Politik
Montag, 14. Juni 2010

Zwischenruf: Verharmlosung ist bedenklich

Manfred Bleskin

ZDF-Fußball-Moderatorin Müller-Hohenstein spricht von einem "inneren Reichparteitag" und zeigt damit eine besorgniserregende Tendenz zur Verharmlosung der Naziherrschaft.

Zusammen mit Oliver Kahn kommentiert Katrin Müller-Hohenstein für das ZDF die WM.
Zusammen mit Oliver Kahn kommentiert Katrin Müller-Hohenstein für das ZDF die WM.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Um es vorweg zu schicken: Natürlich ist die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein keine Anhängerin der Nazis. Eine studierte Theaterwissenschaftlerin sollte aber wissen, dass es sich bei "Reichsparteitagen" um Propagandainszenierungen handelte, welche die Deutschen und das Ausland auf Mord, Totschlag und Raubkrieg vorbereiten halfen.

Falls der Begriff "innerer Reichsparteitag" Besinnlichkeit und Freude ausdrücken soll: Die Aufmärsche, für die die Nazis Nürnbergs Luitpoldhain in einen Aufmarschplatz für hysterische Anhänger der NSDAP verwandelten, stehen für blinden Fanatismus und hirnlose Hetze. Dort wurden SA- und SS-Einheiten auf die "Blutfahne" eingeschworen, jene Hakenkreuzfahne, welche Hitlers und Ludendorffs Putschisten angeblich beim "Marsch auf die Feldherrnhalle" 1923 in München mit sich geführt hatten.

Unbewusste Geschichtslosigkeit

Im Umgang von Frau Müller-Hohenstein mit diesem Wortungetüm zeigt sich eine unbewusste Gedanken- und Geschichtslosigkeit, die aus einer besorgniserregenden Tendenz zur Verharmlosung der Naziherrschaft erwächst. Hier Hitler, vielleicht noch Himmler, da der Rest, der irgendwie mitlief.

Viktor Klemperer hat in seinem Tagebuch "LTI ( Lingua Tertii Imperii). Notizbuch eines Philologen" wie kein anderer die Sprache des "Dritten Reiches" analysiert. Das Buch ist ein Lektüretipp für alle, die den Jubel bei Fußballspielen als "frenetisch" oder eben Tore als "inneren Reichsparteitag" bezeichnen.

Worte wie Arsendosen

"Worte", schreibt Klemperer an anderer Stelle, "können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de