Politik
Dienstag, 02. März 2010

Zwischenruf: Thilo, der Colt für alle Fälle

Manfred Bleskin

Stimmen wie Thilo Sarrazin finden in der Demokratie kein Gehör, wenn's ökonomisch bergauf geht. Doch derzeit macht die Wirtschaft eher den Eindruck eines Sisyphos.

Thilo Sarrazin
Thilo Sarrazin(Foto: AP)

Wer ist Thilo Sarrazin? Weder Bundes- noch Präsident von sonst was. Der Mann war Berliner Finanzsenator und wartet nun als hochdotierter Bundesbanker auf seine Rente. Eigentlich sollte sich niemand um seine verbalen Schüsse gegen Arme und Migranten scheren.

Sarrazins Energiesparratschläge an Hartz-IV-Empfänger sind dummes Geschwätz. Wer armen Menschen rät, kalt zu duschen und bei 15 Grad einen Pullover anzuziehen, kann kaum ernst genommen werden. Wer Menschen muslimischen Glaubens als Produzenten von Kopftuchmädchen bezeichnet, lässt sich auf einen Weg ein, an dessen Ende Rassismus steht. Das gilt auch für die unsägliche Aussage, Intelligenz sei weitgehend vererbbar: Der erste bekante Vorfahr von Albert Einstein war Pferde- und Tuchhändler! Der Elsässer Albert Schweitzer hat erst in der Schule Hochdeutsch gelernt! Nebenbei: Sprachlich bewegt sich Sarrazin auf jenem intellektuellen Niveau, das er den Zielscheiben seines Zynismus' vorwirft.

Hätten wir noch das Wirtschaftswunder, würden solche Gedanken keinen Nährboden finden. In jener Zeit waren Arbeitskräfte ebenso rar waren wie Tiraden à la Sarrazin. Es war das Streben nach immer mehr Profit, welches das Entstehen großer ausländischer Gemeinden in der Bundesrepublik nachgerade erheischte. In Krisenzeiten aber werden jene, die durch ihrer Hände Arbeit in bedeutendem Maße zum Wohlstand in diesem Land beigetragen haben, zu Sündenböcken gestempelt. Sarrazin beweist schlichte Unkenntnis, wenn er den Berliner "Türken und Arabern" eine "produktive Funktion" abspricht. Allein in Betrieben mit türkischem Hintergrund sind in Deutschland mehr als 120.000 Menschen beschäftigt.

Es würde der deutschen Sozialdemokratie gut tun, sich von Sarrazin zu befreien. Mit solchen Leuten in der Partei kann der Schuss nur nach hinten los gehen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen