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Wann wird es teuer? Das droht Stinkefinger-Zeigern

Peer Steinbrück wird sein ausgetreckter Mittelfinger auf dem Titel des SZ-Magazins allenfalls ein paar Wählerstimmen kosten. Wer den Stinkefinger im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz reckt, muss mit schwereren Strafen rechnen.

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Schon in der Antike kannte man die obszöne Geste, in Deutschland ist sie erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts populär.

(Foto: picture alliance / dpa)

Stefan Effenberg flog 1994 aus der Nationalmannschaft, nachdem er den deutschen Fans bei einem Pfeifkonzert den Mittelfinger entgegenreckte. Der Stinkefinger bekam daraufhin in Deutschland kurzfristig einen neu en Namen: der "Effe" war geboren. Verwendet wird die Geste wohl schon seit der Antike. Damals wurde der Mittelfinger dem Gegner als "körperliches Idiogramm des erigierten Penis" entgegengehalten, wie das "Berliner Lexikon der Alltagsgesten" verrät. Später geriet die Beleidigung in Vergessenheit, erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts präsentiert man wieder den Mittelfinger, um zu zeigen, was man von seinem Gegenüber hält. Wenn Peer Steinbrück nun mit ausgestrecktem Mittelfinger auf dem Titel des Magazins der Süddeutschen Zeitung posiert, empört das vor allem die politischen Gegner. Befürchten muss der Kanzlerkandidat allenfalls den Verlust von ein paar Wählerstimmen, aber keine juristischen Konsequenzen.

Ganz anders geht es jenen, die im Affekt oder mit voller Absicht den Mittelfinger gegen ihre Mitmenschen richten. Die Geste gilt als Beleidigung und kann laut BGB mit Geld- und sogar Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden. Nun muss niemand befürchten, allein wegen eines Stinkefingers im Knast zu landen. Unerfreulich kann die Sache aber trotzdem enden, laut D.A.S. Rechtsschutzversicherung wird der ausgestreckte Mittelfinger von den Gerichten mit Geldstrafen zwischen 600 und 4000 geahndet. Ob und wie viel die Rüpelgeste am Ende kostet, hängt davon ab, inwieweit sich eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte nachweisen lässt. Wer in der Arbeit oder im Straßenverkehr pöbelt, riskiert mehr als eine Geldstrafe:

Am Arbeitsplatz

Wenn einen die Firma auf die Palme bringt, sollte man sich besser bremsen: Chefs den Stinkefinger zu zeigen, kann im schlechtesten Fall sogar den Job kosten. Das musste eine 54-jährige Pflegekraft erfahren, die ihrer Vorgesetzten auf die Frage, ob sie Hilfe brauche, den Mittelfinger entgegenstreckte. Weil es nicht der erste Vorfall dieser Art war, wurde sie außerordentlich gekündigt. Zu Recht, wie Ende 2012 das Verwaltungsgericht Ansbach entschied. Einen automatischen Rauswurf zieht der Stinkefinger gegen Vorgesetze oder Kollegen aber nicht nach sich. In anderen Fällen entscheiden Richter, dass eine Abmahnung als Konsequenz reicht.

Im Straßenverkehr

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Wer anderen Verkehrsteilnehmern den Mittelfinger präsentiert, kassiert unter Umständen Punkte in Flensburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Beleidigungen, die im Auto gebrüllt werden, hört normalerweise höchstens der Beifahrer. Was liegt da näher als Gestensprache? Der Stinkefinger gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern gehört zum Alltag auf der Straße und bleibt meistens ungeahndet. Setzt sich das Gegenüber aller dings juristisch zur Wehr, kann es teuer werden. Neben dem Bußgeld gibt es auch Punkte in Flensburg, wenn es dumm läuft, riskiert man also auch noch den Führerschein. Damit ist es aber bald vorbei: Mit der Neuregelung des Verkehrszentralregisters werden ab Mai 2014 keine Eintragungen mehr für Beleidigungen vorgenommen.

Damit die Beleidigung auch strafrechtliche Bedeutung bekommt, muss der Kläger eine schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung nachweisen – und das ist nicht ganz einfach, wie ein Urteil des Amtsgerichts Meißen zeigt. In dem Fall hatte eine Autofahrerin den Insassen eines Polizeifahrzeugs den Stinkefinger gezeigt. Sie habe sich bedrängt gefühlt, schließlich hätten die Polizisten, die sie nicht als solche erkannt hätte, vorher die Lichthupe betätigt, sagte die Frau in der Gerichtsverhandlung. Weil die Frau schon bei der anschließenden Verkehrskontrolle Reue erkennen ließ, blieb ihr Stinkefinger ungestraft.

Bei Radarfallen

Wenn es blitzt, schnell noch den Stinkefinger zeigen – das mag Temposündern kurzfristig Genugtuung verschaffen, bringt aber auch eine Menge Ärger. Denn auch eine "vulgäre Geste der Missachtung" gegen einen toten Gegenstand wie eine Videokamera kann als Beleidigung gewertet werden, wie das Bayerische Oberste Landesgericht im Jahr 2000 entschied. Die Beleidigung habe schließlich nicht der Sache gegolten, sondern den nicht sichtbaren Amtspersonen.

Selbst wenn man vorschriftsmäßig unterwegs ist und nicht damit rechnen muss, geblitzt zu werden, sollte man sich zusammenreißen. Löst die Radaranlage trotzdem aus, etwa weil ein Fahrzeug auf der Nebenspur zu schnell ist, gibt es vielleicht doch noch teure Bilder. Die Urteile hierzu sind allerdings widersprüchlich. So sprach das Amtsgericht Melsungen 2007 einen Autofahrer vom Vorwurf der vorsätzlichen Beleidigung frei. Der Mann hatte beim Anblick einer Radarfalle beide Mittelfinger vom Lenkrad weggestreckt. Was er nicht wusste: Neben den Radarfotos fertigte die Kamera auch eine Videoaufzeichung an – und darauf war seine beleidigende Geste zu erkennen. Der Mann habe nicht damit rechnen müssen, dass seine Geste von Beamten wahrgenommen werde, fand das Gericht.

In der Öffentlichkeit

Ausgestreckte Mittelfinger als Aufkleber auf dem Auto oder als Aufnäher für Kleidungsstücke geben nicht unbedingt ein sympathisches Bild ab, sind aber nicht strafbar. Schließlich wird niemand direkt angegriffen. Anders sieht es aus, wenn sich der Finger gegen eine bestimmte Person richtet. Das musste auch ein Mann einsehen, der handgefertigte Gartenzwerge mit ehrverletzenden Gesten in seinem Garten aufstellte, um seinen Nachbarn zu beleidigen.

Mit künstlerischer Freiheit habe das nichts zu tun, fand das Amtsgericht Grünstadt. Der Mann hätte sich auch selbst vor das Haus des Nachbarn stellen können, um ihm das "Fuck-you-Zeichen" zu zeigen. "Da dies dem Beklagten aus naheliegenden Gründen nicht permanent möglich ist, hat er sich entschlossen, die hier streitgegenständlichen Zwerge zu schaffen und diese für ihn "handeln" zu lassen", begründeten die Richter ihr Urteil. Auch Gartenzwerge dürfen also nicht überall den Stinkefinger zeigen.

Quelle: n-tv.de

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