Politik
Dienstag, 02. Februar 2010

"Bitte nicht stören": Rätsel um Mord an Mahmud al-Mabhuh

Ulrich W. Sahm

Der mysteriöse Mord an dem ranghohen Hamas-Mitglied Mahmud al-Mabhuh, der Waffenschmuggel von Iran in den Gazastreifen organisiert hatte, schlägt weiter hohe Wellen.

Bilder von Mahmud al-Mabhuh hängen an seinem Haus im nördlichen Gazastreifen.
Bilder von Mahmud al-Mabhuh hängen an seinem Haus im nördlichen Gazastreifen.(Foto: REUTERS)

Die Hamas verdächtigt nicht nur den israelischen Geheimdienst Mossad, sondern auch die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah, Ägypten und arabische Geheimdienste, Mahmud al-Mabhuh ermordet zu haben. Israel empfahl hohen Militärs, Geschäftsleuten und Diplomaten im Ausland erhöhte Aufmerksamkeit. Es bestehe die Möglichkeit eines Racheaktes.

Mabhuh war am 20. Januar tot in seinem Hotelzimmer in Dubai gefunden worden. An den Türgriff zu seinem Zimmer im Al-Bustan-Rotana-Hotel hatten die Mörder das Schild "Bitte nicht stören" gehängt. Vermutlich war der 50-Jährige schon am 19. Januar ermordet worden. Das Zimmermädchen entdeckte die Leiche jedoch erst am Tag darauf gegen Mittag.

Es dauerte über eine Woche, bis klar war, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Mabhuh handelte. Denn er reiste unter falschem Namen. Der israelischen Presse zufolge war er von Damaskus nach Dubai geflogen. Seine mutmaßlichen Mörder mit europäischen Pässen hätten sich schon in Damaskus auf seine Fersen gesetzt. Mabhuh wusste, dass er sich in ständiger Lebensgefahr befand. Deshalb soll er normalerweise die Türen zu seinen Hotelzimmern mit schweren Sesseln verbarrikadiert haben. Das half ihm jedoch nicht. Die Mörder scheinen ihn mit Stromkabeln erwürgt oder vielleicht auch mit Stromstößen ins Jenseits befördert zu haben. Eine britische Zeitung behauptet, das Mabhuh ein Gift gespritzt worden sei, das augenblicklich einen Herzinfarkt auslöste. Nach Hamas-Angaben wurde Mabhuh erstickt und mit einem Elektro-Schocker misshandelt. Die Behörden in Dubai erklärten, er sei mit einem Polster erstickt worden.

Nachdem seine Identität festgestellt worden war, wurde Mabhuhs Leichnam nach Damaskus geflogen und am Samstag unter Beteiligung von 2000 Palästinensern, darunter den Hamas-Führern Chaled Maschal und Abu Marzuk, in einem Flüchtlingslager feierlich begraben.

Ganz oben auf der Mossad-Liste

Beisetzung im Flüchtlingslager Yarmouk nahe Damaskus.
Beisetzung im Flüchtlingslager Yarmouk nahe Damaskus.(Foto: dpa)

Naturgemäß gibt es kein offizielles israelisches Eingeständnis, für diese "gezielte Liquidierung" verantwortlich zu sein. Doch in den israelischen Zeitungen wird dieser mysteriöse Tod mit weiteren ähnlichen Geschichten in Verbindung gebracht, bei denen eine israelische Täterschaft entweder ein offenes Geheimnis oder eine Mutmaßung ist, wie die Ermordung des PFLP-Chefs Fatchi Schkaki 1995 auf Malta, das von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 1997 angeordnete, aber in peinlicher Weise gescheiterte Attentat auf Chaled Maschal in der jordanischen Hauptstadt Amman und vielleicht auch die mysteriöse Ermordung des neben Osama bin Laden weltweit meistgesuchten Erzterroristen Imad Mughniyah der Hisbollah. Der fiel 2008 in Damaskus einem bis heute nicht aufgeklärten Bombenanschlag zum Opfer.

Viel spricht dafür, dass Israel mit Mabhuh eine alte Rechnung zu begleichen hatte. Der Mann wollte 1989 im Namen der Hamas zwei israelische Soldaten, Ilan Saadon und Avi Sasportas, entführen. Mabhuh und ein weiterer Mann, Mahmoud Nassar, hatten sich als ultraorthodoxe Juden verkleidet und am 3. Mai 1989 den trampenden Soldaten Saadon in ihrem weißen Subaru mitgenommen. Als Saadon verstand, dass er entführt werden sollte, kam es im Auto zu einem Kampf. Saadon wurde mit einem Kopfschuss getötet und bei Palmachim verscharrt. Erst 1996 gelangte ein Lageplan nach Israel, in dem eingezeichnet war, wo Saadon vergraben worden war. Mabhuh hatte ihn gezeichnet und an Verwandte im Gazastreifen geschickt. Saadons Leiche wurde genau dort gefunden. Vier Tage nach dem Verschwinden von Saadon wurde während der Suche nach ihm die Leiche des am 16. Februar 1989 ebenfalls von Mabhuh ermordeten Soldaten Avi Sasportas nahe der Givati-Kreuzung entdeckt.

Den Befehl zur Entführung und Ermordung dieser beiden Soldaten hatte der querschnittsgelähmte Gründer der Hamas-Organisation, Scheich Ahmad Jassin gegeben. Er wurde deshalb zu zweimal lebenslänglich verurteilt, wurde aber im Oktober 1997 auf Druck des jordanischen Königs Hussein nach dem gescheiterten Attentat des Mossad auf den heutigen Hamaschef Chaled Maschal entlassen.

Doch nicht nur dieser ungesühnte Mord könnte für Israel der Grund gewesen sein, Mabhuh zu verfolgen. Der Mann stand ganz oben auf der Liste gesuchter Hamas-Aktivisten. Er soll Spenden in großem Umfang für die Hamas gesammelt, vor allem aber den Waffenschmuggel von Iran über Sudan und andere Länder in den Gazastreifen organisiert haben.

Spuren nach Kairo und Ramallah

Bei der Beerdigung tragen Kinder ein Bild des Getöteten.
Bei der Beerdigung tragen Kinder ein Bild des Getöteten.(Foto: AP)

Ob israelische Agenten ihn umgebracht haben, ist nicht nachgewiesen, zumal Mabhuh tatsächlich eine ganze Reihe anderer Feinde gehabt haben könnte. Unklar ist, ob er sich intern mit anderen Hamas-Führern oder mit dem Iran überworfen hat. Ägypten erklärte am Sonntag, man habe eine größere Gruppe bewaffneter Hamas-Kämpfer verhaftet, die in Kairo das Grab eines jüdischen Heiligen sprengen und bei der Gelegenheit auch Juden töten wollten. Der Sprengsatz für den vereitelten Anschlag sei in Gaza hergestellt worden und entspräche Sprengsätzen, wie sie bei Kassam-Raketen verwendet würden. Für Ägypten stellt die Hamas eine akute Gefahr für die Stabilität des Landes dar, weshalb die Ägypter mit einem unterirdischen Metall-Wall versuchen, den Waffenschmuggel von und nach Gaza zu unterbinden.

Ein israelischer Geheimdienstmann kommentierte gegenüber der Zeitung "Jedijot Achronot" den von Hamas und Dubai vorgebrachten Verdacht, wonach der Mossad hinter dem Mord stecke, mit den Worten: "Es passt nicht zu Israelis, eine Liquidierung mit Erwürgen durchzuführen..."

Am Montag tauchte in einer ersten Untersuchung der Hamas der Verdacht auf, dass die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah in den Mord verwickelt gewesen sein könnte. Die israelische Zeitung "Haaretz" erfuhr, dass Mabhuh 2003 fast ein Jahr lang im ägyptischen Gefängnis saß. Der Polizeichef von Dubai erklärte vor Journalisten, dass mehrere arabische Geheimdienste Mabhuh suchten, nicht nur der israelische Mossad.

Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.

Quelle: n-tv.de