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Solidarität oder Integrität? Seehofers Offenbarungseid

CSU-Chef Seehofer macht ausgerechnet jene in der Union für den Sturz Guttenbergs mitverantwortlich, die ihrer persönlichen und politischen Verantwortung nachgekommen sind und sich vom Schummel-Minister distanziert haben.

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"Das ist eine Sache zwischen der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin und mir", sagt Seehofer. "Da werden wir drüber reden."

(Foto: dpa)

Vermutlich hat der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer nicht auf sein eigenes Wissen und Gewissen gehört, sondern auf die Umfragen geschaut. Demnach bedauert ein erstaunlich großer Teil der Deutschen den Rücktritt des ehemaligen Verteidigungsministers Guttenberg - und bagatellisiert damit die Plagiats-Vorwürfe bei der Anfertigung seiner Doktorarbeit. Das ist eine Steilvorlage für den begnadeten Populisten Seehofer, von dem eigentlichen Fehlverhalten seines Parteifreundes abzulenken. In Seehofers Welt hat nicht Guttenberg gefehlt. Sich falsch verhalten haben jene, die mutig genug waren, ehrlich Stellung zu beziehen. Namentlich Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bildungsministerin Annette Schavan.

Seehofer wirft ihnen vor, nicht solidarisch gewesen zu sein. "Es geht um die Stilfrage. Die Stilfrage hat nichts mit inhaltlichen Positionen zu tun", sagt er zu kritischen Äußerungen der beiden CDU-Politiker. Lammert soll die Affäre als "Sargnagel" für das Vertrauen in die Demokratie bezeichnet haben, Schavan hatte in einem Interview gesagt, sie schäme sich, und das "nicht nur heimlich".

Es gehöre zum Selbstverständnis, dass man den eigenen Leuten beistehe, meint Seehofer. Damit stellt er die Verhältnisse auf den Kopf. Seehofer fordert nicht Anstand, Ehrlichkeit und Mut - genau jene Werte, gegen die Guttenberg verstoßen hat -, er fordert absolute Loyalität. Als handele es sich bei Parteien um Banden, die nur den eigenen Vorteil im Blick haben.

Horst Seehofer ist nicht nur Parteichef, sondern auch Ministerpräsident, mithin ein Repräsentant des Volkes. Als solcher sollte er Vorbild sein. Dazu gehört auch, nicht zur Legendenbildung beizutragen, sondern sich auch in schwierigen Situationen wahrhaft und souverän zu verhalten. Ist Guttenbergs eigenes Verhalten im Umgang mit seinen Fehlern zwar nur schwer erträglich, aber doch halbwegs nachvollziehbar, so leistet Seehofer mit seinen Vorwürfen einen moralischen Offenbarungseid.

Quelle: ntv.de

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