Motor für WeiterentwicklungKonflikte austragen
Ein Streit mit einem Kollegen oder sogar dem Chef -darauf wollen viele Beschäftigte lieber verzichten. Dabei ist eine Auseinandersetzung nicht immer verkehrt.
Ein Streit mit einem Kollegen oder sogar dem Chef -darauf wollen viele Beschäftigte lieber verzichten. Dabei ist eine Auseinandersetzung nicht immer verkehrt. Gerade im Berufsleben können Konflikte auch Dinge ins Rollen bringen.
"Konflikte sind ein Motor für die Weiterentwicklung", sagt Doris Brenner von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung in Frankfurt. Anderen nur nach dem Mund zu reden, nütze nichts. "Hilfreich für ein Unternehmen ist derjenige, der neue Aspekte hereinbringt", sagt Brenner. Und das auch, wenn er damit vielleicht zunächst auf Widerstand stößt. "Es wäre töricht, die eigenen Ziele zu vernachlässigen, nur um Konfrontation zu vermeiden."
Das Ansprechen von Konflikten bringt noch einen weiteren Vorteil: "Wird es nicht gemacht, geht viel Arbeitszeit verloren, da die Mitarbeiter geistig mit den Konflikten beschäftigt sind", erklärt Simone Pöhlmann, die in München eine Streitschule betreibt. Teamfähigkeit ist laut Brenner ohne Konflikte kaum umsetzbar: "Ein Mitarbeiter ist teamfähig, gerade weil er seine eigene Meinung vertritt." Konfliktfähigkeit als "Softskill" wird deshalb immer wichtiger.
Besonders schwer fällt es vielen allerdings, die eigenen Ansichten gegenüber dem Vorgesetzten zu vertreten. Doch gerade für die fachliche Weiterentwicklung sei dies unerlässlich. Der Chef setze sich meistens nicht so detailliert mit Fachthemen auseinander wie seine Mitarbeiter. "Es ist deshalb ihre Pflicht, ihm ihre Sichtweise nahe zu bringen und diese argumentativ zu vertreten", erläutert Brenner. Dennoch darf die Hierarchie nicht aus den Augen gelassen werden: "Mit dem Chef kann ich natürlich nicht so umgehen wie mit einem Freund", sagt Simone Pöhlmann.
Denn bei strittigen Themen im Beruf kommt es vor allem auf das "Wie" an. Sind Konfliktgespräche vorhersehbar, ist der erste Schritt, sich gut darauf vorzubereiten. "Dazu muss man sich klar machen, um was es eigentlich gehen soll", erläutert Mediatorin Pöhlmann. Im Gespräch sollte eine Lösung des Konfliktes vorgeschlagen werden. Gemeinsam mit den Konfliktpartner muss schließlich versucht werden, einen konstruktiven Weg dahin zu finden. Den Begriff "Kompromiss" vermeidet Pöhlmann in diesem Zusammenhang: "Das klingt so, als sei am Ende keiner zufrieden."
Wer sich selber auf ein geplantes Konfliktgespräch vorbereitet, muss anderen dazu auch die Möglichkeit geben: "Keiner darf einfach über den anderen herfallen", sagt Pöhlmann. Falls ein Konflikt unvorbereitet auftaucht, sollte nichts überstürzt werden. "Wenn es möglich ist, sollte man sich eine Auszeit nehmen und zunächst über das Thema nachdenken", rät Pöhlmann.
Das Gleiche empfiehlt auch Ulla Diallo vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Berlin. Auf einen plötzlich auftretenden Konflikt könne beispielsweise mit den Worten: "Ich fürchte, jetzt hat es keinen Sinn weiter zu sprechen. Ich komme in einer halben Stunde noch einmal auf Sie zu" reagiert werden.
Dieser Abstand nutzt in vielen Fällen auch demjenigen, der das Streitgespräch beginnt. Ein unerwarteter Streit sei für denjenigen, der plötzlich damit konfrontiert wird, häufig mit einem Gesichtsverlust verbunden, da er sich über den Tisch gezogen fühle. "Wenn er keine Zeit hat, sich mit den Konfliktthemen auseinander zu setzen und das Ganze sacken zu lassen, ist er dem anderen gegenüber später eventuell nachtragend", sagt Doris Brenner.
Doch egal, ob plötzliches oder geplantes Konfliktgespräch -eines ist immer wichtig: "Ich muss mich in den anderen hineinversetzen und mir überlegen, welche strittigen Punkte für ihn von besonderer Bedeutung sind", erklärt Brenner.
Werden Konflikte nicht unter den Teppich gekehrt, kommt es laut Pöhlmann außerdem zu weniger Missverständnissen und Fehlern, wodurch sich die Arbeitsatmosphäre verbessern würde. Ein Streit bietet nach Ulla Diallos Einschätzung zudem die Möglichkeit, Gegensätze zu überwinden. Allerdings müssten die Konfliktpartner dafür meistens kurzfristigen Stress in Kauf nehmen, so die Psychologin aus Essen.
Für Arbeitgeber ist es vor einer Einstellung in der Regel schwer zu beurteilen, ob ein Bewerber konfliktfähig ist. Ein paar Hinweise kann es dennoch geben: "Ein Verein ist zum Beispiel ein gutes Übungsfeld für Konflikttechniken", sagt Brenner. Doch auch im Privatleben sei jeder von der Kindheit an mit Konflikten konfrontiert und könne so im Laufe der Zeit durch "Learning-by-doing" lernen.
Dennoch dürfen die Erfahrungen aus dem privaten Streiten nicht eins zu eins auf den Beruf übertragen werden. "Die eher distanzierte Beziehung zu einem Kollegen erlaubt weniger emotionales, sondern eher sachbezogenes Streiten", sagt Ulla Diallo. Laut Doris Brenner falle es jedoch Frauen besonders schwer, ein Thema von der Person zu trennen. Männer könnten ihre Meinung häufig rationaler vertreten. "Nach einem Konflikt können sie auch noch ein Bier zusammen trinken."