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Zwischenruf 346 Der Terror erreicht Kurdistan

Von Manfred Bleskin

Bislang galt der kurdische Norden des Irak als weitestgehend frei von Gewalt und Blutvergießen, die für die meisten anderen Regionen des Irak zu grausamer Alltäglichkeit geworden sind.

Die jüngsten Anschläge im irakischen Siedlungsgebiet dieses leidgeprüften Volkes zeigen, wie wahr die Kassandrarufe über einen Flächenbrand sind, der durch die US-Invasion im Zweistromland ausgelöst wird. Bei einem Selbstmordanschlag auf das örtliche Büro der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) in Machmur in der Nähe von Mossul wurden mindestens 50 Menschen getötet, etwa 70 erlitten Verletzungen. Zwar liegt Machmur nicht in der Autonomen Region Kurdistan, gehört aber zu jenem Gebiet, das – auch und gerade wegen seines Ölreichtums - zwischen der Zentralregierung und der in Erbil ansässigen Regionalregierung des kurdischen Irak umstritten ist. Zuvor hatte ein Selbstmordattentäter ebendort mindestens 15 Personen mit in den Tod gerissen, mehr als hundert wurden verletzt.

Die Autonome Region Kurdistan ist de facto ein unabhängiger Staat, der über eine eigene Währung, eine eigene Regierung, ein eigenes Parlament und eine eigene Flagge verfügt. In Gestalt der Peschmerga, der Milizen von KDP und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), die zweite der beiden großen kurdischen Parteien im Irak, existiert sogar eine unabhängige Armee. Von Polizei, Medien, Banken und einer selbständigen Wirtschaft mit einer Wachstumsrate von sechs Prozent ganz zu schweigen.

Wie groß das Vertrauen des internationalen Kapitals in die Stabilität ist, beweist nicht zuletzt die vor ein paar Tagen erfolgte Grundsteinlegung eines Fünf-Sterne-Kempinski-Hotels in Erbil, bei der sogar Ministerpräsident Nechirvan Barzani anwesend war.

Auch wenn international als Staat nicht anerkannt, wird Irakisch-Kurdistan doch von vielen Ländern als solcher behandelt. Die faktische Unabhängigkeit der Region vielen ist zugleich aber auch ein Dorn im Auge. Im Irak gilt dies vor allem für die sunnitischen Araber, deren radikalste Kräfte mit bewaffnetem Aktionen versuchen, ihren einstigen Einfluss im Lande zurückzubomben. Argwohn erregt, dass mit Masud Talabani der Chef der PUK als Präsident an der Spitze des irakischen Zentralstaats steht. Islamistische Kreise fordern die Schaffung eigener Emirate in der Autonomen Region Kurdistan. Dann die Türkei, wo die meisten Kurden leben. Ankara droht immer wieder mit einem Einmarsch, sollte die Region auch de jure unabhängig werden. Was türkische Unternehmen nicht daran hindert, munter einen Handel in Millionenhöhe mit den ungeliebten Nachbarn zu treiben. Hinzu kommen Syrien und der Iran, auf deren Territorium gleichfalls mehr oder weniger geschlossene kurdische Siedlungsgebiete liegen. Zusammengenommen leben geschätzte 30 Millionen Kurden auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie Frankreich. Sie hatten nie einen eigenen Staat, abgesehen von dem misslungenen Versuch, 1927 die Republik Ararat zu gründen und der kurzlebigen, von Stalin 1946 verratenen, Volksrepublik Maharad.

Am Ende des Konflikts in und um den Irak muss und wird eine Friedenskonferenz stehen, die die Interessen der Völker der Region berücksichtigt. Dazu gehört auch eine Regelung der kurdischen Frage. Freilich ist es unwahrscheinlich, dass sich der Irak, der Iran, Syrien und die Türkei an den 1920er Vertrag von Svres halten, der den Kurden in seinem Artikel 64 die Unabhängigkeit in Aussicht stellte. Vorstellbar wäre aber eine grenzübergreifende Kooperation, wie sie sich zwischen den beiden Teilen Tirols oder Irlands entwickelt hat. Das mag weit hergeholt klingen. Aber eine Verewigung des derzeitigen Zustands birgt ein dauerhaftes Konfliktpotential in sich. Nicht nur für den Nahen und Mittleren Osten. Auch für Westeuropa, wo weit über eine Million Kurden im Exil leben.

Quelle: ntv.de