Dossier

Der falsche Weg in Afghanistan? Einsatz von Milizen ist umstritten

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Kämpfer einer afghanischen Miliz.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Der Einsatz von Milizen in Afghanistan weist zwar Erfolge im Kampf gegen die Taliban auf. Aber viele beobachten die zunehmende Bewaffnung der Gruppen mit Skepsis.

Die Bombe detonierte an Heiligabend vor dem Haus von Selaab Khan in Kundus-Stadt und tötete zwei seiner Leibwächter. Khan überstand auch diesen Anschlag auf sein Leben unverletzt. Für die Taliban ist er ein lohnendes Ziel: Khan kommandiert eine Taliban-feindliche Miliz in der nordafghanischen Provinz Kundus. Provinzgouverneur Mohammad Omar setzt angesichts der eskalierenden Gewalt im Einsatzgebiet der Bundeswehr auf den Einsatz von Bürgerwehren. Das Projekt könnte zum Bumerang werden. Milizen haben Afghanistan schon einmal in den Untergang getrieben - und in den 90er Jahren überhaupt erst zum Aufstieg der Taliban geführt.

Der Einsatz der Milizen gegen die nach Schätzungen mehreren hundert Taliban-Kämpfer in Kundus ist ein Akt der Verzweiflung. Der Gouverneur sagt, den ausländischen und afghanischen Sicherheitskräften sei es nicht gelungen, die Lage zu verbessern. "Wir haben keine Wahl gehabt." Das Wort Milizen, das Erinnerungen an marodierende Banden und den Bürgerkrieg nach dem Abzug der Sowjets heraufbeschwört, will Omar vermeiden. Er sagt, die "Kräfte" seien kampferprobt und würden keine Probleme bereiten. Der Geheimdienst NDS helfe dabei, sie mit Waffen zu versorgen. "Wenn in einem deutschen Bundesland so eine Unsicherheit herrschen würde, dann würden die Menschen dort auch darum bitten, bewaffnet zu werden."

Idee aus Kabul

Die Idee zum Einsatz von Milizen wurde von der Regierung in Kabul geboren, in Kundus setzte der Gouverneur sie sofort um. Amir Miralam folgte dem Ruf und zog an der Spitze einer bewaffneten Gruppe im Distrikt Chanabad in den Kampf. Der NDS und die Polizei hätten seine Männer ausgerüstet, sagt er, andere Waffen seien von den Taliban erbeutet worden. "Wir haben einige Anführer der Taliban getötet." Die verbliebenen Aufständischen seien vor seinen Kämpfern in den Unruhedistrikt Char Darah geflohen. "Wenn die Regierung uns anführt, dann können wir sie auch aus Char Darah vertreiben."

Miralam will nicht Milizen-Kommandeur genannt werden, er meint, er sei nur dem Appell gefolgt, "eine Gruppe zu bilden". Wenn ausreichend Waffen zur Verfügung gestellt würden, sagt er, dann könne er eine Truppe von bis zu 500 Mann auf die Beine stellen.

Entwaffnungsprogramme erfolglos

Kommandeur Khan hat kein Problem mit dem Begriff Miliz. Seine um ihn gescharten Männer tragen zivile Kleidung oder zusammen gewürfelte Uniformteile - und Kalaschnikows. Die Schnellfeuergewehre stammten nicht vom NDS, sagt Khan. Die Männer hätten sie gekauft oder ohnehin noch zu Hause versteckt gehabt. Das wirft auch ein Schlaglicht darauf, wie wirkungslos die von der Staatengemeinschaft mit vielen Millionen Euro bezahlten Entwaffnungsprogramme für afghanische Milizen in den vergangenen Jahren waren. Khan sagt, damals hätten die Männer gegen die angebotene Entschädigung zwar eine Waffe abgegeben - aber vier weitere behalten.

Auch Khan sagt, seine 100 bis 200 Kämpfer würden nicht bezahlt. "Wir wurden vom Gouverneur ermutigt, uns zu organisieren und gegen die Taliban aufzulehnen", sagt der Ex-Mudschaheddin, der nach seinen Worten bereits gegen die Rote Armee kämpfte. "Die Regierung konnte die Taliban nicht besiegen." Eigentlich würde er es bevorzugen, seinem Job als Autoverkäufer nachzugehen. "Wenn es keine Taliban gäbe, wäre ich lieber kein Milizen-Kommandeur. Ich muss kämpfen, weil es keine andere Lösung gibt." Nach dem letzten Anschlag auf sein Leben hatte er betont: "Wir werden unseren Kampf gegen sie (die Taliban) fortsetzen, bis wir sie aus dieser Region herausschmeißen." Für sich und seine Männer sagt Khan nun: "Wir werden den Menschen und der Regierung keinen Ärger bereiten, das versichere ich Ihnen."

Faktisch illegale bewaffnete Gruppen

Ausländische Militärs in Afghanistan betrachten den zunehmenden Einsatz der Milizen in Kundus mit gemischten Gefühlen. Die Milizen trügen zum taktischen Erfolg gegen die Taliban bei, heißt es. Sie seien aber faktisch illegale bewaffnete Gruppen, die mittel- bis langfristig zum Problem werden könnten. Einzige Lösung sei, die Milizen in die afghanischen Sicherheitskräfte überzuführen. Zivile Beobachter befürchten, für Truppensteller-Nationen könnte der Einsatz der Milizen trotz aller langfristigen Gefahren für die Stabilität Afghanistans verlockend wirken: Die Regierungen im Westen stehen unter innenpolitischem Druck, die Verantwortung für die Sicherheit in den Provinzen möglichst schnell an die Afghanen abzugeben.

Der Einsatz von Milizen "ist der falsche Weg", sagt ein westlicher Diplomat in Kabul. "Es sendet eine falsche Botschaft an die Menschen aus: Dass die Staatengemeinschaft nicht daran interessiert ist, einen nachhaltigen zivilen Apparat aufzubauen." Die Antwort auf die schlechte Sicherheitslage sei nicht, Milizionäre zu rekrutieren, sondern die afghanischen Sicherheitskräfte schneller aufzubauen. "Es gibt schon genug unerlaubte Waffen in diesem Land", sagt der Diplomat. "Ich glaube kaum, dass wir noch mehr brauchen."

Quelle: n-tv.de, Can Merey, dpa