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Zwischenruf Mixaland ist überall

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Mixa hat eingestanden, "Watsch'n" verteilt zu haben.

(Foto: Reuters)

Der Rücktritt von Bischof Mixa war überfällig. Bei einem Verbleib im Amt hätte die römisch-katholische Kirche weiteren Schaden genommen. Die Krise ist damit nicht beendet, aber der Schritt lässt hoffen, dass auch in anderen Fällen radikale Konsequenzen gezogen werden. Sonst werden sich, um mit dem Trierer Bischof Ackermann zu sprechen, weitere giftige, stinkende Wolken entladen. Mixa war zugleich Militärbischof für die Bundeswehr. Nun hat er an Soldaten zweifellos keine "Watschen" verteilt, doch er hat ihnen eine geistige Haltung vermittelt, die Gewalt rechtfertigt. Die Bundeswehr wäre gut beraten, bei Mixas Nachfolger in dieser Funktion genauer hinzuschauen.

Wenn sich jetzt aus dem Regierungslager empörte Stimmen melden und Aufarbeitung fordern, wäre ein Wort der Selbstkritik angebracht. In der Bundesrepublik Deutschland war körperliche Züchtigung bis 1973 erlaubt, in Bayern gar wurde die Prügelstrafe an den Schulen erst 1980 abgeschafft. Es wäre angesichts des Mixa-Skandals aber auch höchste Zeit, sich mit der Gewalt gegen Kinder nicht nur bei den selbsternannten Hirten ihrer Schäfchen zu beschäftigen. Gewalt in der Familie heißt nicht "nur" sexuelle Gewalt gegen Frauen, sondern auch gegen Kinder. In Deutschland werden Schätzungen zufolge weit mehr als eine Million Kinder pro Jahr misshandelt. Nur gut – oder besser: schlecht - 3.000 der Fälle werden aufgedeckt. Artikel 1 Grundgesetz hat allgemeingültigen Charakter.

Körperliche Strafen in manchen muslimischen Staaten zu kritisieren, ist richtig. Doch wer im Glashaus sitzt, sollte nicht zulassen, dass andere Steine finden, die sie nach ihm werfen können. Für den einstigen britischen Premierminister Anthony Blair war es kein Problem zuzugeben, dass er seine Kinder geschlagen hat. In 20 der 50 US-Bundesstaaten ist Prügelstrafe an Schulen zulässig. In Russlands Armee sterben durch die "Djedowschtschina" älterer Soldaten jährlich rund 2.000 Rekruten. Und auch die Bundeswehr ist nicht frei von Misshandlung.

Gewalt stinkt zum Himmel und verdunkelt unser Leben mehr als es isländische Vulkanaschewolken je könnten. Die Misshandlung von Menschen, heranwachsenden wie erwachsenen, ist eine Schande. Wir sind das demokratisch verfasste Deutschland. Und kein mittelalterliches Mixaland.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de

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