Politik
Mittwoch, 16. Februar 2011

"Atomsuppe" unterwegs nach Lubmin: Woher? Wohin? Wer zahlt?

Ein neuer Atomtransport rollt wieder durch Deutschland. Verpackt in dicke Castoren wird eine der strahlungsintensivsten Atom-Hinterlassenschaften der Republik von Karlsruhe nach Vorpommern gebracht.

Mahnwache an der Castor-Strecke nahe Lubmin.
Mahnwache an der Castor-Strecke nahe Lubmin.(Foto: dpa)

Fast zwei Jahrzehnte wartete eine der radioaktivsten Atom-Hinterlassenschaften der Republik auf ihre Entsorgung: die sogenannte Karlsruher Atomsuppe aus der stillgelegten Versuchsanlage zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente. Die für den Transport verglaste Substanz wird in Castoren ins Zwischenlager Nord bei Lubmin nahe Greifswald gebracht. Ursprünglich sollten dort nur die Hinterlassenschaften der stillgelegten DDR-Kernkraftwerke Lubmin und Rheinsberg gelagert werden. Umweltschützer und Bürgerinitiativen protstieren gegen den "sinnlosen Atomtourismus" an die Ostsee.

Was wird nach Lubmin transportiert?

In den fünf Castoren sind insgesamt 140 Edelstahlbehälter, in denen  56 Tonnen Abfallglas gefüllt wurden. In dem Glasgemisch sind die radioaktiven Stoffe der sogenannten Karlsruher Atomsuppe gebunden. Es handelte sich um 60.000 Liter atomaren Flüssigabfalls aus der früheren Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) - ein Gemisch aus Salpetersäure mit verschiedenen hochradioaktiven Resten, darunter 16,5 Kilogramm Plutonium, 500 Kilogramm Uran und jeder Menge Spaltprodukte wie Cäsium- oder Strontiumisotope. Weil die Plutoniumbrühe selbsterhitzend war, musste sie in stark gesicherten Edelstahltanks ständig gekühlt und bewegt werden.

Der Zug mit dem Castor-Behälter rollt durch Karlsruhe.
Der Zug mit dem Castor-Behälter rollt durch Karlsruhe.(Foto: dapd)

Woher stammt der Atommüll?

Zwischen 1971 bis Ende 1990 wurden in der WAK rund 207 Tonnen abgebrannter Kernbrennstoff aus sieben Atomkraftwerken, einem Forschungs- und einem Schiffsreaktor wieder aufgearbeitet. Dabei wurden gewonnenes Uran (200 Tonnen) und Plutonium (1,1 Tonnen) zur Weiterverarbeitung ausgeliefert.

Wie hoch ist die Strahlenbelastung, die von den Castoren ausgeht?

Das ist schwer zu sagen. Eine ältere Rechnung des Bundesamtes für Strahlenschutz besagt: Für einen Menschen, der sich bei der Vorbeifahrt eines Eisenbahntransportes mit zwölf Castoren in fünf Metern Entfernung aufhält, ergebe sich "eine effektive Personendosis von weniger als 0,001 Millisievert". Die natürliche Strahlenbelastung bei einem Hin- und Rückflug von Deutschland nach Teneriffa in acht bis zwölf Kilometern Höhe betrage etwa 0,05 Millisievert, die jährliche natürliche Strahlenexposition in Deutschland durchschnittlich 2,1 Millisievert. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood verweist aber darauf, dass vor allem die Gefährlichkeit der durch die Castoren gehenden Neutronenstrahlen sehr umstritten ist.

Wie verläuft die Route?

Der Transport soll am Mittwoch - Atomkraftgegner rechnen mit dem frühen Morgen - vom WAK-Gelände starten und dann zunächst auf Stadtbahnschienen mitten durch Wohngebiete gehen. Von Karlsruhe aus sind nach Meinung der Anti-Atom-Initiativen dann zwei Routen denkbar: über Mannheim, Darmstadt, Aschaffenburg, Fulda nach Thüringen bis Mecklenburg-Vorpommern oder über Bietigheim-Bissingen, Heilbronn, Würzburg nach Thüringen und dann in den Norden. Am Donnerstag soll die strahlende Fracht dann im Zwischenlager Nord nahe Lubmin bei Greifswald ankommen.

Warum gibt es Proteste?

Atomkraftgegner fürchten, dass das Zwischenlager in Lubmin zum Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll werden könnte. Dass der Abfall der DDR-Kernkraftwerke dort gelagert wird, akzeptieren sie. Greenpeace, Grüne und regionale Atomkraftgegner argumentieren, die Castoren sollten dort gelagert werden, wo der Müll herkommt: im Fall der Atomsuppe etwa in den Zwischenlagern baden-württembergischer Atomkraftwerke. Der BUND kritisiert zudem die geplante Aufbewahrung im oberirdischen Zwischenlager Lubmin, wo die Castoren in "luftigen Hallen stehen und permanent Strahlung abgeben".

Wer zahlt die Zeche?

Die Kosten des WAK-Rückbaus werden letztlich zum größten Teil vom Steuerzahler und Energieverbraucher getragen werden. Nach Angaben der "taz" zahlte die Atomindustrie bis 1996 umgerechnet 512 Millionen Euro. Das Risiko von Mehrkosten habe die öffentliche Hand übernommen. Bislang ist der Rückbau mit 2,68 Milliarden Euro veranschlagt. Da es noch immer kein Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll gibt - der dafür vorgesehene Schacht Konrad wird wohl erst 2019 zur Verfügung stehen -, kommen weitere Kosten für längere Zwischenlagerung dazu.

Quelle: n-tv.de