Dossier

Israel im Wahlkampf Geschmacksverirrungen statt Plakate

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Wahlkampfplakat der Shaspartei: "Ein Staat mit Seele"

(Foto: REUTERS)

Aufwendig hergestellte, teilweise geschmacklose Filmchen für das Internet, händeschüttelnde Politiker auf dem Wochenmarkt, im Nachtclub und vor der Klagemauer: Der Wahlkampf in Israel erreicht seinen Höhepunkt. Doch trotz aller Bemühungen bleiben die Wähler ratlos zurück.

Die hochgewachsene blonde Braut steht neben ihrem untersetzten Bräutigam orientalischer Herkunft. Zwischen ihnen steht ein klobiges Faxgerät. Alle warten auf den Beginn der Zeremonie. "Moment", ruft die Braut und gibt die Kurzwahl "Sternchen, Übertritt" ein. Schon spuckt das Gerät ein Dokument aus. "Bist du etwa keine Jüdin", fragt der verdatterte Bräutigam, marokkanische Musik im Hintergrund. "Da", ruft die Braut auf Russisch, "jetzt ja." Dieses Wahlkampffilmchen der orientalisch frommen Schaspartei sollte den abschätzigen Umgang mit den hehren Werten der jüdischen Religion kritisieren.

Doch Oberrichter Eljakim Rubinstein konnte über diese Parodie gar nicht lachen. Als Vorsitzender des Wahlkampfkomitees ließ er den Film wegen "rassistischer Hetze" absetzen. Auch andere Parteien litten nach Ansicht von Rubinstein unter Geschmacksverirrungen und mussten ihre aufwendig hergestellten Filmchen wieder zurückziehen.

So ließ eine arabische Partei per Trickfilm nationalistische Politiker wie Avigdor Lieberman und Benjamin Netanjahu die israelische Nationalhymne auf Arabisch singen. Das ging zu weit und wurde wegen "Verhöhnung nationaler Werte" abgesetzt. Die linksgerichtete und anti-religiös eingestellte Meretzpartei musste sich entschuldigen, in einem ihrer Filmchen Bilder der achtjährigen Naama Margoliot aus Beth Schemesch verwendet zu haben. Im vergangenen Jahr hatte ein orthodoxer Jude das Mädchen wegen "unzüchtiger Kleidung" bespuckt. Ganz Israel kochte nach diesem Vorfall. Die Mutter des Mädchens bat die Meretz Partei, das Kind nicht zusätzlich zu quälen und für den Wahlkampf zu missbrauchen. Doch die Verbote nützen nicht viel, da alles im Internet abrufbar bleibt.

Wo sind die Wahlplakate?

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Seltener Anblick: Wahlkampfplakat von Benjamin Netanjahu

"Einen so eigentümlichen Wahlkampf habe ich noch nie erlebt", sagt ein Taxifahrer. "Man sieht nichts davon auf den Straßen." Tatsächlich sind fast nirgendwo Wahlplakate zu sehen. Mal ein kleines Plakat am Heck eines Linienbusses oder ein einzelner "Bibi" (Spitzname von Benjamin Netanjahu) an einer Straßenecke. Selbst die von Kindern an Ampeln ausgeteilten Handzettel sind nicht dreifarbig auf Hochglanzpapier gedruckt, sondern mit heimischen Druckern schwarz-weiß vervielfältigt.

Die entscheidenden Werbekampagnen sind ins Internet abgewandert und besonders in soziale Netzwerke wie Facebook. Ganz überraschend ist diese Entwicklung nicht, denn in Israel wird der Wahlkampf traditionell in elektronischen Medien ausgetragen, zumal Anzeigen in Zeitungen nur eine viertel Seite groß sein dürfen und inhaltlichen Beschränkungen unterliegen.

Drei Mal täglich werden also im Radio und Fernsehen Reklamesendungen mit unterschiedlichem Niveau ausgestrahlt. Erst wird der symbolische Buchstabe der Partei genannt, zum Beispiel "EMT" für die Arbeitspartei, was auf Hebräisch "Wahrheit" bedeutet. Zipi Livni wirbt mit dem "ZI" ihres Vornamens. Yair Lapids Partei "Es gibt eine Zukunft" lockt die Wähler mit "PH", ausgesprochen "Po", was "Hier" bedeutet. Eine rechtsradikale Partei wählte "NZ" ("Falke"). Den delikaten Buchstaben für ein weiches "S", "Sain" ausgesprochen, ist es eine schmutzige Bezeichnung für das männliche Glied. Den ließ sich die "Neue Land"-Partei reservieren. Ihre langhaarigen Kandidaten werben für kostenlosen Download von Musik aus dem Internet.

Die symbolischen Buchstaben spielen eine große Rolle. Denn in Israel malt man kein Kreuzchen auf eine Liste. Im Wahllokal stehen Zettelkästen. Man pickt sich den Zettel mit der gewünschten Buchstabenkombination heraus und steckt ihn in einen Briefumschlag. Die Buchstaben müssen also ein möglichst großen Wiedererkennungseffekt haben.

Wahlkampf in persona

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Handgedruckt: Die Partei "Yesh Atid" (Es gibt eine Zukunft) mit traditionellen Wahlmittel. Gut sichtbar: Das Kürzel der Partei unten rechts.

Manche Politiker baggern sich aber noch durch das ganze Land und beschwätzen Wähler persönlich im häuslichen Kreis. Ohne Voranmeldung lief die "linke" Vorsitzende der Arbeitspartei durch den Machaneh Jehuda Gemüsemarkt in Jerusalem, eine klassische Hochburg der "Rechten". Da hängen noch Wahlkampfplakate aus den "guten alten Zeiten" mit dem Abbild von Menachem Begin aus den siebziger Jahren.

Ebenfalls "spontan" besuchte Premierminister Netanjahu einen Schwulen- und Lesben-Nachtklub. In den Vierteln der Ultra-Orthodoxen schaukeln schwarzgekleidete Männer mit großen Hüten auf dem Kopf im Gebet, um dann der Predigt eines Rabbi mit Rauschebart zu lauschen. Der wettert gegen Absichten der "Weltlichen", Talmudschüler durch Wehrdienst vom frommen Studium abzulenken.

Im Gegensatz zu früher dürfen die Politiker mittlerweile auch während des Wahlkampfes in den Medien aufzutreten. "Aber bitte keine Wahlkampfparolen", flehen die Moderatoren pflichtgemäß, während die interviewten Wahlkämpfer geschickt oder plump ihre Botschaften an den Mann bringen. Da darf dann der Premierminister in einem "Exklusivinterview" die großartigen Erfolge seiner Regierungszeit aufzählen, die blühende Wirtschaft, kostenlose Zahnbehandlung für Kinder, sinkende Arbeitslosigkeit und eine "verantwortungsvolle Außen- und Sicherheitspolitik". Ein Oppositionspolitiker kontert, wie Netanjahu in "unverantwortlicher Weise" den Staat Israel in die internationale Isolation treibe, die Welt mit Siedlungen unnötig provoziere und mit sinnlosen Rüstungskäufen den Mittelstand in die Armut stürze.

Hochkonjunktur haben auch Politologen und Umfrageexperten. Da die Umfrageergebnisse wegen des hohen Anteils "Unentschiedener" und den etwa 25 Prozent, die diesmal "nicht wählen wollen", erheblich schwanken, haben die Experten jede Menge Raum für Spekulation.

Ratlose Wähler

Egal, welche Kanäle gewählt werden – eine Entscheidungshilfe bieten die Wahlkampagnen offenbar nicht: Ein abgelauschtes "Streitgespräch" zwischen Sarah, ihrem Mann und einem älteren Ehepaar steht für die Stimmung im Land. Sarah: "Den Netanjahu halte ich für gefährlich. Aber wen sollte man wählen, um den abzuschaffen? Die beiden Zicken, Zipi Livni und Shelly Jechimowitch, sind doch unsäglich." Isaak ist fromm und fleht das jüngere Paar an, doch Schas zu wählen, die orientalisch-fromme Partei, damit wenigstens die jüdischen Werte respektiert würden. "Aber wenn jetzt der heilige Rabbi Ovadja wegen Hirnschlag ausfällt, kann ich Schas eigentlich nicht mehr wählen", sagt Isaak grübelnd. Das Los zieht seine Frau: "Ich habe den Beschluss gefasst, nicht zu wählen. Ich wüsste nicht, wem ich die Stimme geben sollte."

Wahlbeobachter bestätigen diese typische Ratlosigkeit. Es gehe in diesem Wahlkampf weder um Ideologie noch um handfeste Themen. Frieden mit einer arabischen Welt im Chaos oder mit Palästinensern, die wetteifern, den jüdischen Staat abzuschaffen, stünde nicht zur Debatte. Alle sind sich einig, dass Israel angesichts der arabischen Umwälzungen die Armee stärken muss. Deshalb bleibe kein Geld übrig, verarmten Alten zu helfen oder Wohnungen zu subventionieren. "Bei diesem Wahlkampf geht es allein um die Gesichter und Namen der Politiker, nicht um Inhalte", meinte ein Politologe im Rundfunk.

Quelle: n-tv.de

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