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Gabriel als Flüchtlingslagertourist Alle hätten es wissen müssen

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Das Leben im Lager bietet keine Perspektiven. Wer noch gesund ist und irgendwie kann, wird früher oder später wieder flüchten.

(Foto: dpa)

Es ist okay, dass SPD-Chef Gabriel sich mal ein Flüchtlingslager zeigen lässt. Es ist auch richtig, dass er erkennt, wie viel Hilfe gebraucht wird. Getrieben ist er leider von einem Motiv, das auch wütend machen kann.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien die volle Breitseite des Elends syrischer Flüchtlinge gesehen. Dazu kann man sehr unterschiedliche Dinge feststellen. Zunächst: Gut, dass er es mal gesehen hat. Der SPD-Chef ist dort hingegangen, wo es richtig schlimm ist, während in europäischen Sitzungszimmern über Verteilungsquoten gestritten wird, wo die Flüchtlinge nur als abstrakte Masse behandelt werden, die keiner haben will. Damit präsentiert sich Gabriel in gewohnt hemdsärmeliger Sozialdemokratenmanier als Mann der Tat und wird von nun an in Talkshows sagen können: "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."

Gabriel hat die typische Flüchtlingslagertour gemacht. Weil er Minister aus dem Merkelland ist, das neuerdings als besonders freundlich gegenüber Flüchtlingen gilt, hat man sich für ihn nur besonders viel Mühe gegeben. Der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks in Jordanien, Andrew Harper, führte ihn persönlich herum. Gabriel hat sich mit verstrubbelten kleinen Kindern fotografieren lassen und mit ein paar Tränen seine Erschütterung über einzelne ihm präsentierte Schicksale gezeigt. Darunter war eine Großfamilie mit schwer kriegsversehrtem Vater und 13-jährigem Sohn, die Gabriel nun nach Deutschland holen will.

Nach diesen Eindrücken kam der Minister zu dem naheliegenden Schluss, dass aber alle 80.000 Menschen in Zaatari und die Millionen Flüchtlinge anderswo in der Region dringend mehr Hilfe benötigen. Dagegen wird kaum jemand etwas sagen. Die Hilfsorganisationen – und die Betroffenen sowieso – sind ja froh, wenn ihnen überhaupt mal jemand hilft. Zur Begründung lieferte er aber auch diesen Aspekt: Sonst kommen die ja alle früher oder später zu uns. Die mitgereiste Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, ergänzte: "Ohne eine bessere Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft werden die Menschen nicht nur vor dem Krieg in Syrien fliehen, sondern immer mehr auch vor dem Hunger und der Perspektivlosigkeit in den Camps."

Leider waren die jüngsten Politikerbesuche bei Flüchtlingen (neulich erst war der britische Premier David Cameron in Zaatari) alle genau von dieser Angst motiviert. Und auch Gabriel zeigt einen guten Riecher für den Ort, wo eigentlich das Problem sitzt. Was er gesehen hat, schockte ihn wirklich. Und das wird er hoffentlich auch daheim erzählen.

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Erst die Fluchtwelle nach Europa rüttelt auf - leider

Leider hätten alle Politiker das schon lange wissen können. Sie hätten wissen können, dass die Menschen in den Flüchtlingslagern um Syrien herum es dort nicht ewig aushalten würden. Es ist schon lange offensichtlich, welche unglaubliche Katastrophe die ganze Region heimgesucht hat. Flüchtlinge, Obdachlose, Witwen und Waisen tummeln sich nicht erst seit ein paar Monaten in jedem Unterschlupf auch außerhalb der offiziellen Lager. Leider mussten erst Abertausende aus dieser Hölle nach Europa übersetzen, damit Europäer sich jetzt wieder an das Elend erinnern, das jene weiterflüchten ließ. Und besonders zynische Zeitgenossen nennen die zum zweiten Mal Geflohenen aus den Lagern dann auch noch Wirtschaftsflüchtlinge.

Bereits seit Jahren ist die Lage in Zaatari katastrophal. Dabei ist es eines der großen und gut organisierten Lager, die von den Vereinten Nationen geführt werden. Wieder steht ein Winter in der zugigen jordanischen Wüste vor der Tür. Andrew Harper zeigte bei Twitter, mit welchem Schuhwerk die kleinen Kinder im Camp unterwegs sind. Feste, wintergerechte Schuhe besitzt beinahe keines. Das Welternährungsprogramm hat kaum noch Geld, um Einkaufsgutscheine für Lebensmittel zu verteilen. Viele Menschen hungern. Auch das ist aber nicht erst seit Neuestem so, sondern seit mehr als einem Jahr ein latentes Problem.

Man kann sich leider sicher sein, dass sich bis auf ein paar gute Menschen niemand um die Flüchtlinge kümmern würde, wenn man nun nicht Angst hätte, dass sie sonst alle nach Europa kommen. Es ist okay, dass Gabriel in Zaatari war und es ist richtig (wenn auch nicht neu), was er geschlussfolgert hat. Nun ist die große Frage, ob es gelingen wird, wie angekündigt die USA und die Golfstaaten zu mehr Spenden zu bewegen. Doch selbst wenn nun ein Spendenregen über die Lager der Geflüchteten und Versehrten im Nahen Osten niederginge: Wir wüssten alle, warum genau jetzt dieser Aktionismus ausgebrochen sein würde und nicht vorher.

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(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Quelle: n-tv.de

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