägt Verantwortung

Mit deutlichen Worten kritisiert Lammert, dass viel über die Einheit der Christen geredet werde. "Grandiose" Gottesdienste, Vorträge, Symposien und Ausstellungen seien angesichts des 500-jährigen Reformationsjubiläums im Jahr 2017 zu erwarten. Ein Fest, dass auch ein Fest der Ökumene werden soll. "Und danach bleibt alles so, wie es vorher war." Betroffenes Schmunzeln im Publikum. Lammerts Worte sind, wie erwartet, offen. Und sie tun weh. Schlicht deshalb, weil sie stimmen. Doch er bohrt noch weiter in den Wunden, seine folgenden Gedanken sind die eines Politikers, nicht nur die eines Predigers. Er geißelt mit ruhiger, aber klarer Stimme die Einstellung eines jeden, der Verantwortung von sich weist. "Solange wir für sicher halten, dass wir nichts ändern können, bleibt alles wie es ist."

Der protestantisch veranlagte Katholik, wie Lammert sich selbst nennt, streut das Salz seiner Ansprache genau dorthin, wo es am meisten brennt: Wenn der Einzelne gefordert wird, seinen Kokon aufzubrechen, in dem er sich gemütlich eingemummt hat. Entsprechend unbequem schließt der Redner. "Wir sind nicht eins! Wir sollen eins sein!", kommt er auf den Beginn seiner Predigt zurück. Um dann, mit den letzten Worten, zu fragen: "Wollen wir eins sein?" Die Frage hängt bedeutungsschwanger über den Köpfen des Publikums, als die Orgel zum Instrumentalstück ansetzt. Eine Frage mit gesellschaftlicher Ausstrahlung, die nicht nur Christen betrifft.

Als die Veranstaltung zu Ende ist, strömen die Besucher dick eingemummt hinaus in den kalten Berliner Winter. Am Fuße der Stufen, die von der Kathedrale hinunter zur Straße führen, sitzt noch immer der Bettler. Er wünscht den Kirchgängern auf Spanisch einen schönen Abend. Beachtung schenkt ihm keiner.

Quelle: n-tv.de