Politik

Bruder telefonierte vor Tod mit Mutter Zarnajew wird als Zivilist angeklagt

32852A00B7ADC9A4.jpg2287395105775835169.jpg

Das Bild zeigt Dschochar Zarnajew unmittelbar nach seiner Festnahme.

(Foto: AP)

Dem überlebenden Attentäter von Boston wird der Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorgeworfen. Behandelt wird er nicht als feindlicher Kämpfer, sondern als Zivilist. Einige Fragen soll er bereits beantwortet haben - nur schriftlich, eine Schussverletzung im Mund hindert ihn am Sprechen. Boston schweigt derweil für die Opfer.

Der mutmaßliche Attentäter des Bombenanschlags von Boston, Dschochar Zarnajew, wird nicht nach Kriegsrecht angeklagt. "Er wird nicht als feindlicher Kämpfer behandelt", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. "Wir werden diesen Terroristen vor ein Zivilgericht stellen."

Damit hat Zarnajew das Recht zu schweigen und einen Anwalt zu seinem ersten Verhör hinzuzuziehen. Die Frage, ob dem 19-Jährigen diese sogenannten "Miranda-Rechte" zugesprochen werden, hatte am Wochenende zu einer öffentlichen Debatte geführt. Als "feindlicher Kämpfer" hätte Zarnajew wie die Terrorverdächtigen im US-Gefangenenlager Guantanamo unbefristet ohne Anklage oder Prozess festgehalten werden können.

Das US-Justizministerium teilte mit, Zarnajew sei wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen sowie der arglistigen Zerstörung von Eigentum mit tödlichem Sprengstoff angeklagt worden. Er solle für den Tod von drei Menschen und die Verletzungen von 200 weiteren zur Verantwortung gezogen werden, sagte US-Generalstaatsanwalt Eric Holder.

Nach Informationen des Senders CNN beginnt der Prozess am 30. Mai. Zarnajew muss mit der Todesstrafe rechnen. Der Bundesstaat Massachusetts hat sie zwar abgeschafft, die USA als Staat aber nicht - und Zarnajew soll vor ein Bundesgericht gestellt werden.

Tamerlan rief Mutter an

Unterdessen wurde bekannt, dass Zarnajews Bruder Tamerlan noch kurz vor seinem Tod mit seiner Mutter gesprochen hatte. Zubeidat Zarnajew sagte dem Fernsehsender "ABC News", ihr Sohn Tamerlan habe sie in der Nacht angerufen und von der Polizeijagd berichtet. "Die Polizei, sie haben damit begonnen auf uns zu schießen, sie jagen uns", zitierte die Mutter ihren 26-jährigen Sohn.

Tamerlan habe ihr auch gesagt, dass er von seinem jüngeren Bruder Dschochar begleitet werde. Am Ende des Gesprächs habe er ihr noch einmal versichert, dass er sie liebe. Dann sei die Verbindung abgerissen. Tamerlan wurde von der Polizei schwer verletzt gefasst, er starb später im Krankenhaus. Der 19-Jährige Dschochar soll den Ermittlern inzwischen zu verstehen gegeben haben, dass sein älterer Bruder die treibende Kraft hinter Planung und Ausführung des Anschlags gewesen sei und dass der 26-Jährige mit der Tat den Islam habe verteidigen wollen. Die Brüder hätten allein gehandelt, eine internationale Terrororganisation stecke nicht hinter der Tat.

Antworten bislang nur schriftlich

Im Krankenhaus konnte Dschochar Zarnajew wegen eines Durchschusses im Mund bislang Berichten zufolge nur schriftlich verhört werden. Während der Anklageverlesung sei Zarnajew "wach, mental aufnahmefähig und bei klarem Verstand" gewesen, gab Richterin Marianne B. Bowler zu Protokoll. Auf die Frage, ob er in der Lage sei, einige Fragen zu beantworten, habe er deutlich genickt. Ein einziges Wort habe Zarnajew gesagt und dies sei ein "Nein" auf die Frage gewesen, ob er sich einen Anwalt leisten könne.

Kritik am FBI wird laut

Die Ermittler wollen vor allem Aufschluss über das Motiv für den Anschlag erhalten - und über etwaige Komplizen. Zarnajew war in der Nacht zu Samstag bei einer beispiellosen Polizeiaktion in einem Bostoner Vorort entdeckt und festgenommen worden. Dabei erlitt er neben dem Mund-Durchschuss eine Schussverletzung am Bein. Er wird unter schärfster Bewachung auf der Intensivstation des Beth Israel Deaconess Medical Center behandelt, wo auch Verletzte des Anschlags liegen. Die Mundverletzung zog er sich nach Angaben von Ermittler wahrscheinlich zu, als er sich selbst das Leben nehmen wollte.

Weitere Anschläge geplant?

3b8o1637.jpg3155944537568077123.jpg

Eine Woche ist seit dem Anschlag vergangen.

(Foto: dpa)

Bostons Polizeichef Ed Davis äußerte gegenüber dem Sender CNN die Vermutung, dass die Zarnajew-Brüder noch weitere Anschläge geplant hatten. Bei Durchsuchungen seien mindestens vier Sprengsätze entdeckt worden. Einer sei nach dem Muster der Bomben gebaut gewesen, die im Zielbereich des Marathons vor einer Woche explodiert sein. Für das Attentat waren Schnellkochtöpfe mit Sprengstoff, Nägeln und Kugellagern zu Splitterbomben umgebaut worden.

Sicherheitskreise schließen einen islamistischen Hintergrund nicht aus. Tamerlan Zarnajew war bereits Anfang 2011 vom FBI befragt worden, nachdem russische Sicherheitsdienste ihn radikal-islamischer Überzeugungen verdächtigt hatten. Das FBI erklärte allerdings, nach einer Überprüfung habe es damals keine Anhaltspunkte für "terroristische Aktivität" gegeben.

Tamerlan Zarnajew war im Januar 2012 nach Moskau gereist und hielt sich sechs Monate in Dagestan auf, wo seine Eltern leben. Es sei unklar, wozu die Reise gedient habe und ob der aus einer tschetschenischen Familie stammende Verdächtige womöglich Kontakte zu militanten islamistischen Gruppen aus der Kaukasusregion gehabt habe, heißt es in Justizkreisen.

Die Kongressabgeordneten Michael McCaul und Peter T. King sprachen von einem "geheimdienstlichen Versagen", wie die "New York Times" berichtete. Der Fall werfe ernsthafte Fragen über die Wirksamkeit der Terrorismusbekämpfung in den USA auf, schrieben die beiden Republikaner in einem an das FBI, das Heimatschutzministerium und den Chef der Nationalen Nachrichtendienste adressierten Brief. McCaul ist der Vorsitzende des Ausschusses für Heimatschutz im US-Repräsentantenhaus und hat Zugang zu Geheimdienstinformationen, auch King ist Terrorismusexperte.

Erstes Opfer beigesetzt

Das erste der drei Todesopfer von Boston wurde inzwischen beigesetzt. Hunderte Trauergäste verabschiedeten sich von der 29-jährigen Krystle Campbell in ihrer Heimatstadt Medford. "Sie hatte ein Herz aus Gold", sagte ihre weinende Mutter Patty Campbell auf dem Weg in den Gottesdienst.

Ihre Tochter war unter den Zuschauern gewesen, als die Sprengsätze am Montag vor einer Woche kurz vor der Ziellinie detonierten. Außer der jungen Frau starben ein achtjähriger Junge und eine chinesische Studentin der Boston University. Von den Verletzten des Anschlags befindet sich anscheinend niemand mehr in kritischem Zustand.

Pünktlich um 14.50 Uhr Ortszeit, genau eine Woche nach dem Bombenanschlag, gedachten die Bewohner von Massachusetts in einer Schweigeminute der Opfer. Anschließend läuteten in ganz Massachusetts die Kirchenglocken. Eine Gruppe von Teilnehmern am Boston-Marathon lief die Strecke am Montag symbolisch zu Ende. "Es ist toll, Teil dieser Gruppe zu sein und zu zeigen, dass diese Stadt zwar verletzt wurde, aber nicht am Boden liegt", sagte eine Läuferin zu CNN. Der Marathon war nach den Explosionen am 15. April abgebrochen worden.

Quelle: ntv.de, hvo/dpa/rts/AFP

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.