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158 Raketen auf Sderot Olmert unter Druck

Außer der Ankündigung, gegen den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen auf die grenznahen Städte Sderot und Aschkelon "mit Weisheit und Mut" vorgehen zu wollen, hat Israels Ministerpräsident Ehud Olmert nicht viel zu bieten. Innerhalb von drei Tagen explodierten allein in der Kleinstadt Sderot 158 Raketen. Am Freitagmorgen erhielt ein Kindergarten einen Volltreffer. Die Kinder kamen nicht zu Schaden, weil das Gebäude mit einem dicken Betondach zu einem raketensicheren Bunker umgebaut worden war.

Die israelische Regierung gerät zunehmend unter Druck, "etwas zu unternehmen". Doch die politische wie militärische Führung hat keine echten Antworten. Verteidigungsminister Ehud Barak verfügte eine Schließung der Grenzübergänge zwischen dem Gazastreifen und Israel. Eine Nachfrage beim Militärsprecher ergab eine eher dürre Antwort. Denn Palästinenser erhalten ohnehin seit der Machtübernahme der Hamas so gut wie keine Einreisegenehmigungen nach Israel. Humanitäre Fälle, also kranke Menschen, die zur Behandlung nach Jerusalem oder Jordanien reisen wollen, konnten in den meisten Fällen die Übergänge passieren. Im vergangenen Jahr wurde etwa 7000 Palästinensern die Passage genehmigt. Und auch jetzt bleiben die Grenzübergänge für "humanitäre Fälle" trotz der Sperrung offen. Die Frage, ob Israel die Lieferung von Wasser, Strom und Treibstoff in den Gazastreifen einstellen werde, verneinte der Militärsprecher, da es sich dabei um "humanitäre Dinge" handle. Die Abriegelung des Gazastreifens treffe letztlich nur Journalisten, die nun nicht mehr nach Gaza reisen könnten.

Der israelischen Regierung sind die Hände gebunden, denn das Oberste Gericht hat vor einigen Monaten einen Lieferstopp von Strom, Wasser, Treibstoff, Mehl und Medikamenten für illegal erklärt.

Da die zivilen Druckmittel auf die Bevölkerung in Gaza entweder wirkungslos sind oder nicht angewendet werden können, bleibt nur die Androhung eines umfassenden militärischen Einmarsches. Barak soll den Militärs die Weisung erteilt haben, sich darauf vorzubereiten. Doch diese israelische Drohung steht schon seit über zwei Jahren im Raum. Auch vor Ausbruch des Libanonkrieges im Sommer 2006 war die Rede von einer Invasion. Kommentatoren behaupten gar, dass die Hamas versuche, Israel in ein solches Abenteuer zu zerren, wohl wissend, dass es ein fürchterliches Gemetzel mit vielen Toten auf beiden Seiten geben werde, Israels Ansehen in der Welt schweren Schaden beigefügt würde und letztlich keine Lösung bringen werde.

Die Hamas weiß auch, dass ein großer Militärschlag das Ende aller Friedensbemühungen seit Annapolis bedeuten würde. Die Position des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas würde unhaltbar. Abbas könnte sich nicht weiterhin mit Olmert treffen, während gleichzeitig die israelische Armee in den Gazastreifen einmarschiert. Das politische Kalkül der Hamas könnte dann aufgehen. Die Hamas dürfte dann auch im Westjordanland die Macht übernehmen.

So bleibt den Israelis letztlich nur das, was sie schon seit Monaten tun: möglichst viele Hamas- und Dschihadkämpfer ausschalten, "damit sie künftig zögern, ehe sie eine Rakete auf Israel abschießen", wie es Barak formulierte. Israel habe ein Zehntel aller Hamas-Kämpfer in den vergangenen drei Monaten mit Panzergranaten, von Drohnen abgeschossenen Raketen und bei gezielten Kommandounternehmen getötet. Dabei gehen die Israelis so zielgenau vor, dass nur wenige Zivilisten als "Kolateralschaden" getroffen werden. So behaupteten Hamas-Sprecher Anfang der Woche, dass eine israelische Panzergranate "ihr Ziel verfehlt" habe und so eine dreiköpfige Familie getötet habe. Im Rückschluss ist klar, dass bei den angeblichen "Massakern" der Israelis vor allem Kämpfer und Raketenschützer der verschiedenen Kampforganisationen im Gazastreifen getroffen werden.

Quelle: ntv.de