Dossier

Besuch im Westjordanland Israel will Reiseverbot aufheben

Die palästinensische Autonomiebehörde hofft auf Touristen aus Israel. Die könnten bald kommen: Die israelische Armee erwägt, das Ausreiseverbot für jüdische Israelis in das Westjordanland aufzuheben.

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Bethlehem liegt im Süden von Jerusalem; nördlich der Stadt verläuft die israelische Sperranlage.

(Foto: REUTERS)

Zehn Jahre lang waren Bethlehem und Ramallah, Nablus und Hebron für jüdische Israelis eine Tabuzone. Ende 2000, nach Ausbruch der sogenannten Al-Aksa-Intifada, nachdem mehrere jüdische Israelis in den palästinensischen Autonomiegebieten entführt oder ermordet worden waren, hatte der verantwortliche Militärgouverneur ein striktes Verbot für Israelis erlassen, die Palästinensergebiete zu betreten. Jetzt erwägt General Avi Misrachi, Befehlshaber des Gebietes "Mitte", die palästinensischen Gebiete wieder für Juden freizugeben. Schon vor drei Jahren war israelischen Arabern die Einreise in einige autonome Städte erlaubt worden.

Nachdem Israel die meisten Straßensperren im Westjordanland weggeräumt hat, warnen knallrote Tafeln oder handgemalte hebräische Aufschriften auf Betonblöcken Israelis vor einer Fahrt in die Palästinensergebiete. Um das israelische Verbot durchzusetzen, haben palästinensische Polizisten in Jericho und Bethlehem eigene Straßensperren errichtet und überprüfen Autos mit gelben israelischen Kennzeichen. Manchmal begnügen sie sich mit der Auskunft, dass der Fahrer ein deutscher Korrespondent sei, doch in manchen Fällen gehen sie auf Nummer sicher und wollen den Pass sehen, ehe sie mit einem "Welcome to Palestine" eine gute Weiterfahrt wünschen.

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Ganz neue Sitten: Wer die Parkuhr nicht füttert, wird angekrallt.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Die israelisch-palästinensische Kooperation im Westjordanland sei heute besser "als jemals zuvor seit Unterzeichnung der Osloer Verträge" 1993, wird ein Militär in der israelischen Tageszeitung "Haaretz" zitiert. Zum ersten Mal seit zehn Jahren besuchten am vergangenen Donnerstag israelische Offiziere ein Trainingszentrum der palästinensischen Polizei in Jericho. Offiziere in den unterschiedlichsten Uniformen saßen Seite an Seite auf der Tribüne.

Parkuhren in Nablus

Nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern hat sich sichtbar verbessert. Manche palästinensische Städte wie Dschenin oder Nablus konnten vor drei Jahren nur unter Lebensgefahr besucht werden, weil unberechenbare bewaffnete Banden die Straßen und Basare unsicher machten. Diplomaten und Journalisten konnten nur mit Polizeischutz und in gepanzerten Wagen Besuche in diesen Städten wagen.

Inzwischen hat sich die Lage völlig beruhigt. Mitten in Nablus sind inzwischen Parkuhren aufgestellt worden. Ein Ehepaar diskutierte vor einigen Tagen verzweifelt mit dem Fahrer eines Abschleppwagens, der ihrem roten PKW eine aus Israel stammende Kralle an das Vorderrad montiert hatte. Das Paar hatte die Parkuhr nicht mit Groschen gefüllt. In Ramallah erzählt ein Palästinenser, er habe doch tatsächlich einen Strafzettel über 100 Euro erhalten, weil er vergessen hatte, sich anzuschnallen. Ein Christ beklagte sich, in Bethlehem einen Strafzettel erhalten zu haben, weil er während des muslimischen Fastenmonats in seinem Auto eine Zigarette geraucht zu haben, also sozusagen in der Öffentlichkeit.

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Der erste israelische Tourguide in Bethlehem im Gespräch mit einem palästinensischen Polizisten.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Für die Palästinenser sind das ungewohnte neue Verhältnisse, zumal man vor drei Jahren noch Autos ohne Nummernschilder und ohne Lampen herumfahren sah. Jetzt herrscht "law and order". Damit einher geht ein unbeschreiblicher wirtschaftlicher Aufschwung. Die neuesten Modelle einer Automarke Namens "Mersdes Bens" warten bei Nablus auf Käufer. Die palästinensische Autonomiebehörde selbst hofft auf Besuche von Israelis, weil das dem Tourismus in den Palästinensergebieten einen erheblichen Anstoß geben könnte. Vor kurzem durfte zum ersten Mal seit zehn Jahren ein israelischer Reiseführer eine Gruppe deutscher Bürgermeister im Bus nach Bethlehem bringen und ihnen die Geburtskirche zeigen.

Gemeinsamer Feind

Die israelischen Militärs sagen, dass die palästinensischen und israelischen Sicherheitskräfte so gut miteinander auskommen, weil sie heute "auf Augenhöhe" miteinander reden und die Palästinenser nicht mehr das Gefühl haben, nur drangsalierte Befehlsempfänger zu sein. Entscheidend sei die Angst vor einem gemeinsamen Feind: der Hamas.

Die Furcht vor den Islamisten ist bei der Autonomiebehörde noch größer als bei den Israelis. Soldaten, die mit Journalisten eigentlich nicht reden dürfen, erzählten unter der Hand, dass die Israelis vom palästinensischen Geheimdienst Hinweise auf Wohnungen von Hamasleuten erhalten, in denen möglicherweise Waffen versteckt seien. Nachts verschwinden die palästinensischen Polizisten und überlassen israelischen Kommandos, die Häuser zu durchsuchen. Als vor einigen Wochen rechtsradikale Israelis nach Jericho eindrangen, wurde sogar im Fernsehen gezeigt, wie israelische Militärjeeps in die palästinensische Stadt eindrangen, um die israelischen Demonstranten zu vertreiben. Die palästinensischen Sicherheitskräfte hielten gebührende Distanz, um ihre israelischen Kollegen nicht zu stören.

Quelle: n-tv.de