Atemberaubendes Finale steht anVor Emma Aicher kann Ski-Königin Shiffrin nur ihren Hut ziehen

Die Chance ist nicht sehr groß, aber da: Emma Aicher greift beim Saisonfinale nach dem Gesamtweltcup - und einer kleinen Kugel. Ski-Königin Mikaela Shiffrin ist schwer beeindruckt. Aber zeigt sie an einem Ort der Skigeschichte auch Nerven?
Für den atemraubenden Endspurt im Rennen um die große Kugel hätte sich Emma Aicher keinen besseren Platz aussuchen können. Die ersten beiden der finalen vier Rennen im alpinen Weltcup finden am Wochenende an einem für sie historischen Ort statt: In Kvitfjell, rund 50 Kilometer nördlich von Lillehammer. Unabhängig davon, dass dort 1994 Katja Seizinger und Markus Wasmeier zu olympischem Gold fuhren - vor genau einem Jahr wirbelte Aicher auf dem Olympiabakken zum ersten Mal die Weltelite durcheinander. Mit ihrem ersten Sieg und einem zweiten Rang.
In den zwölf Monaten seitdem hat die 22 Jahre alte Allrounderin ihren rasanten Aufstieg schier unaufhaltsam fortgesetzt - und nach zwei olympischen Silbermedaillen in Cortina d'Ampezzo am Ende ihrer formidablen Saison nun sogar noch eine Chance, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Keine große, aber immerhin. So oder so ist das freilich nichts, was Aicher aus der Ruhe zu bringen scheint. "Ich bin ziemlich stolz darauf, wo ich gerade stehe", sagt sie vor den letzten vier Rennen, "wie es dann am Ende ausgehen wird, ist gar nicht so wichtig."
Tatsache ist: Aicher steht sehr gut da vor dem Kehraus. Ihr Rückstand im Gesamtweltcup auf die unbestrittene Ski-Königin Mikaela Shiffrin (USA) beträgt 140 Punkte - das ist unter normalen Umständen nicht aufzuholen, aber auch nichts, was sie groß beschäftigt. "Wenn man sich anschaut, wo ich herkomme, habe ich es sehr weit gebracht. Darauf bin ich wirklich stolz", betont Aicher. Ihr Plan klingt auch vor dem Finale so simpel wie immer: "Ich werde mich auf mich und mein Zeug konzentrieren, das Skifahren genießen - und dann schau'n wir mal."
Aicher mit Chancen in der Königsdisziplin
Eines ist Aicher schon mal gelungen: Shiffrin unter Druck zu setzen. Nach dem Slalom im schwedischen Are, den sie vor ihrer deutschen Verfolgerin gewonnen hatte, sagte die Amerikanerin beeindruckt: "Emma ist so stark gefahren. Ich hatte das Gefühl, mein Leben geben zu müssen - und trotzdem habe ich nur 20 Punkte mehr bekommen als sie." Deshalb prophezeit Shiffrin: "Wir werden ein aufregendes Finale haben. Sie hat es auch verdient. Sie ist die stärkste Allrounderin von allen. Ich werde kämpfen, aber ich möchte auch den Hut ziehen vor ihrer Saison."
Der Endspurt um die große Kristallkugel wäre noch spannender als ohnehin schon, hätte Aicher nicht am vorvergangenen Wochenende im Val di Fassa gepatzt: Ein zwölfter Platz in der Abfahrt und eine Nullnummer im Super-G kosten am Ende womöglich einen knappen Sieg im Kampf um die große Kugel - es wäre der erste einer Deutschen seit jenem von Maria Riesch 2011.
Zunächst aber gilt: In der Abfahrt und im Super-G müsste Aicher idealerweise so viele Punkte machen, dass sie Shiffrin überholt und damit vor dem Riesenslalom und Slalom weiter unter Druck setzt. Ein Sieg in der Abfahrt wie vor einem Jahr hätte noch einen angenehmen Nebeneffekt: Aicher hat auch noch Chancen auf die kleine Kugel in der Königsdisziplin. Auf den Olympiabakken geht sie mit einem Rückstand von 28 Punkten auf Laura Pirovano aus Italien.