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Im "Herzen der Finsternis" Kampf gegen die Taliban

Die Uhr tickt gegen die Staatengemeinschaft, die Großoffensive soll den Druck gegen die Taliban erhöhen. Aber es stellt sich auch die Frage: Wann ist eine Militäraktion sinnvoll?

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15.000 Soldaten sind an der Offensive beteiligt.

(Foto: REUTERS)

Vor Beginn der Operation "Muschtarak" schwor der Kommandeur einer britischen Pioniereinheit seine Soldaten auf eine schwierige Mission ein. "Es ist verdammt gefährlich dort draußen", sagte Oberstleutnant Matt Bazeley. "Wir gehen in das Herz der Finsternis." Dann rollte in der südafghanischen Provinz Helmand die größte Offensive gegen die Aufständischen seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 an. "Muschtarak" kommt weitaus mehr Bedeutung zu als einer reinen Militäroperation. Geht es nach dem Willen der Staatengemeinschaft, soll die Offensive den Auftakt für eine Wende zum Guten in Afghanistan bilden.

15.000 Soldaten werfen die afghanische Armee und die Internationale Schutztruppe ISAF in die Schlacht gegen die Taliban, Amerikaner und Briten stellen die größten ausländischen Kontingente. "Muschtarak" bedeutet in der Landessprache Dari "Gemeinsam", einheimische und ausländische Soldaten kämpfen Seite an Seite und zumindest offiziell unter afghanischem Kommando. Nicht nur die Truppenstärke, auch andere Faktoren unterscheidet "Muschtarak" von den zahlreichen früheren Operationen in Afghanistan - die den Abwärtstrend am Hindukusch allesamt nicht aufhalten konnten.

Offensive wurde angekündigt

Anders als in der Vergangenheit wurde die jüngste Offensive Tage vorher angekündigt. ISAF und afghanische Regierung nahmen in Kauf, das Überraschungsmoment zu vergeben. Ihr Ziel: Mitläufer der Taliban sollten dazu bewogen werden, nicht zu kämpfen, und Zivilisten sollten vorgewarnt werden. Vor der Operation warf die ISAF Flugblätter über der Region ab, in denen die Bevölkerung aufgefordert wurde, Taliban kein Obdach zu gewähren und sich von Stellungen der Aufständischen fernzuhalten. Zivile Opfer, die dem Image der ausländischen Truppen in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren schwer geschadet haben, sollen unbedingt vermieden werden.

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Die Bevölkerung war aufgefordert worden, die Angriffsziele zu verlassen.

(Foto: dpa)

ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal hat seine Soldaten schon vor Monaten auf einen neuen Kurs eingeschworen: Priorität hat demnach der Schutz der Bevölkerung, nicht das Töten von Taliban. Die Bevölkerung wird dennoch unter der jüngsten Offensive leiden. Hunderte Zivilisten sind vor Beginn der Operation aus Mardscha geflohen, jenem Distrikt, den die Truppen der Kontrolle der Taliban entreißen wollen. Was für den britischen Offizier das "Herz der Finsternis" ist, ist für die Menschen dort ihre Heimat, aus der die Gewalt sie nun vertrieben hat. Unter den Flüchtlingen in der Provinzhauptstadt Laschkarga ist wenig Zuversicht zu spüren, dass die Offensive ihnen dauerhaften Frieden bringen könnte.

Flüchtlinge haben Angst vor Taliban

"Dieser Krieg wird weder von den Taliban noch von den Ausländern gewonnen werden", meint der Flüchtling Abdul Wali. Die Taliban seien Teil der Bevölkerung, sie würden während der Offensive untertauchen und ihre Waffen verstecken. Die Flüchtlinge treibt die Sorge um, dass die Truppen wieder abziehen könnten - und die Taliban das Machtvakuum dann erneut füllen. Operationen seien nur sinnvoll, wenn die Gegend gehalten werde und Wiederaufbau stattfinden würde, sagt Wali. "Aber sie (die Ausländer und die afghanische Regierung) machen das nicht. Es ist, als würde man eine medizinische Operation durchführen und dem Patienten danach keine Medikamente zur Heilung verschreiben. Natürlich wird man nach einiger Zeit eine neue Operation benötigen."

Genau das aber wollen die afghanischen Truppen und die ISAF diesmal anders machen - die Streitkräfte haben aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Etwa aus der Operation "Adler" der Bundeswehr in der nordafghanischen Provinz Kundus im vergangenen Sommer: Bei der Offensive im Distrikt Char Darah vertrieben deutsche und afghanische Soldaten zwar die Taliban, waren aber zu dünn besetzt, um die freigekämpften Gebiete dauerhaft zu halten. Als sich die Truppen in ihre Feldlager zurückzogen, sickerten die Taliban wieder ein. Danach, so hieß es in Kundus, kursierten Todeslisten der Aufständischen über diejenigen Afghanen, die mit den Soldaten zusammenarbeiteten.

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Ein US-Soldat beschützt einen Afghanen mit seinem Kind, nachdem Taliban-Kämpfer in Mardscha das Feuer eröffnet haben.

(Foto: REUTERS)

Im Militärjargon heißt die nicht ganz neue, bislang aber zu wenig in die Realität umgesetzte Strategie "shape, clear, hold and build". Kleinere Operationen bereiten das Feld für Offensiven wie "Mushtarak" (shape), mit denen die Taliban vertrieben werden (clear). Dann wird das Gebiet gehalten (hold), dafür sollen zunehmend die afghanischen Sicherheitskräften sorgen. Am wichtigsten aber: Sofort nach dem Ende der Kämpfe müssen der Wiederaufbau beginnen und Regierungsstrukturen geschaffen werden (build). So sollen die viel beschworenen Herzen und Köpfe der Menschen gewonnen werden, ohne deren Unterstützung - diese Erkenntnis ist auch bei den Militärs längst angekommen - der Kampf gegen die Taliban nicht zu gewinnen ist.

Militärisch haben Taliban keine Chance

So soll es nun bei "Muschtarak" und bei künftigen Operationen geschehen. Militärisch haben die Taliban gegen die hochgerüsteten Truppen keine Chance, die die umkämpften Gebiete über kurz oder lang einnehmen werden. Die Provinzregierung von Helmand und die Militärs teilten mit, die Offensive verlaufe erfolgreich, die Taliban leisteten wenig Widerstand. Der Knackpunkt wird sein, ob es der Staatengemeinschaft und vor allem der afghanischen Regierung gelingt, danach auch zu ihrem Wort zu stehen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Bislang gelten afghanische Beamte im Volk als weitaus korrupter als die Taliban - denen wiederum viele Afghanen eher als den Truppen zutrauen, für Sicherheit sorgen zu können.

Die Uhr tickt gegen die Staatengemeinschaft

"Muschtarak" dürfte auch zum Ziel haben, den Druck auf die Taliban zu erhöhen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen - und das nicht aus einer Position der Stärke heraus. Der afghanische Präsident Hamid Karsai rief die Aufständischen unmittelbar nach Beginn der Offensive dazu auf, nun die Gelegenheit zu nutzen, der Gewalt abzuschwören. Bis dahin dürfte es allerdings noch ein weiter Weg sein. Dabei tickt die Uhr gegen die Staatengemeinschaft. US-Präsident Barack Obama hat angekündigt, im Sommer kommenden Jahres mit dem Truppenrückzug aus Afghanistan zu beginnen. Das Zeitfenster für Großoffensiven wie "Muschtarak" schließt sich langsam.

Quelle: n-tv.de, Can Merey, dpa

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