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Zwischenruf Die schmutzigen Wasser des Tiber

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Blick auf den Petersplatz.

(Foto: AP)

Vordergründig steckt der Vatikan wegen des Diebstahls von Papstdokumenten durch den Kammerdiener des Heiligen Vaters in einer seiner tiefsten Krisen. Doch Paolo Gabriele ist nur ein kleiner Fisch. Wer aber ist der große Menschenfischer? Oder sind es mehrere?

Ein Camerlongo des Papstes muss nicht immer den Heiligen Vater ermorden, selbst auf dessen Stuhl wollen um dann - angeblich - die Kirche vor dem Untergang retten zu wollen, wie in Dan Browns Thriller "Illuminati". Welches sind die Motive für den Dokumentendiebstahl des Kammerdieners Paolo Gabriele? Er hatte als solcher Zugang zu den Arbeits- und Privatgemächern des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche. Was er dort gesehen hat, muss offenbaren, dass die Kirche, die sich für die einzig wahre hält, in Wahrheit an ihrer Spitze von inneren Machtkämpfen zerrissen ist. Die Papiere müssen zeigen, dass der Vatikanstaat tief in illegale Finanzgeschäfte verstrickt ist, Verbindungen zur organisierten Kriminalität in Gestalt der Mafia nicht auszuschließen sind.

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Manfred Bleskin

Das Argument des Delinquenten, er habe Schaden vom Pontifex Maximus abwenden wollen, ist - obzwar rechtlich verwerflich - zumindest nachvollziehbar. Eine innervatikanische Aufklärung wäre wie üblich im Sande der Vatikanischen Gärten verlaufen. Erst kürzlich wurde dem Chef der paradoxerweise auf den Namen Instituto per le Opere di Religione (IOR), Institut für die religiösen Werke, getauften Vatikanbank sein nicht ganz so heiliger Stuhl vor die Tür gesetzt. Ettore Tedeschi aber sollte den Augiasstall IOR im Auftrag von Benedikt XVI. ausmisten. Ob er es geschafft hätte, ist fraglich. Gleich Herakles das Wasser des Tiber durch den neben dem Wohn- und Arbeitsgebäude des Papstes liegenden Sitz der Bank zu leiten, ist unmöglich. Will heißen: Auch ein Tedeschi allein hätte es nicht geschafft. Gianluigi Nuzzi berichtet in seinem 2009 erschienenen Buch "Vatikan AG" davon, dass nach den himmelschreienden Skandalen um das IOR in der Vergangenheit nun alles auf dem Weg der Besserung wäre. Erare humanum est.

Benedikt ist ein großer Theologe. Ein großer Politiker ist er nicht. Um ihn herum zerbröseln jahrhundertealte Strukturen. Einer absoluten Monarchie unter den Bedingungen der Moderne vorzustehen, ist offensichtlich weitaus schwieriger als früher. Der Heiligen Römischen Kirche laufen Gläubige und Priester weg; der selbst bei wohlwollender Exegese nicht aus der Bibel herauszulesende Zölibat wird immer obsoleter; die freundlich Missbrauch genannten Vergewaltigungen Schutzbefohlener; die Missachtung der Frauenrechte. All das sind Probleme, die sich nicht aus der Welt reden lassen. Um nur bei letzterem zu bleiben: Wenn im "Osservatore Romano", dem offiziellen Organ des Apostolischen Stuhls, seit einiger Zeit eine "donna, chiesa, mondo", also "Frau, Kirche, Welt", getitelte Beilage erscheint, um den "Unbekannten eine Stimme" zu geben, zeugt dass von einem völligen Unverständnis der eigentlichen Probleme der gläubigen Frauen.

Die Befreiungstheologen Lateinamerikas hat schon der Chef der Glaubenskongregation Joseph Aloisius Ratzinger auf das Heftigste bekämpft. Das Ergebnis: Die trotz aller Divergenzen treu zu Rom gestandenen Priester spielen heute kaum noch eine Rolle. Dafür übernehmen allerlei windige evangelikale, oft kriminelle Sekten aus den USA den Platz des Heilsbringers ein, den die römisch-katholische Kirche dort aufgrund ihrer vielfach nur allzu engen Bindungen an die Herrschenden nicht mehr ausfüllen kann.

Der einfache, demütige Arbeiter im Weinberg des Herrn, welcher der Mann aus Marktl am Inn sein wollte, hat sich nicht bemüht, die linken Dissidenten wieder zur Lese heranzuziehen. Stattdessen buhlt er weiter um die reaktionäre Pius-Bruderschaft, aus deren Reihen Holocaustleugner hervorgegangen sind. Die Wiedereinführung der Freitagsfürbitte hat die Beziehungen zu Israel und zum Judentum empfindlich gestört. Die Erlaubnis, zu dem, vom Zweiten Vaticanum abgeschafften, tridentinischen Ritus auf Latein und mit des Priesters Rücken zur Gemeinde, mag als Symbol für die zunehmende Entfremdung der Kirchenleitung von vielen Gläubigen gelten.

Beobachter vor Ort meinen, Paolo Gabriele sei nur ein kleiner Fisch. Wer aber ist der große Menschenfischer? Sind es mehrere? Hinter den Mauern zwischen dem Viale Vaticano und der Piazza San Pietro spielt sich ein Machtkampf ab, dessen Ende nicht vorhersehbar ist. Wie auch immer man zu Rom stehen mag: Millionen von Menschen weltweit suchen in seiner Kirche Trost und Inspiration. Das ist eine Verantwortung, die nicht verspielt werden darf. Ob Benedikt XVI. dem gerecht wird, wird immer fraglicher.

Quelle: ntv.de