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Strahlen-Angst im Südsee-Paradies Insulaner wollen nicht zurück

Vor über 50 Jahren testeten die USA eine gewaltige Wasserstoffbombe über dem Bikini-Atoll. Nun setzen sie den Atomtest-Flüchtlingen von damals ein Rückkehr-Ultimatum.

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In den 1940er und 1950er Jahren war der Bikini-Atoll Schauplatz zahlreicher US-Kernwaffentests.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass eine gewaltige Atomexplosion die Nacht in der Südsee zum Tage machte und eine Pilzwolke in den Himmel über dem Bikini-Atoll steigen ließ. Im März 1954 testeten die USA über den Marshall-Inseln im Westpazifik eine enorme Wasserstoffbombe. Es war eines der schwärzesten Kapitel der US-Militärgeschichte: Hunderte Insulaner mussten ihre verstrahlte Heimat auf Bikinis Nachbaratoll Rongelap verlassen, noch heute leben etwa 400 Menschen in einer Notunterkunft. Die USA haben ihnen ein Ultimatum gesetzt, endlich wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Doch die Insulaner haben Angst vor Strahlen, Krankheiten und Armut.

"Ich will nicht nach Rongelap zurück", sagt der 70-jährige Lemeyo Abon, der an der Spitze einer Überlebenden-Vereinigung steht. "Ich habe Angst, eine Rückkehr würde für uns den Tod bedeuten", sagt er. "Wollen uns die Vereinigten Staaten wirklich vollends eliminieren?" Der Zorn auf die USA ist groß unter den Atomflüchtlingen, die in einem Lager auf dem Kwajalein-Atoll leben. Die USA haben ihnen eine Frist bis Oktober 2011 zur Rückkehr auf die Heimatinsel Rongelap gestellt. Andernfalls würden sie ihre Finanzhilfen für die Geflohenen einstellen. Es bestehe keine Gefahr mehr, beteuert Washington.

Trauma und Misstrauen

Die Menschen hier sind freilich immer noch traumatisiert, sie misstrauen den USA. Die Marshall-Inseln sind nur winzige Tupfer in den Weiten des Pazifiks. Seit 1990 sind sie eine unabhängige Republik mit 63.000 Einwohnern, knapp die Hälfte lebt in der Hauptstadt Majuro. Gerade wegen der Abgelegenheit der Inseln führten die USA hier eine enorme thermonukleare Explosion mit 15 Megatonnen Sprengkraft herbei - ohne die Einheimischen auf den umliegenden Inseln zu warnen. Ein gewaltiger Atom-Sturm setzte die Insulaner einer hohen Strahlendosis aus, Überlebende berichten von Erbrechen, Verbrennungen und Haarausfall.

Erst 48 Stunden nach der Explosion wurden die Menschen von Rongelap evakuiert. Drei Jahre später wurden sie nach Hause geschickt. 1985 mussten sie die Insel abermals verlassen, diesmal für immer. Bis dahin hatten sich die katastrophalen Spätfolgen des Atomtests gezeigt: Eine Mehrheit der Bewohner entwickelte Krebstumore vor allem an der Schilddrüse, viele Kinder wurden tot oder mit schweren Missbildungen geboren. "Das Gift ist immer noch da, man kann es nur nicht sehen und schmecken", sagt der Überlebende Abon.

Säuberung nur auf der Hauptinsel

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Den Evakuierten gehen die Zusicherungen zur atomaren Säuberung nicht weit genug.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die USA wollen das schmerzhafte Kapitel am liebsten abschließen. Washington stellte 45 Millionen Dollar bereit, um Rongelap zu säubern, ein Kraftwerk und eine Meerwasserentsalzungsanlage zu bauen. Die obersten 40 Zentimeter Erde wurden abgetragen und durch gedüngte Korallenkiesel ersetzt. "Die Strahlendosis auf Rongelap ist niedriger als die Normalwerte in den USA und Europa", sagt Terry Hamilton vom US-Nationallabor Lawrence Livermore in Kalifornien. Patricia Worthington von der Gesundheitsabteilung des US-Energieministeriums weist darauf hin, dass ihre Behörde ein Sicherheitskontrollprogramm auf Rongelap aufbauen wolle.

Den Evakuierten von Rongelap gehen die Zusicherungen der USA aber nicht weit genug. James Matayoshi, der Bürgermeister der Flüchtlinge aus Rongelap, weist darauf hin, dass die atomare Säuberung nur der Hauptinsel des Rongelap-Archipels gegolten habe. Die Gruppe umfasst aber mehr als 60 Inselchen, manche von ihnen seien früher für Nahrungsmittelproduktion genutzt worden, was nun nicht mehr möglich sei.

Die Menschen hätten Angst, selbst angebaute Nahrungsmittel zu essen, sagt Matayoshi. Die Inseln seien indes so abgelegen, dass nur alle drei bis vier Monate ein Versorgungsschiff der marshallischen Regierung mit Nahrungsmitteln vorbeikommen könne. "Es ist schwer für mich, nur ein Wort von dem zu glauben, was die Amerikaner sagen", bringt der Überlebende Abon die Stimmung auf den Punkt. "Was sie uns angetan haben, ist kriminell."

Quelle: n-tv.de, Giff Johnson, AFP

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