Dossier

Eine Wahl und eine "Krone" Medienhilfe für SPÖ-Kandidaten

In Österreich wurde die Monarchie 1919 zwar offiziell abgeschafft, doch noch immer herrscht hier die "Krone". Wenige Wochen vor der Parlamentswahl am 28. September beweist die "Kronenzeitung" - mit einer Auflage von über 800.000 Exemplaren Österreichs auflagenstärkstes Boulevardblatt - einmal mehr, welchen Einfluss die um 1900 gegründete Erfolgszeitung in der Alpenrepublik noch immer hat. Unbeirrt versucht Herausgeber Hans Dichand seit Ende Juni, den neuen Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten (SPÖ), Werner Faymann, ins günstigste Licht zu stellen. Faymanns politische Gegner werden dagegen mit beißender Kritik bedacht.

Faymann, der bis vor wenigen Wochen beim Wähler weitgehend unbekannt war, sicherte sich die Wahlhilfe nach Meinung seiner Kritiker durch eine geschickte politische Kehrtwende in der Europapolitik der SPÖ. Ohne Absprache mit den Parteigremien gaben der amtierende Kanzler Alfred Gusenbauer und Faymann Ende Juni in einem "offenen Brief" an den extrem EU-kritischen Dichand (87) einen Kurswechsel in der Europapolitik bekannt. Fortan, so die SPÖ-Spitze, werde man bei Abstimmungen über neue und wichtige Verträge das Volk befragen. Dichand, der in seinem Blatt seit Jahren gegen Brüssel schießt und selbst Volksbefragungen fordert, goutierte das Verhalten.

Seit Faymanns "Bekehrung" bejubelt ihn die "Krone"

Da mochten die übrigen Parteien über Faymanns Populismus zürnen und konkurrierende Medien über den "Kotau" der SPÖ-Spitze jammern: Seit seiner "Bekehrung" wird Faymann in der "Krone" bejubelt. Die Faymann-Unterstützung der "Kronenzeitung" hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass Parteifreunde öffentlich spöttelten, der SPÖ-Chef sei vielleicht ein unehelicher Sohn des "Krone"-Chefs. Der dementierte prompt in seinem Blatt, machte aber keinen Hehl aus seiner tiefen Sympathie für den von ihm protegierten Politiker.

Und die Wahlwerbung für den "Shooting Star" der SPÖ zeigt Wirkung. "Unter den exklusiven 'Krone-Lesern' ist die Zustimmung für Faymann erwiesenermaßen doppelt so hoch wie unter den Lesern anderer Zeitungen", sagt der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. Für den Wissenschaftler ist die Marktposition der "Krone", die zu 50 Prozent im Besitz der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) ist, "weltweit einmalig". "Es gibt keine Zeitung auf der Welt, die in ihrem jeweiligen Land eine ähnlich große Reichweite hat." Immerhin wird die kleinformatige "Kronenzeitung" im Land der 8,2 Millionen Österreicher von bis zu drei Millionen Menschen gelesen.

Große Verbreitung gezielt eingesetzt

Und Dichand setzt diese große Verbreitung gezielt ein. So berichtete die "Krone" in der vergangenen Woche stolz, dass sie mit ihren diversen Kampagnen in den vergangenen Jahrzehnten im Dienste des Volkes eine ganze Reihe von Politikern "abgeschossen" habe. Den wegen seiner Nazi-Vergangenheit umstrittenen ehemaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim wiederum habe man gefördert und letztlich zu den Wahlniederlagen und dem Rücktritt der früheren SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky und Fred Sinowatz beigetragen.

Faymann, dessen Konterfei inzwischen in braunroten Farben von tausenden Wahlplakaten lächelt, ist es recht. Zwar liegt seine Partei zurzeit knapp hinter der konservativen Volkspartei, doch seine persönlichen Umfragewerte "stimmen". Nach Angaben des Boulevard-Blattes "Österreich" liegt der SPÖ-Mann inzwischen bei der "Kanzlerfrage" bereits mit 39:30 Prozent vor seinem Konkurrenten, dem stets grimmig wirkenden ÖVP-Chef Wilhelm Molterer. Und bei den Sympathiewerten ist er auch vorn, weit vor allen anderen Kandidaten - was seinem Vorgänger Alfred Gusenbauer nie gelang.

Werbewert nicht überschätzen

Und nicht nur die "Krone" steht inzwischen voll hinter dem neuen Spitzenmann. Zu dem Verleger und "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner unterhält Faymann ebenso gute Kontakte wie zur Wiener Gratiszeitung "Heute", die von Dichands Schwiegertochter Eva herausgegeben wird. Faymanns ehemaliger Pressesprecher ist dort Geschäftsführer.

Doch der Politologe Filzmaier warnt davor, den Werbewert für den SPÖ-Kandidaten durch die Medien zu überschätzen: "Das Listenwahlrecht in Österreich zieht hier enge Grenzen, denn die Kandidaten werden hier ja - anders als in Deutschland - nicht direkt gewählt". Bisher gebe es jedenfalls keinen Beweis, dass die Aktionen der "Krone" wahlentscheidend sein könnten. Selbst die liberale Wiener Zeitung "Der Standard" warnte davor, die Macht der "Krone" zu überschätzen. So habe der damalige ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel trotz scharfer Kritik des Blattes im Jahr 2000 eine Koalition mit dem Rechtspopulisten Jörg Haider gebildet. Bei der Neuwahl 2002 errang er dann für die ÖVP trotz aller Kritik einen historischen Wahlsieg.

Quelle: ntv.de, Christian Fürst, dpa