Wieduwilts WocheIrrer Crossfit-Sozi schiebt Polit-Wal von der Sandbank
Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
Zwei Landtagswahlen und eine Kommunalwahl in München haben die SPD sturmreif geschossen. Gut für den Seeheimer Lars Klingbeil: Erst holt er sich die Ämter, jetzt die Inhalte der Partei.
"Heul nie. Beklag dich nie. Suche nie nach Ausreden." Solche Sprüche trägt Lars Klingbeil beim "Crossfit" am Armband. Crossfit ist eine Kraft-Ausdauer-Sportart, bei der vorzugsweise Führungstypen sich selbst, Gewichte oder schwere Taue herumwuchten, für Gesundheit, Rekorde, Strand-Figur.
Klingbeil kann wuchten, oder konnte es jedenfalls, denn vermutlich hat er in seinen Jobs nicht mehr die Zeit für jedes WOD, "workout of the day". Immerhin ist der nicht nur Vize-Kanzler und Finanzminister, er ist auch einer von zwei Bundesvorsitzenden.
In all diesen Funktionen ist gerade einiges zu tun. Der Haushalt hat große Löcher, die Welt hat schlimme Kriege und die SPD hat Bärbel Bas, Letztere in einer "Links-ist-vorbei!"-Koalition nicht unbedingt ein Gewinn.
Die SPD stand am vergangenen Sonntagabend am Abgrund: Zwei Landtagswahlen und eine Oberbürgermeister-Wahl in Bayern liefen für die Partei apokalyptisch schlecht. Die Stimmung war explosionsreif: Alle Augen richteten sich auf die Spitze, vor allem auf Klingbeil, der mit seinem mickrigen Wahlergebnis vom letzten Parteitag ohnehin auf zittrigen Füßen stand.
Wie ein gestrandeter Buckelwal
Die Hauptklage: Die Arbeiterpartei sei keine Arbeiterpartei mehr, manchen gilt sie sogar als linkswoke Verschwörung gegen den gesunden Menschenverstand, eine Versammlung von Realitätsverweigerern. Deshalb, so eine verbreitete Analyse, liefen so viele SPD-Wähler über zur AfD. Wie der in Lübeck gestrandeter Buckelwal liegt die Tante SPD also auf einer Sandbank und heult vor sich hin. Manch einer fordert Klingbeils Rücktritt.
Im Normalfall hätte die Partei nun Klingbeil und Bas abserviert: Wenn eine Organisation zeigen will, dass sie das Blatt wenden will, wechselt sie das Personal - das gilt im Fußball, in der Firma und in der Politik. Aber was, wenn der Kopf ab ist und kein neuer nachwachsen will?
Klingbeil tat in dieser Woche dasselbe wie nach der verlorenen Bundestagswahl: Er griff zur Macht, jetzt erst recht. Diesmal packte er nicht das Personal, sondern die Inhalte. Er hielt die Ruckrede, auf die das Land und mindestens ein ntv-Kolumnist seit Jahren warten.
Ruck, Agenda, Carney
Er sagte Sätze, die sonst Merz sagte. Mahnte die eigene Partei. Schlug Kehrtwenden vor. Anders gesagt: Er baggerte den fetten Säuger frei, damit er wieder eine Handbreit Wasser unter den Bauch bekommt.
Dabei klingt der SPD-Co-Vorsitzende nicht nach Aufbruch, Wende, Angriff. Als Klingbeil zu seiner SPD spricht, klingt er nicht feurig, sondern salbungsvoll, ein wenig, als bringe er sein Haustier zum Einschläfern.
Er will ja auch einiges beerdigen, das den Genossen in der Beamtenpartei lieb ist wie anderen ihr Kurzhaardackel: Etwa den jahrzehntelang gewuchteten Glauben an den Staat, die Vollkaskomentalität, den romantisierten Kampf gegen die Macht der Wirtschaft.
Klingbeils Auftritt weckte bei vielen Kommentatoren historische Assoziationen, an Roman Herzogs Ruck-Rede, an Gerhard Schröders Agenda 2010, er versprühte sogar einen Hauch Mark Carney - der kanadische Premier hatte in Davos den halben Westen verzaubert, indem er den eigenen Leuten riet, er solle sich von liebgewonnenen Lebenslügen trennen, etwa dem Glauben an eine regelbasierte Ordnung.
Wieso halten die Sozis still?
Sicher: Der Niedersache mischte durchaus SPD-Wohlfühl-Material bei, wenn er etwa das Ehegatten-Splitting abschaffen will, die Mitversicherung von Ehepartnern infrage stellt, einen höheren Spitzensteuersatz fordert und auf globale Konzerne schimpft. Aber: Der Beton müsse raus. Heult nicht, beklagt Euch nicht, sucht nicht nach Ausreden.
Offenbar hat er mit diesem Mix aus Standpauke und Streicheleinheit den Ton getroffen: In den Stunden nach seiner Rede widerspricht Klingbeil fast niemand aus der eigenen Partei öffentlich. Der mächtigste Sozi, der sich sperrt, ist in der CSU, und damit das Problem des Bundeskanzlers: Markus Söder.
Wieso halten die Sozis so still? Zum einen hat auch der Dümmste begriffen, dass die goldenen Zeiten vorbei sind und das Geld nicht aus dem Wasserhahn kommt. Mit Geld zukleistern funktioniert nicht mehr, nicht einmal mehr kommunikativ: Die Linke etwa forderte in dieser Woche fröhlich-dumm eine 150 Euro "Osterprämie" und erntete selbst auf Tiktok Spott.
Lieber Klingbeil als Abgrund
Zum anderen weiß die SPD, dass Klingbeil ihre letzte Patrone sein könnte. "Rally around the flag" heißt das Phänomen, wenn eine politische Führung in Krisenzeiten auf einmal Zuspruch genießt. Im September droht die Abrechnung - die SPD könnte sogar aus dem Landtag Sachsen-Anhalt fliegen.
Die Sozialdemokraten haben offenbar in den Abgrund geschaut und sich entschieden: Besser als der Absturz ist dieser Seeheimer allemal.
Jedenfalls vorerst: Während ich tippe, tagen SPD-Spitzenpolitiker, um über den künftigen Kurs zu beraten.
Der Buckelwal in der Lübecker Bucht hat am Freitagvormittag übrigens zwischenzeitlich den Kurs geändert: Zurück auf die Sandbank - das wäre sein Ende.