Dossier

Urteil im Sauerland-Prozess Angeklagte hoffen auf Strafrabatt

Es ist schon jetzt klar, dass die sogenannten Sauerland-Terroristen ins Gefängnis müssen. Doch für wie lange? Durch ihre Geständnisse hoffen die Angeklagten auf Strafminderung.

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Die vier Angeklagten Daniel Schneider (l-r), Atilla Selek, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz in Düsseldorf im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes.

(Foto: dpa)

Monatelang hatten hunderte Beamte die Sauerland-Terroristen observiert, ehe Elitepolizisten der GSG 9 am 4. September 2007 zuschlugen und die Islamisten beim Bombenbau festnahmen. Zweieinhalb Jahre nach der Polizeiaktion im sauerländischen Medebach verkündet das Düsseldorfer Oberlandesgericht am 4. März das Urteil gegen die drei damals Festgenommenen und einen Helfer. Laut Anklage wollten die geständigen Männer einen in der Bundesrepublik bislang einzigartigen "Massenmord" verüben. Deshalb müssen zumindest die drei Hauptangeklagten, unter ihnen die deutschen Konvertiten Fritz G. und Daniel Sch., trotz ihrer Geständnisse mit langer Haft rechnen.

In dem Düsseldorfer Prozess hatten das in einem sauerländischen Ferienhaus festgenommene Trio und der später in der Türkei verhaftete Helfer die Anschlagspläne nach anfänglichem Schweigen überraschend zugeben. Sie wollten Autobombenattentate auf US-Bürger und US-Einrichtungen in Deutschland verüben - auf Geheiß der Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union, die aus Usbekistan stammt. Als Ziele nahmen sie laut Anklage Gaststätten, Discos und Flughäfen ins Visier, unter anderem in Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf und München.

Richter beeindruckt von Offenheit

Die detaillierten Geständnisse der Angeklagten trugen wesentlich dazu bei, dass der Prozess im Düsseldorfer Hochsicherheitstrakt nun bereits nach gut zehn Monaten endet - ursprünglich sollte er zwei Jahre dauern. "Wir sind beeindruckt zum einen von dem Umfang der Aussagen, zum anderen von der Offenheit", gab selbst Richter Ottmar Breidling zu, der erfahrende Vorsitzende des Terrorismussenats.

Zwar dürfen die Männer im Alter zwischen 24 und 31 Jahren nun wegen ihrer Geständnisse auf Strafrabatt hoffen. Gleichwohl forderte die Bundesanwaltschaft für das Sauerland-Trio Daniel Sch., Fritz G. und Adem Y. hohe Freiheitsstrafen von 13, zwölfeinhalb und elfeinhalb Jahren. Ihr Helfer Atilla S. soll nach dem Willen der Ankläger fünfeinhalb Jahre Haft erhalten. "Sie maßten sich die Rolle als Herren über Leben und Tod an", hielt Bundesanwalt Volker Brinkmann den Angeklagten in seinem Plädoyer vor. Die Verteidiger beantragten hingegen deutlich niedrigere Strafen, vor allem wegen der Geständnisse ihrer Mandanten.

Größte Ermittlungsaktion seit der RAF

Freilich war die Beweislast gegen die Sauerland-Terroristen auch ohne deren Geständnisse bereits vor Prozessbeginn im April 2009 erdrückend: Vor ihrer Festnahme hatten hunderte Beamte die Islamisten nach deren Rückkehr aus Terrorcamps im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet monatelang rund um die Uhr observiert - es war die größte Ermittlungsaktion seit den Terrorfahndungen nach Mitgliedern der "Rote Armee Fraktion" (RAF) in den 70er und 80er Jahren. Allein die dabei gewonnenen Erkenntnisse hätten wohl für eine Verurteilung ausgereicht.

Allerdings maßen auch die Strafverfolger den Geständnissen Bedeutung über das Verfahren hinaus bei. Sie hätten ein "eindrucksvolles Schlaglicht auf die Welt der islamistischen Verführung geworfen und die Denkweise junger Männer, die dieser Verführung erliegen", sagte Generalbundesanwältin Monika Harms im Dezember. Bundesanwalt Rainer Griesbaum fügte hinzu, wegen der Geständnisse "wissen wir, wie rekrutiert wird, wie in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet geschleust wird und wie die Ausbildung stattfindet".

Vom Terrorismus abgewandt?

In ihren Schlussworten vor Gericht distanzierten sich drei der vier Angeklagten vergangene Woche nochmals von ihren Taten. Dabei versicherten die beiden Deutschen G. und Sch. erneut, sie hätten sich vom Terrorismus abgewandt. Er werde nicht zu einer Terrororganisation zurückkehren, sagte der in München geborene G. "Dieser Entschluss steht fest." Auch der aus dem Saarland stammende Sch. räumte ein, er hätte "anders handeln können und müssen". Sein festes Ziel sei, das Gefängnis nach Verbüßung seiner Strafe mit einem abgeschlossenen Studium zu verlassen. Dafür bitte er den Düsseldorfer Staatsschutzsenat um "Unterstützung".

Quelle: n-tv.de, Richard Heister, AFP

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