Dossier

Al Dschasira jetzt auf Englisch Stars von BBC und CNN

Der Emir von Qatar schwimmt bekanntlich in Geld. Doch anstatt allein dem Luxus zu frönen, oder sich um die in seinem Privatbesitz befindlichen Qatar Airways zu kümmern, pflegt der Herrscher eines der kleinsten arabischen Länder ein weltumfassendes Hobby: Al Dschasira. Ein Bericht von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Vor zehn Jahren, am 1. November 1996 gegründet, machte der per Satellit ausgestrahlte TV-Sender Furore und veränderte die arabische Welt wohl nachhaltiger als der Irak-Krieg, der ewige Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern oder das Ende des Kalten Krieges. Zehn Jahre lang hat der in der gesamten arabischen Welt vielgesehene Sender Kritik an den autokratischen Regime, Fragen zur Unterdrückung von Frauen und ein Aufreißen eingefahrener Fronten salonfähig gemacht. Dissidenten aus Syrien, Irak oder Ägypten kommen genau so zu Wort wie israelische Sprecher und sogar der seinerzeit so verhasste Ariel Scharon. In der Epoche vor Al Dschasira wäre ein live-Interview mit einem israelischen Politiker undenkbar gewesen.

Gerade weil der Sender (fast) alle Tabus gebrochen hat, wurde er zu einem Sprachrohr und zugleich Spiegel der arabischen Welt. Allein Kritik am Emir von Qatar ist verpönt.

Dieser Tage, am 15. November, ging Al Dschasira einen Schritt weiter und versucht den klassischen weltweiten Nachrichtensendern wie CNN und BBC ernsthafte Konkurrenz zu machen. Der Qatarische Sender berichtet auf separater Frequenz in englischer Sprache, nachdem zuvor schon seine englische Internet-Seite zu einer der wichtigeren Informationsquellen aus der arabischen Welt geworden war. Da Al Dschasira über ein umfangreiches, weltumfassendes Korrespondentennetz verfügt und in der arabischen Welt so populär ist mit 60 Millionen Zuschauern zu jeder Zeit, gelingt es dem Sender, die wichtigsten Politiker der Welt problemlos für ein Interview zu gewinnen. Sogar Osama bin Laden bedient sich des Ruhms von Al Dschasira und schickte seine seltenen voraufgenommenen Videoankündigungen exklusiv an den qatarischen Sender. Zeitweilig wurde sogar gemunkelt, dass der Sender mit dem meistgesuchten Mann der Welt kooperiere.

Wer sich bisher mit CNN oder BBC über die Vorgänge in Irak, Iran, Libanon und Gaza informiert hat, wird sich bei dem neuen englischsprachigen Sender aus der arabischen Welt schnell "zuhause" fühlen. Die von Al Dschasira präsentierten Reporter sind altbekannte Gesichter. Mike Hana und Peter Frost dienten zuvor als Stars bei der BBC und Roula Amin war vor Kurzem noch die CNN "Ankerfrau" in Bagdad.

Walid el Omari, Korrespondent von Al Dschasira in Israel und in den Palästinensergebieten, übrigens israelischer Staatsbürger, sagte dazu: "Wir folgen da einer Tradition. Vor zehn Jahren, als Al Dschasira gegründet wurde, haben wir praktisch die gesamte Mannschaft der arabischen Abteilung von BBC übernommen, als die aufgelöst wurde. So konnten wir vom ersten Augenblick mit professionellen Journalisten und entsprechend hohen Standards starten."

Die Präsentation von Al Dschasira auf Englisch ist schlicht. Ein einzeiliges Laufband am unteren Rand des Bildes bringt neben dem Logo des Senders ununterbrochen Schlagzeilen aus der Welt: Äthiopien bereitet sich auf Krieg gegen Somalien vor, Talibani verschiebt Visite in Teheran, Weißes Haus: Gewalt in Irak soll Regierung stürzen, Hamas-Chef zu Gesprächen in Kairo. Stundenlang berichteten die Reporter des Senders während des Begräbnisses von Pierre Gemayel live aus Beirut. Ihre Kameras waren gleichzeitig während der Trauerfeier in der St. Georgs Kathedrale, auf dem Märtyrer-Platz unter hunderttausenden fahnenschwenkenden Libanesen wie auch in Gemayels Heimatdorf Bikfaja präsent. Selbstverständlich erhielten der libanesische Drusenführer Walid Dschmubalat und andere Kritiker Syriens eine prominente Bühne für ihre Anklagen gegen Damaskus, aber Direktschalten nach Syrien sorgten schnell für das gebührende Gegengewicht. Typisch BBC sind auch die Begriffe, mit denen die Reporter hantieren. So kommt immer wieder das Wort "Anger" (Wut) vor, womit BBC jedem "wütenden" Demonstranten in der Welt grundsätzliche Zustimmung zuspricht.

Ausgewogenheit und Kritik gehören nicht immer zu den Qualitäten dieses Senders, dem eine gewisse Parteilichkeit gegen die Amerikaner oder auch gegen Israel in dem Konflikt nicht mangelt. Gleichwohl wurden in den ersten Tagen auch schon peinliche Themen aufgegriffen, wie etwa Propagandamethoden der Hisbollah und die berühmt gewordenen Fälschungen eines Reuters-Fotografen in Beirut. Der hatte mit dem Computerprogramm Photoshop nach israelischen Bombenangriffen aufsteigende Rauchwolken vervielfältigt, um sein Bild "dramatischer" wirken zu lassen. Der Fotograf wurde fristlos entlassen und alle seine 900 bei Reuters gespeicherten Bilder wurden gelöscht.

Quelle: n-tv.de