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Sportvideos für die Quarantäne Als "Koko" dem Rest der Welt davonläuft

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Klosterhalfen gegen Kenia: Bei der WM 2019 erläuft die damlas 22-Jährige eine historische Bronzemedaille.

(Foto: REUTERS)

Der Livesport steht still, die Coronavirus-Krise stoppt die Ligen, Wettkämpfe sind abgesagt. Auf Sport aus dem TV muss trotzdem niemand verzichten, schließlich gibt es Aufzeichnungen von historischen Ereignissen. Heute: Der historische Bronzelauf von Konstanze Klosterhalfen bei der WM 2019.

Bei diesem Rennen tritt Konstanze Klosterhalfen nicht nur gegen ihre Konkurrentinnen auf der Tartanbahn an. Sie läuft auch gegen ihre Erwartungen an sich selbst, gegen das Gerede, sie können mit der Weltspitze nicht mithalten und würde bei den ganz großen Rennen nicht abliefern können wie bei der WM 2017 als sie im Halbfinale über 1500 Meter ausschied und der EM 2018 als sie Vierte wurde. Und sie läuft gegen die Dopingsperre für den Chef ihrer Nike-Laufgruppe in den USA, Alberto Salazar, wodurch auch ihre Leistungen in der Öffentlichkeit immer wieder hinterfragt werden.

"Koko" steht voll fokussiert am Start, die Augen weit aufgerissen. Das Feld der Gegnerinnen ist stark, voller Afrikanerinnen, die diese Sportart normalerweise dominieren. Besonders Hellen Obiri aus Kenia, die bei der WM 2017 den Titel auf dieser Strecke holte, in Rio bei den Olympischen Spielen 2016 Silber gewann und Fünfte der ewigen Weltbestenliste ist, wird schwer zu knacken sein. Die Tage zuvor blieb Klosterhalfen im Hotel, schottete sich ab: absolute Konzentration auf das wichtigste Rennen ihres Lebens. Kann sie die erste WM-Medaille überhaupt für Deutschland in dieser Disziplin erlaufen?

Rempler bringen Klosterhalfen nicht aus dem Takt

Noch einmal richtet die 22-Jährige sich die zum Pferdeschwanz gebundenen Haare. Dann macht sie einen kleinen Hopsersprung an die Startlinie, beugt ihren Oberkörper leicht hinunter, die Hände sind zu Fäusten geballt. Klosterhalfen hat den drittnächsten Startplatz zur Innenbahn. Startschuss: Mit drei, vier schnellen Schritten überholt sie die Läuferinnen links von ihr und behauptet die Innenbahn für sich. Nach einer Runde liegt sie auf Platz fünf und wartet erstmal ab. Der lange Pferdeschwanz wippt hin und her, die Augen strahlen höchste Anspannung und absoluten Fokus aus.

Das Rennen ist nicht so schnell wie manch anderes, das Klosterhalfen im Vorlauf gerannt ist. Sie lässt sich etwas weiter nach außen fallen, um Schubsereien an der Innenkante aus dem Weg zu gehen. Noch neun Runden sind zu absolvieren, noch läuft das Feld gemeinsam und Klosterhalfen ist auf Tuchfühlung mit der Spitze um Obiri. Dann bekommt sie die ersten kleinen Rempler ab, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen - sondern wirft einen vorwurfsvollen Blick zur Seite und läuft ihr Rennen weiter.

Nach fünf Minuten zieht Obiri das Tempo an. Zusammen mit zwei Äthiopierinnen und zwei Kenianerinnen geht Klosterhalfen die Geschwindigkeitssteigerung mit. Große, schnelle Schritte: Koko setzt sich auf Platz drei, das Gesicht bleibt unverzerrt und ruhig. Mittlerweile kennt sie solche Situationen bei großen Rennen und mitten in der Weltspitze. Hinter ihr zerfällt das Feld, aber sie ist im Jahr 2019 so weit, dass sie eben zu dieser Weltspitze gehört.

Vollsprint auf der letzten Runde

Nach 2800 Metern erobert Koko den zweiten Platz, ist Obiri so dicht auf den Fersen wie es nur geht. Kenia, Klosterhalfen, Kenia, Kenia, Äthiopien, Äthiopien. So liest sich die Reihenfolge. Dahinter kommt erstmal nichts mehr, die restlichen Läuferinnen haben den Kontakt zur Spitzengruppe verloren. Obiri wird immer schneller, es scheint, als müsste ein Deutscher Rekord her, wenn Klosterhalfen hier noch gewinnen will. Aber die 22-Jährige geht das Tempo mit.

Noch vier Runden. Koko schaut hoch zur Videoleinwand und dreht sich kurz um, um zu sehen, wer hinter ihr läuft. Immer wieder bekommt das deutsche "Jahrhunderttalent" Schubser und Rempler ihrer Konkurrentinnen zu spüren. Ihr Gesicht ist errötet, aber sie verzieht weiterhin keine Miene. Noch drei Runden, die in Führung liegende Kenianerin wechselt die Geschwindigkeit und wird etwas langsamer, nur um dann gleich wieder schneller zu werden. Taktieren 800 Meter vor der Ziellinie. Klosterhalfen liegt weiter auf Rang zwei.

Die Glocke läutet die letzte Runde ein. Sofort folgen die ersten Attacken. Lilian Kasait Rengeruk aus Kenia will die Spitze erobern, Klosterhalfen und Obiri kontern im Vollsprint. Was für ein Tempo! Kokos Kopf wackelt hin und her, sie holt jetzt alles aus sich heraus. Noch 200 Meter. Obiri, Klosterhalfen und Margaret Chelimo Kipkemboi aus Kenia machen die Medaillen jetzt im Endspurt unter sich aus, so viel ist klar.

Die zweitschnellste Zeit ihres Lebens

Die deutsche Läuferin verzerrt ihr Gesicht, der Mund schnappt nach Luft. Den Gesichtsausdruck kennt man von ihr eigentlich nicht. Die 22-Jährige muss so kämpfen wie noch nie. Auf der Zielgeraden zieht Obiri dann unnachahmlich ein paar Meter davon, Klosterhalfen presst die Lippen zusammen, aber kann ihr nicht mehr folgen.

Kipkemboi überholt die Deutsche auch noch zum kenianischen Doppelsieg, aber Klosterhalfen rennt mit letzter Kraft zur historischen Bronzemedaille ins Ziel: Noch nie hat eine deutsche Läuferin überhaupt eine Medaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen über 5000 Meter geholt.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Arme in die Seiten gepresst, sucht Klosterhalfen auf der Videoleinwand gleich ihre Zeit. Dann senkt sie den Kopf, pumpt, und muss sich mit den Händen auf den Knien abstützen. Dann realisiert auch sie, was sie hier erreicht hat und streckt ihre Daumen in die Luft: Sie läuft die zweitschnellste Zeit ihres Lebens und ganz Deutschlands. Die letzten Läuferinnen in dem Finale der Weltmeisterschaft kommen erst eine halbe Minute nach ihr im Ziel an.

Als einzige nicht-afrikanische Läuferin neben Sifan Hassen (Bronze bei der WM 2017) seit 2005 kann Klosterhalfen eine Medaille bei einer WM über 5000 Meter erlaufen. Mit ihrer Zeit von 14:28,43 Minuten hätte sie vor zwei Jahren Gold gewonnen. Mit der deutschen Fahne läuft sie noch locker eine Ehrenrunde. Sie hat es allen gezeigt. Auch sich selbst.

Quelle: ntv.de