Dossier

Papst und Fußball Heimkehr ins Paradies

Am 26. Oktober 2005 war es soweit: Papst Benedikt XVI. empfing "Kaiser" Franz Beckenbauer sowie Ex-Nationalmannschafts-Teamchef Rudi Völler in Rom und outete sich dabei mit Blick auf die Fußball-WM 2006 als Fan. "Ich werde alle wichtigen Spiele im Fernsehen verfolgen", versicherte der Pontifex im Gespräch mit OK-Präsident Beckenbauer, der sich seinerseits tief beeindruckt zeigte: "Dies war einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Es ist ein Erlebnis, mit dem Papst über Fußball sprechen zu dürfen."

Dabei hat der Bayer Joseph Ratzinger, einst Kardinal von München und Freising, schon vor vielen Jahren über den Fußball sinniert. In einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks vom Juni 1978, anlässlich der WM-Endrunde in Argentinien, analysierte Ratzinger gewohnt scharfsinnig das Phänomen Fußball.

"Fußball ist zu einem globalen Ereignis geworden, das die Menschen rund um unseren Erdkreis über alle Grenzen hinweg in ein und derselben Seelenlage in Hoffnung, Ängsten, Leidenschaften und Freuden verbindet. Kaum irgendein anderer Vorgang auf der Erde kann eine ähnliche Breitenwirkung erzielen. Das zeigt, dass hier etwas Urmenschliches angesprochen sein muss, und es steht die Frage auf, worin diese Macht des Spiels begründet liegt", erklärte Ratzinger, dessen Gedanken in der Würzburger "Tagespost" am 7. Juni 1978 Niederschlag fanden. Der Beitrag trug den Titel "Fußballbegeisterung kann mehr sein als bloße Unterhaltung".

Der Papst weiter: "Denn das ist letztlich mit dem Spiel gemeint: ein Tun, das ganz frei ist, ohne Zweck und Nötigung, und das dabei doch alle Kräfte des Menschen anspannt und ausfüllt. In diesem Sinne wäre das Spiel also eine Art versuchter Heimkehr ins Paradies: das Heraustreten aus dem versklavten Ernst des Alltags und seiner Lebensbesorgung in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und gerade darum schön ist."

Das Spiel habe aber vor allem beim Kind noch einen anderen Charakter: "Es ist Einübung ins Leben. Es symbolisiert das Leben selbst und nimmt es sozusagen in einer frei gestalteten Weise voraus. Mir scheint, die Faszination Fußball bestehe wesentlich darin, dass er diese beiden Aspekte in einer sehr überzeugenden Form verbindet." Der Fußball nötige den Menschen, zunächst sich selbst in Zucht zu nehmen, so dass er durch "Training die Verfügung über sich gewinne, durch Verfügung Überlegenheit und durch Überlegenheit Freiheit".

Als Mannschaftsspiel zwinge der Fußball zur Einordnung des Eigenen ins Ganze, "Erfolg und Misserfolg jedes einzelnen liegen in Erfolg und Misserfolg des Ganzen", philosophierte er und ging auch auf die Rolle des Fußball-Zuschauers ein: "Im Zusehen identifizieren sich die Menschen mit dem Spiel und den Spielern und sind so sehr am Miteinander und Gegeneinander, an seinem Ernst und seiner Freiheit beteiligt. Die Spieler werden zum Symbol des eigenen Lebens; das wirkt wieder auf sie zurück. Sie wissen, dass die Menschen in ihnen sich selbst darstellen und bestätigt finden."

Der heutige Papst geht auch auf die Auswüchse des Profi-Fußballs ein, wenngleich vor 27 Jahren noch vergleichsweise 'paradiesische' Verhältnisse vorherrschten. Ratzinger in seiner auch auf heutige Verhältnisse übertragbaren Analyse: "Natürlich kann dies alles verdorben werden durch einen Geschäftsgeist, der das Ganze dem düsteren Ernst des Geldes unterwirft und das Spiel aus einem Spiel in eine Industrie verkehrt, die eine Scheinwelt von erschreckendem Ausmaß hervorbringt. Aber selbst diese Scheinwelt könnte nicht bestehen, wenn es nicht den positiven Grund gäbe, der dem Spiel zugrunde liegt: die Vorübung des Lebens und die Überschreitung des Lebens in Richtung des verlorenen Paradieses."

Der heutige Papst beendete seine Gedankengänge mit der Schlussfolgerung: "Das Spiel ein Leben - wenn wir in die Tiefe gehen, könnte das Phänomen einer fußballbegeisterten Welt uns mehr geben als bloße Unterhaltung."

(Ralph Durry, sid)

Quelle: ntv.de

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