Politik
Montag, 02. Januar 2012

Zwischenruf: "Bild", Rubikon und die Iden des März

ein Kommentar von Manfred Bleskin

Auch im neuen Jahr gehen die Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten weiter. Die Kanzlerin kann sich nicht – ohne selbst Schaden zu nehmen – vom Staatsoberhaupt distanzieren, das sie selbst an die Spitze gehievt hat. Wulff bemüht in der Affäre das Bild vom Rubikon, den Caesar mit seinen Legionen überschritt. Doch dessen Regentschaft endete abrupt mit den Iden des März.

In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot, weiß der Volksmund. Doch die Salamischeiben des Bundespräsidenten über seine Kredit- und andere Geschäfte munden immer weniger. Kein Tag ohne neue Negativschlagzeilen. Der gemeine Mann sieht kaum noch durch: Tatsachen, Anschuldigungen, Dementis, Klarstellungen, Berichtigungen trüben den Himmel über Schloss Bellevue. Die Befreiungsschläge kurz vor und zu Weihnachten sind gründlich misslungen. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass über die "Affäre Wulff" getuschelt wird wie über Verfehlungen eines Starlets. Das hat das Amt nicht verdient.

Wie lange kann Wulff sich noch halten?
Wie lange kann Wulff sich noch halten?(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt fällt Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Füße, dass sie einen parteipolitischen Kandidaten erkor. Warum musste es ausgerechnet jener Mann sein, der selbst Ambitionen auf die Bundeskanzlerschaft hatte? Merkel hat mit der Nominierung des durchaus erfolgreich regierenden niedersächsischen Ministerpräsidenten einen Spanischen Reiter aus dem Weg geräumt und gleichzeitig eine Zeitbombe gelegt, die täglich bedenklich lauter tickt. Warum hätte es nicht ein Unabhängiger sein können? Machtpolitik unter Einsatz des höchsten Staatsamtes ist unwürdig.

Eher über kurz denn über lang wird die Regierungschefin Klartext reden müssen. Wenn jetzt auch Kritik aus den eigenen Reihen laut wird, sollte sie das aufhorchen lassen. Die Kanzlerin sollte gelernt haben, dass Sprücheklopfen à la "Ich-will-einen-Verteidigungsminister-und-keinen-wissenschaftlichen-Mitarbeiter" wie beim Guttenberg-Skandal zwar über den Tag retten, aber nicht über gut anderthalb Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl. Es soll unklar sein, ob Christian Wulff in seiner Handybeschwerde bei "Bild" mit der Metapher vom überschrittenen Rubikon sein eigenes Verhalten oder das des Blattchefs meinte. In jedem Fall endete Caesars Herrschaft mit den Iden des März.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

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Quelle: n-tv.de

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