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"Taliban waren besser als die Polizei" Kampf um die Herzen der Bauern

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Operation "Muschtarak" ist vielen Anwohnern ein Dorn im Auge.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Großoffensive der ISAF soll die Taliban aus Helmand verteiben. Die Dorfbewohner sind darüber weniger erfreut. Sie misstrauen allen Uniformierten.

Das Mündungsfeuer in dem Dorf Hadschi Kari Saheb auf der fruchtbaren Ebene im afghanischen Helmandtal ist kaum verstummt, da rufen die neuen Führer die Stammesältesten zur traditionellen Schura-Versammlung. "Wir bauen für Euch Schulen, Krankenhäuser und Bewässerungskanäle", verspricht der hier bislang völlig unbekannte Mann, der sich als Vize-Gouverneur der Provinz präsentiert. Ob ihn seine Position vertrauenswürdig macht, ist den Gesichtern der bärtigen Männer nicht abzulesen, die um ihn herum im Staub sitzen. Sie haben sich in der Moschee ihres Dorfes im Süden Afghanistans versammelt, um nichts Geringeres als ihre Zukunft ohne die radikalislamischen Taliban zu besprechen.

"Diese Offensive soll Euch Sicherheit bringen", versichert der Vize-Gouverneur, der sich als Abdul Satar Mirsakaual vorstellt. "Wenn es hier erstmal sicher ist, wird der Wiederaufbau beginnen." Die Worte sind kaum verklungen, da hallt von den Mohnfeldern herüber schon wieder Gefechtslärm in den kargen Moscheeraum im Bezirk Nad Ali.

Vertrauen in die Taliban ist groß

"Die Taliban haben sehr gut für die Sicherheit gesorgt", entgegnet Dorfbewohner Chasar. "Niemand hat zu stehlen gewagt - die Taliban hätten ihn sofort gerichtet." Und ein anderer Dorfbewohner, der seinen Namen nicht nennen möchte, fällt ein: "Die Taliban waren besser als die Polizei." Afghanische Polizisten haben einen schlechten Ruf, gelten oftmals als korrupt. Viele Menschen hier in Helmand sind seit Jahren keinem Uniformierten begegnet, dem sie hätten trauen können.

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30 bis 35 Dörfer hat die Armee bisher von den Taliban befreit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Über dem verwaisten Lehmhäuschen neben der Moschee in Hadschi Kari Saheb weht noch die weiße Fahne der Taliban. Das Gebäude diente den selbst ernannten Gotteskriegern als Stützpunkt. Ein dichtes Netz solcher Stützpunkte hatten die Aufständischen über die Region gelegt, vor allem in den Bezirken Nad Ali und Mardscha, wo die Geschäfte mit den Drogenbauern besonders gut liefen. Aus dem Schlafmohn lässt sich Opium gewinnen und daraus Heroin. Das macht den Mohnanbau lukrativ und die Macht über die Ebene von Mardscha so wertvoll für die Kämpfer. Dabei könnte die Provinz mit ihren fruchtbaren Böden die Kornkammer Afghanistans sein.

Großoffensive soll Wende bringen

Die nun eingeleitete Großoffensive von 15.000 afghanischen und internationalen Soldaten soll endlich die Wende bringen. Sie soll die Aufständischen aus Helmand vertreiben und die Region wieder unter die Kontrolle der Regierung in Kabul stellen. Schnellstmöglich soll danach der politische Aufbau beginnen. Bis zu 1500 Polizisten könnten demnächst als Garanten für Sicherheit in die Region entsandt werden.

Nach den ersten schnellen Erfolgen der Militäroperation aber geriet der Vormarsch am vierten Tag in einigen Gebieten ins Stocken. Vor allem Mardscha ist stark vermint und mit selbstgebastelten Sprengfallen übersät. US-Brigadegeneral Larry Nicholson, der die US-Marines in Südafghanistan befehligt, geht dennoch davon aus, dass die Taliban in 30 Tagen vertrieben sind.

"Bisher haben wir 30 bis 35 Dörfer von den Taliban befreit", verkündet Oberst Schirin Schah, der im Bezirk Nad Ali afghanische Einheiten an vorderster Front gegen die Aufständischen führt. Seit an Seit rücken britische und afghanische Soldaten vor. Auch die starke Präsenz einheimischen Militärs soll in der Bevölkerung Vertrauen schaffen.

Stanmesälteste einbinden

Die Strategen in Washington und Kabul setzen auf eine enge Einbindung der Menschen vor Ort beim Aufbau ihrer Zukunft. "Ich möchte ein Komitee aus Stammesältesten ernennen, das konkrete Hilfen für eure Familien koordiniert", sagt Vize-Gouverneur Mirsakaual vor den Männern im Turban in der Moschee von Hadschi Kari Saheb. In einigen Nachbardörfern gibt es bereits solche Gremien. Vertreter daraus überwachen zum Beispiel Hausdurchsuchungen, denen die strenggläubigen Afghanen mit großem Argwohn begegnen, vor allem wenn ausländische Soldaten dabei sind. Jeder Lehmbau könnte ein Waffenversteck der Taliban sein. Und dennoch wird der militärische Erfolg wohl leichter zu erringen sein als die Herzen der Dorfbewohner.

Quelle: ntv.de, Sardar Ahmad, AFP