Ratgeber

Rat von KommunikationstrainerinWie gelingt eine gute Rede?

16.07.2023, 07:55 Uhr
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Vorträge sollten idealerweise nicht langweilen. (Foto: imago stock&people)

Nicht nur das Lampenfieber steht einem guten Vortrag häufig im Weg. Wenn die Zuhörer gähnen oder mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, läuft definitiv etwas falsch. Die Kommunikationstrainerin Julia Reichert weiß, wo dann häufig das Problem liegt.

Viele Menschen glauben, ein Blackout sei das Schlimmste, was bei einem Vortrag passieren kann. Der vergeht aber meistens wieder. Wesentlich problematischer ist es allerdings, wenn das Gesagte überhaupt nicht beim Publikum angekommen ist, weil der Vortrag einfach als sterbenslangweilig empfunden wurde.

Die Kommunikationstrainerin Julia Reichert machte ihren Master in Cognitive Neuroscience of Language in San Sebastián und kennt solche Reden noch sehr gut aus ihrer Studienzeit. Das veranlasste die 30-Jährige dazu, ihr neues Buch "Wie erfolgreiche Menschen reden" zu schreiben. Im Interview mit ntv.de erzählt sie, warum eine Rede trotz eigentlich gutem Inhalt scheitern kann und was für einen gelungenen Vortrag wirklich wichtig ist.

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ntv.de: Die Vorträge Ihrer Kommilitonen während Ihres Studiums waren eine Motivation für Ihr neues Buch. Wie kam es dazu?

Julia Reichert: Alle haben die mündlichen Prüfungen so lustlos vorgetragen, wahrscheinlich aus dem Stress heraus. Die Inhalte waren aber total spannend. In der Schule lernt man nie, wie man Referate spannend rüberbringen kann. Der Vortrag muss im Studium zwar nicht spannend sein für eine gute Note, aber ich finde das schade. Wenn die Prüfung langweilig ist, sind auch die Professoren gelangweilt. Ich würde mir daher wünschen, dass das zukünftig wichtiger wird in Schulen und Universitäten. Deswegen hatte ich das im Hinterkopf, dass ich mit dem inhaltlichen Wissen aus dem Studium etwas mache und weitergebe. Ich möchte den Leuten das Lampenfieber wegnehmen. Man kann das sogar nutzen, sodass man mehr Spaß am Vortragen hat.

Wie sollte man sich optimal auf eine Rede vorbereiten?

Ich würde immer mit Stichpunkten auf Kärtchen arbeiten für den Fall, dass man einen Blackout hat. Dann kann man draufschauen und ist auf der sicheren Seite. Für die Vorbereitung und gegen das Lampenfieber sollte man die Rede üben. Es hilft auch, die Rede vor Freunden oder auch einer kleinen Gruppe fremder Leute zu halten. Je häufiger man Vorträge hält, desto leichter fällt einem das Ganze mit der Zeit.

Welche Tipps haben Sie gegen Lampenfieber?

Mein wichtigster Tipp ist, dass man vor dem Vortrag in den Raum oder auf die Bühne geht. Das ist so hilfreich. Ich sehe ganz viele Leute, die einen spontanen Vortrag geben und gar nicht wissen, wo sie hinschauen müssen oder wie laut sie eigentlich reden sollten. Das kann man alles üben, wenn man einen Tag vorher in den Raum oder auf die Bühne geht. Man sollte sich auch sagen, dass jeder Mensch Lampenfieber hat. Das ist ganz normal.

Wie gelingt ein optimaler Einstieg in den Vortrag?

Es gibt viele Möglichkeiten. Im Buch sind ein paar Beispiele aufgeführt, wie man die Sinne des Publikums ansprechen kann. Man kann zum Beispiel mit Musik starten oder ein emotionales Bild zeigen. Das Publikum kann mit einbezogen werden, zum Beispiel mit einer Frage. Man sollte sich auch bewusst machen, dass die Rede schon anfängt, bevor man spricht. Das heißt, wenn man den Raum betritt, schauen die Leute einen schon an. Und da entscheiden sie schon, ob die Person sympathisch ist. Man sollte sich also entsprechend kleiden und die Leute anlächeln.

Was macht eine gute Rede aus und wie sollte sie aufgebaut sein?

Ein Punkt, der mir immer wieder auffällt, ist die Länge. Viele Studenten denken: Je länger das Referat ist, desto besser wird die Note, weil man mehr Fakten vermitteln kann. Das ist aber nicht so, denn unsere Aufmerksamkeitsspanne ist eigentlich nur bei fünf Minuten. Gerade Pitches sind limitiert auf fünf Minuten. Was auch mit der Länge zusammenhängt, ist, dass man an seinem roten Faden festhält. Es reicht ein starkes Argument oder ein Beispiel, um einen schönen Aufbau zu haben. Je kürzer eine Rede ist, desto besser.

Sind längere Vorträge dann automatisch schlechter?

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Julia Reichert studierte Germanistik und französische Philologie in Potsdam und Paris, unterrichtete Flüchtlinge und machte ihren Master in Cognitive Neuroscience of Language 2019 in San Sebastián. (Foto: Vogelwild und Andres)

Nein, ich habe schon Vorträge von einer Stunde gehört, die richtig spannend waren. Wenn die Rede gut aufgebaut ist, emotional bleibt und das Publikum mit einbezogen wird, dann geht es auch länger. Das kommt aber stark auf das Thema an. Wenn Sie im Unternehmen eine Idee vorstellen möchten, dann reichen fünf Minuten. Wenn man eine mündliche Prüfung im Studium hat, sind auch 20 Minuten total legitim.

Wie setzt man die eigene Stimme am besten für den Erfolg einer Rede ein?

Wenn jemand leise und monoton spricht, wird es auch inhaltlich nicht ankommen. Das liegt daran, dass unser Gehirn keinen Anreiz hat, auf eine Veränderung zu reagieren. Wir sind in einem Modus des Funktionierens. Unsere Aufmerksamkeit wird getriggert, wenn etwas Neues kommt. Wenn jemand ein Wort betont, dann reagieren wir auf diesen Reiz. Deswegen sollte man seine Stimme gezielt einsetzen, um diese Aufmerksamkeit zu halten und das über Minuten oder sogar Stunden.

Was sollte man tun, wenn man merkt, dass sich das Publikum langweilt?

Dann würde ich in diesem Moment eine peinliche Stille entstehen lassen. Dann fragt sich das Publikum, was los ist. Man kann aber auch jemanden direkt ansprechen oder die Leute etwas fragen.

Was ist bei einer Rede im persönlichen Umfeld anders als bei einer im beruflichen Kontext?

Bei einer Rede im persönlichen Umfeld, zum Beispiel bei einer Hochzeitsrede, kann man mehr mit Humor arbeiten und das mit den Anwesenden verbinden. Man kann die Zuhörer viel mehr mit einbeziehen. Im seriösen Umfeld kann es sein, dass so etwas nicht erwünscht ist.

Oft werden die Redner sehr emotional, zum Beispiel bei einer Trauerrede. Was kann man tun, um solche Gefühlsausbrüche besser in den Griff zu bekommen?

Wenn jemand einen Gefühlsausbruch bekommt, ist es etwas richtig Tolles. So springt die eigene Emotion auf die Zuhörer über. Die ganzen Anwesenden weinen dann auch, wenn man anfängt, bei einer Trauerrede zu weinen. Aber auch hier helfen wieder Stichpunkte, wenn man den roten Faden verliert.

Wie gelingt ein guter Abschluss von einer Rede?

Der Klassiker "Danke für eure Aufmerksamkeit" ist okay, aber ein bisschen fad. Man kann die Kernaussage zusammenfassen und die Leute mit einer Frage entlassen, die natürlich mit dem jeweiligen Thema zu tun haben sollte. "Zum Schluss möchte ich Sie heute mit einer Frage verabschieden: Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Ihnen XY verbieten würde?" oder "Was denken Sie, werden wir in den kommenden 10 Jahren noch mit Smartphones zu tun haben?"

Wie wichtig sind Hilfsmittel wie Powerpoint?

Die sind nicht wichtig. Wenn jemand über sein Thema redet und es schafft das Publikum zu begeistern, lenkt alles andere nur ab. Eine Powerpoint-Präsentation kann ein schöner Zusatz sein, wenn sie sehr übersichtlich gehalten ist. Es sollten aber eher Fotos oder nur Schlagwörter enthalten sein. Lesen und zuhören funktioniert nämlich oft nicht gut.

Was sind Ihrer Meinung nach absolute No-Gos bei einem Vortrag?

Da ist die Liste lang, aber am Anfang sollte man den Leuten keine Gliederung zeigen. Das ist zwar oft in Schule und Studium gewünscht, aber ich finde das ganz schrecklich. Wenn man ins Kino geht, möchte man ja genauso nicht wissen, was alles im Film passiert und wie er endet. Dann hat man keine Lust mehr, den Film zu gucken. Man kann mit einer Frage starten und versprechen, dass diese am Ende beantwortet wird. Dann ist noch die Spannung da. Wenn man monoton spricht, die Powerpoint-Präsentation vollklatscht und das Publikum nicht miteinbezieht, hat man die Aufmerksamkeit verloren. Man sollte auch keine Fachbegriffe verwenden, wenn das Publikum sehr jung oder nicht vom Fach ist. Aber Jugendsprache sprechen sollte man nicht.

Was kann man tun, wenn man feststellt, dass man häufig "Äh"-Pausen macht oder sich verhaspelt?

Eine Schauspieltrainerin hatte dazu einen Tipp: Man soll sich vorstellen, hinter einem steht ein Gospel-Chor, der in allen Sprechpausen "Oh yeah" singt. Das geht man im Kopf durch und führt dazu, dass man längere Sprechpausen macht. In diesen Pausen hat man Zeit, über den nächsten Satz nachzudenken. Wir sagen "ähm", weil wir diese Sprechpausen vermeiden wollen. Aber diese Pausen sind sogar für den Zuhörer wichtig, um über das Gesagte nachzudenken. Wer sich oft verhaspelt oder stottert, sollte an seiner Entspannung arbeiten. Auch hier hilft wieder mehr Übung.

Viele Menschen haben einen Dialekt. Sind Dialekte bei Reden eher ein Hindernis, wenn man professionell wirken möchte?

Ich finde, dass Dialekte die Authenzität der Person unterstreichen. So bekommt man auch mehr Sympathie, weil man sich nicht verstellt. Einzelne Wörter des Dialektes kann man zur Not immer noch kurz erklären. Es ist nur dann problematisch, wenn man so einen starken Dialekt spricht, den das Publikum gar nicht versteht.

Mit Julia Reichert sprach Isabel Michael

Quelle: ntv.de, imi