Politik
Salafismus verspricht seinen Anhängern das Paradies.
Salafismus verspricht seinen Anhängern das Paradies.(Foto: dapd)
Donnerstag, 10. Mai 2012

Salafismus - eine trendy Subkultur: "Dilettanten in Sachen Islam"

Durch Demonstrationen und Ausschreitungen ziehen Salafisten derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich. Dabei spielten wir ihr Spielchen mit, sagt Islamismus-Experte Asiem El-Difraoui gegenüber n-tv.de. Sie sammelten jetzt noch mehr verirrte Seelen ein. Die stark vereinfachte Weltanschauung der Salafisten vergleicht er mit der Rechtsradikaler.

Mit der Koranverteilung hätte man gelassener umgehen können, meint El-Difraoui.
Mit der Koranverteilung hätte man gelassener umgehen können, meint El-Difraoui.(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Innenminister Hans-Peter Friedrich hat angekündigt, "mit aller Konsequenz" gegen extremistische Salafisten in Deutschland vorzugehen. Warum sind sie so problematisch?

Asiem El Difraoui: Gefährlich sind einige Salafisten vor allem, weil es eine Schnittmenge zwischen der Ideologie des Djihadismus und des Salafismus gibt. Al-Kaida ist zwar beispielsweise keine salafistische Bewegung im engeren Sinne, aber akzeptiert viele salafistische Grundwerte. Auch nicht gewaltbereite Salafisten versuchen, sich nur auf den Koran und auf die Überlieferung des Propheten zurückzuziehen und 1300 Jahre islamische Religionsgeschichte wegzuwischen, sie lehnen Andersgläubige und die westliche Demokratie völlig ab. Salafisten sagen, nichts dürfe neben Gott stehen, das sei Götzenverehrung. Doch ein demokratischer Staat würde genau das tun – sich über die angeblichen Gesetze Gottes stellen.

Unterscheiden sich die deutschen Salafisten von jenen in muslimischen Ländern?

In muslimischen Ländern haben sie immerhin echte Religionsgelehrte und leben den Islam noch wirklich. In Deutschland sind die Salafisten gerade deshalb sehr problematisch, weil sie meinen, sie könnten selbst aus dem Koran eine Wahrheit ablesen – dabei wissen noch nicht einmal islamische Sprachforscher und Rechtsgelehrte genau, was im Koran steht. Dadurch maßen sich die deutschen Salafisten eine Deutungshoheit über etwas an, bei dem es noch niemand gelungen ist, eine klare Deutung zu finden. Ihnen fehlt natürlich auch das intellektuelle Rüstzeug, um die altarabischen Suren zu verstehen.

Salafismus

Der Begriff Salafismus leitet sich vom arabischen Wort as-salaf as salih ab und bedeutet übersetzt "die frommen Altvorderen". Salafisten verweigern jede theologische Modernisierung und orientieren sich eng am Wortlaut des Koran, dem Leben des Propheten und den ersten drei Generationen frommer Muslime. Da sie sich als die einzig wahren Gläubigen betrachten, zeigen sich Salafisten intolerant anderen Glaubensgemeinschaften - insbesondere auch anderen Muslimen - gegenüber. Als Vertreter eines rückwärtsgewandten Ur-Islams lehnen sie Demokratie und Gleichberechtigung als "unislamisch" ab und streben nach einer Gesellschaft, in der die islamische Rechtsordnung "Scharia" gilt.

In Deutschland leben nach Schätzungen bis zu 5000 Salafisten. Teile von ihnen werden als Sammelbecken radikaler und gewaltbereiter Muslime betrachtet und verdächtigt, in Kontakt zu verschiedenen Terrornetzwerken wie dem sogennanten Islamischen Staat zu stehen.

Die deutschen Salafisten verstehen den Islam also gar nicht?

Viele deutsche Salafisten sind solche Dilettanten in Sachen Islam, dass man sie eigentlich mehr als eine trendy Subkultur betrachten sollte – in einer Randgruppe ist Salafismus regelrecht "in". Da stellt sich schon die Frage: Hat das überhaupt etwas mit Islam zu tun? Oder ist das eine radikale Jugendkultur, die versucht, ein einfaches Lebensmodell zu finden. Salafismus kommt Leuten, die nur einen beschränkten Kulturhorizont haben, genauso entgegen wie Rechtsradikalismus. Rechtsradikalismus und Salafismus in Deutschland sind vereinfachte Ideologien, die auf irgendwelchen verdrehten Gründermythen beruhen und gar nichts mit der politischen und gesellschaftlichen Komplexität zu tun haben. Das sind menschenfängerische Weltanschauungen.

Viele junge Muslime und auch Konvertiten lassen sich von dieser vereinfachten Weltanschauung anziehen …

Salafisten behaupten einfach, sie seien die einzigen Gläubigen und versprechen die Lösung aller Probleme. Sie sagen: "Schaut her, bei uns gibt es keine Drogensüchtigen und Ihr kommt in den Himmel". Sie bieten gesellschaftlich Entfremdeten ein sehr vereinfachtes Weltbild, ohne sich mit komplexen Interpretationen auseinanderzusetzen – sie behaupten, es stünde alles schwarz auf weiß, wie man als gläubiger Moslem leben muss. Auch bieten sie die Möglichkeit der Sündenreinwaschung, wenn man gläubig wird – so eine Art Heilslehre. Außerdem ist der Salafismus ein einfaches Protestelement. Als Protestler sucht man sich ja immer etwas raus, das gar nicht zur etablierten Gesellschaft passt.

Vor welche Herausforderung stellen die Salafisten einen Rechtsstaat wie Deutschland?

Die Herausforderung liegt ja darin, überhaupt einen europäischen Islam zu entwickeln. Man muss den Salafisten klar machen, dass der Salafismus ein islamischer Irrweg ist, denn natürlich lässt es sich als Moslem in Europa mit den Grundwerten der europäischen Gesellschaft zusammen leben. Ein Kernproblem ist die generelle totale Unkenntnis und das mangelnde Kompetenzniveau in Deutschland in Sachen Islam. Und in Deutschland – und in ganz Europa – wird es keine Lösung geben, wenn wir nicht selbstverständlicher mit dem Islam umgehen und dazu beitragen, einen europäischen Islam zu erschaffen. Das ist natürlich eine gigantische Herausforderung.

Hätte man anders auf die Koranverteilung reagieren müssen?

Asiem El Difraoui arbeitet für die Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Asiem El Difraoui arbeitet für die Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Diese Koranverteilung wurde einfach hochgespielt. Die Salafisten waren ja intelligent genug, eine relativ gute, moderate Übersetzung des Korans zu verteilen. Eigentlich hätte man auch sagen können: Ja toll, die schenken uns allen ein Buch, dieses Buch ist genauso wichtig wie die Thora und die Bibel und jetzt haben wir mal eines zu Hause. Meiner Meinung nach kann man die Salafisten natürlich nicht ignorieren, aber statt panisch etwas aufzubauschen, müsste man gelassen ihre Argumente widerlegen.

Und jetzt hat man ihnen erst eine Bühne geboten, sich zu präsentieren?

Ja, denn es sind ja nicht besonders viele Salafisten in Deutschland, nur sind sie jetzt sehr artikuliert geworden und freuen sich natürlich auch über die Publicity. Im Moment gibt es auch eine Publicity- Symbiose zwischen Rechtsradikalen und den Salafisten – im Grunde spielen wir hier ein Spiel. Jederlei Aufmerksamkeit ist den Salafisten recht. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, je mehr Aufmerksamkeit sie bekommen, desto mehr verirrte Seelen können sie einsammeln.

Hat es geholfen, dass sich der Zentralrat der Muslime von den Aktionen der Salafisten distanziert hat, oder hat sich die Angst vor dem Islam trotzdem vergrößert?

Natürlich hilft das, wenn sie sich distanzieren, das ist ja auch notwendig. Aber das reicht nicht aus, und das liegt auch nicht nur in muslimischer Hand. Die Islamophobie in Deutschland besteht längst und die Deutschen haben ja auch bisher die Herausforderung eines sinnvollen Umgangs mit dem Islam nicht angenommen.

Mit Asiem El-Difraoui sprach Jana Nikolin.

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Quelle: n-tv.de