Person der Woche

Person der Woche: Erna Solberg Führen Frauen besser durch die Krise?

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Norwegen, Island, Taiwan, Dänemark, Neuseeland und Finnland melden, die Epidemie sei weitgehend überwunden. Wie Deutschland kehren sie rasch zur Normalität zurück. Was haben diese Länder mit einer guten Corona-Bilanz gemeinsam? Eine weibliche Führung.

Norwegen hat es geschafft. Die tägliche Zahl der Todesopfer ist auf wenige Einzelfälle gesunken. Die Intensivstationen sind geleert. Im ganzen Land werden nur noch 59 versprengte Nachzügler ärztlich behandelt. Neuinfizierte gibt es kaum mehr. Kurzum: Die Corona-Epidemie ist vorbei. Ministerpräsidentin Erna Solberg verkündet darum hoffnungsfroh, das Land werde noch vor dem Sommer zur völligen Normalität zurückkehren. Der Lockdown ist beendet. Seit dieser Woche sind alle Schulen wieder geöffnet, die Geschäfte auch, selbst Kinos und Bars füllen sich wieder. Veranstaltungen mit 50 Personen sind wieder erlaubt, Sportwettkämpfe ebenfalls.

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Solberg regiert seit mehr als sechs Jahren Norwegen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Damit hat die Corona-Krise in Norwegen exakt zwei Monate gedauert und ist verblüffend glimpflich verlaufen. Nur 219 (weitgehend höchstbetagte) Corona-Tote werden gezählt. Auf eine Million Einwohner macht das rechnerisch nur 40 Opfer - Italien zählt hingegen traurige 505, Spanien 572, Belgien sogar 751. Norwegen ist zusammen mit Island (29), Finnland (49), Deutschland (91) und Dänemark (92) auffallend gut durch die Krise gekommen.

Die Merkel Norwegens

Oslos verblüffender Erfolg in der Bekämpfung der Epidemie hat viel mit Erna Solberg zu tun. Sie wird inzwischen gar als die "landets mor", als Landesmutter, gefeiert. Die Ministerpräsidentin gilt als Angela Merkel Norwegens. Sie sind ähnlichen Alters, vergleichbarer Ausstrahlung, verwandten Naturells. Beide regieren ihre Länder schon lange und mit wechselnden Koalitionen, beide sind beziehungsweise waren Vorsitzende der jeweils bürgerlich-konservativen Volkspartei, doch offen für grüne wie multilaterale Politiken.

Wie Angela Merkel hat auch die studierte Statistikerin Erna Solberg einen Sinn für naturwissenschaftliche Sachlichkeit. Und so ist sie wie Merkel früh dem Rat der Virologen gefolgt und hat Norwegen in einen konsequenten Lockdown geschickt. Am 12. März, nur zwei Wochen nach dem ersten gemeldeten Infektionsfall, waren Oslo und ein Großteil des Landes radikal geschlossen worden.

Wie Deutschland profitierte auch Norwegen von einem gutem Gesundheitssystem, einer disziplinierten Bevölkerung und einem ebenso frühen wie konsequenten Tracking durch die Gesundheitsbehörden. Intensiver als Deutschland testete Norwegen alle Zurückkehrenden aus Risikogebieten. Während in Deutschland noch viele Tage Reisende aus China und Iran ohne jede Kontrolle ins Land gelassen wurden, testete Norwegen sogar rückkehrende Skifahrer aus Österreich und Italien - jeden Einzelnen.

Besser als Deutschland ist Norwegen auch im digitalen Tracking. Während Deutschland noch an seiner Bewegungsprofil-App bastelt, hat Norwegen diese schon seit Mitte April freigeschaltet. Die App "Smittestopp" (Infektions-Stopp) wurde bereits von 1,5 Millionen Norwegern heruntergeladen, bei einer Gesamtbevölkerung von 5,4 Millionen Einwohnern.

Solberg steht für viele Frauen

Erna Solberg führte die Norweger mit ähnlich mütterlicher Strenge erfolgreich durch die Krise wie Tsai Ing-wen aus Taiwan, Mette Frederiksen aus Dänemark, Sanna Marin aus Finnland, Angela Merkel aus Deutschland, Katrín Jakobsdóttir aus Island, Jacinda Ardern aus Neuseeland. Alle von Frauen regierten Staaten kamen sehr gut durch die Pandemie. Angelsächsische Medien lobpreisen bereits ein feminines Muster: "Die Pandemie beweist: Frauen sind die besseren Anführer" (CNN), "Was haben Länder mit den besten Coronavirus-Strategien gemeinsam? Weibliche Anführer" ("Forbes") und "Sind weibliche Anführer besser im Umgang mit der Corona-Krise?" ("Guardian").

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Die These vom weiblichen Führungserfolg in der Corona-Krise ist verblüffend - freilich auch rasch falsifiziert, wenn man den Corona-Krisen-Erfolg von Sebastian Kurz in Österreich (nur 69 Todesopfer je eine Million Einwohner, also weniger als im weiblich regierten Deutschland, obwohl man doch so nah am italienischen Epizentrum war), den von António Costa in Portugal (als Nachbarland vom schwer getroffenen Spanien nur 112), von Lee Hsien Loong in Singapur (minimale 4 Todesopfer je eine Million Einwohner) oder den von Chung Sye-kyun in Südkorea (mit der Maßzahl 5 besser als alle weiblich regierten Staaten) betrachtet. Auch männlich geführte Staaten erzielen also bemerkenswerte Erfolge im Kampf gegen das Virus. In den von Männern regierten osteuropäischen Staaten sind die Todeszahlen ebenfalls niedrig, wobei nicht immer klar ist, in welchem Umfang überhaupt getestet wird.

Macho-Populisten lassen Frauen strahlen

Die These von den Regentinnen als die politisch besten Krankenschwestern entfaltet vor allem dadurch Wirkung, dass eine Reihe selbstherrlicher, männlicher Autokraten in der Pandemie eklatant versagt hat: Jair Bolsonaro (Brasilien), Recep Tayyip Erdogan (Türkei), Wladimir Putin (Russland), Xi Jinping (China), Donald Trump (USA) und Ajatollah Chamenei (Iran) haben klägliche Corona-Bilanzen. Xi verheimlichte das Virus, Trump unterschätzte es grotesk, in Putins Russland nähren die niedrigen Todeszahlen Zweifel an deren Glaubwürdigkeit, Bolsonaro hielt Brasilien gar für resistent und Erdogan wähnte Homosexualität für mitschuldig an der Pandemie. Die machtaufgeblasenen Alphatiere trafen offensichtlich auf einen Eindringling, der nicht weg propagandiert, als "fake news" diskreditiert, durch Geheimdienste eingeschüchtert, verbannt, verboten oder gar bombardiert werden konnte.

Bevor jedoch die weibliche Norwegen-Dänemark-Taiwan-Finnland-Neuseeland-Island-Deutschland-Riege den völligen Sieg über den Virus verkünden kann, kommt diese Nachricht: Ministerpräsident Bárður á Steig Nielsen meldet noch vor dem Nachbarn Norwegen die Färöer-Inseln als völlig Corona-frei. Der Inselstaat jubelt: Alle 187 Erkrankten sind geheilt, Todesfälle habe es keinen einzigen gegeben. Und das, obwohl Bárður á Steig Nielsen ein Mann ist - zudem in einem fast kompletten Männerkabinett. Und so hat er flugs eine Entscheidung vor allem für Männer gefällt: Die färöische Fussballliga ist als Erste Europas nach Corona wieder gestartet. Das gönnt Erna Solberg den Norwegern erst nach dem 15. Juni.

Quelle: ntv.de