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Zwischenruf Afghanen und pommersche Musketiere

Die Lage in Afghanistan bessert sich nicht. Im Gegenteil. Und so bitter es ist: Der Konflikt wird mit einem korrupten Regime enden. Aber bis dahin werden noch viele Menschen sterben.

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(Foto: REUTERS)

Mäße man die Befriedung Afghanistans an der Zahl der Konferenzen, auf denen die Probleme des Landes diskutiert wurden, würde längst eitel Sonnenschein herrschen zwischen Masar-e Sharif und Helmand. So wird auch das jetzt eröffnete Treffen von Repräsentanten von rund 70 Staaten und internationalen Organisationen wie gewohnt ausgehen: Die USA und andere Länder werden ihre Abzugspläne bekräftigen, die Appelle zu Bekämpfung der Korruption werden erneuert, die Absicht, mit den "gemäßigten" Taliban zu verhandeln ebenso. Die zentrale Frage, die Trennung der fundamentalistischen Taliban von der terroristischen Al-Kaida, spielt öffentlich zumindest keine Rolle.

Allein die jüngsten Raketenangriffe auf den Flugplatz der Hauptstadt und die allüberall präsenten Sicherheitskräfte auf den Straßen von Kabul belegen, wie lange das geschundene Volk Afghanistans noch auf Normalität warten muss. Seit der vielgerühmten Friedens-Dschirga Anfang Juni gibt es keinerlei sichtbare Fortschritte. Die Lage hat sich eher noch verschlimmert, und sie wird sich laut Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg noch weiter verschlimmern.

Vetternwirtschaft ist allgegenwärtig

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen gesteht de facto ein, dass ein Sieg über die Taliban unmöglich ist, wenn er das Ziel der bevorstehenden Offensiven mit "Schwächung" der Koranschüler beschreibt. Forderungen, namentlich des deutschen Außenministers, nach einer effektiven Bekämpfung der Korruption sollten unterbleiben. Die Vetternwirtschaft ist systemimmanenter Bestandteil der Stammes- und Clanstrukturen, derer sich auch Staatschef Hamid Karsai bedient. So bitter es klingen mag: An einem Ende des Konflikts in seiner jetzigen Form wird ein korruptes Zentralregime stehen, das sich auf ein fragiles Bündnis mit Taliban, Drogenfürsten, Warlords und Mullahs stützt, und das mit Demokratie herzlich wenig zu tun haben wird.

Bis dahin werden aber noch Unzählige ihr Leben lassen: Kinder, Frauen, ausländische und afghanische Soldaten, Aufständische. Bismarck hat mit Blick auf die deutschen Expansionspläne Richtung Osten einmal gesagt, ihm wäre "die ganze orientalische Frage" nicht "die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers werth". Schade, dass der alte Griesgram von der Elbe heuer so wenig Beachtung findet.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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