Sport

Brisante Studie stark gekürzt BRD förderte und duldete Dopingforschung

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Nach monatelanger Blockade ist die Studie "Doping in Deutschland" nun öffentlich - stark gekürzt. Sie zeigt: Die westdeutsche Dopinggeschichte beginnt schon 1949, der Staat förderte die Forschung mit Steuergeld. Die Studie kritisiert auch Anti-Doping-Papst Manfred Donike.

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) hat auf den öffentlichen Druck durch Vorabberichte reagiert und die lange zurückgehaltene Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" veröffentlicht. Allerdings wurde der Abschlussbericht der Berliner Forschungsgruppe stark eingekürzt. Im Gegensatz zum 804-seitigen Bericht, aus dem die "Süddeutsche Zeitung" am Samstag vorab zitiert hatte, umfasst der auf der BISp-Website abrufbare Bericht nur 117 Seiten.

Trotzdem könne das Papier als offizieller Berliner Abschlussbericht gewertet werden, zitiert die SZ den Leiter der HU-Forschungsabteilung, Ingmar Schmidt. Gekürzt wurde laut SZ unter anderem bei Zeitzeugenberichten - und bei den Namen einiger einflussreicher Politiker, weshalb Schmidt einräumte: "Die beiden Versionen unterscheiden sich schon substanziell."

Brisant bleiben die Ergebnisse dennoch, da laut SZ keine grundsätzlichen Thesen herausgekürzt wurden und die 2011 präsentierten Zwischenergebnisse bestätigt wurden: Demnach ist Dopingforschung in der BRD zum Zwecke der Leistungssteigerung von staatlichen Stellen geduldet und gefördert worden. Staat und Sport-Verbänden seien bis zur Wendezeit schwere Versäumnisse anzulasten. Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) habe die Studie zudem nicht angemessen unterstützt.

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Joseph Keul leitete das sportmedizinische Institut in Freiburg, das "Zentrum der westdeutschen Dopingforschung".

Die Autoren des 117-seitigen Abschlussberichts der Studie der Humboldt-Universität Berlin kommen zu dem Schluss, anwendungsorientierte Dopingforschung an der Universität Freiburg unter Leitung des Sportmediziners und früheren Olympia-Arztes Joseph Keul sei "von allen entscheidenden Instanzen entweder toleriert oder sogar befeuert" worden. "Kurzum" habe Keul "aufgrund der Zustimmung (...) von allen maßgeblichen Organisationen und staatlichen Stellen" davon ausgehen müssen, "dass seine anwendungsorientierte Dopingforschung sportpolitisch gewollt war". Keul war ab 1980 Chefarzt der deutschen Olympia-Mannschaften und zuvor seit 1960 schon betreuender Olympia-Arzt. Er starb im Jahr 2000. Sein Institut, heißt es in der Studie, sei als "Zentrum der westdeutschen Dopingforschung" anzusehen gewesen.

Gefahren bewusst verschwiegen

In der Ausarbeitung der HU Berlin heißt es, BISp-geförderte Studien über Anabolika und Testosteron seien von den beauftragten Wissenschaftlern auch zum Zwecke der Leistungssteigerung bei deutschen Athleten durchgeführt worden. Ergebnisse, die gesundheitliche Gefahren von Doping nachwiesen, seien nicht veröffentlicht worden.

Generell seien dem Staat und Sportverbänden Versäumnisse im Kampf gegen Doping bis zur Wendezeit vorzuwerfen. Beispielsweise habe der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), August Kirsch, gleichzeitig auch BISp-Direktor, "maßgeblich zur Verschleppung der vereinbarten Dopingkontrollen" beigetragen. Es habe auch Blutdopingforschungen gegeben. Auch die Vor- und Nachteile des aus Kälberblut gewonnenen, umstrittenen Doping-Präparats Actovegin wurde eingehend untersucht. Das gefährliche Mittel sei an Radsportlern und Spielern der Hockey-Nationalmannschaft getestet worden.

Die Autoren der Studie ziehen die Schlussfolgerung: "Die vielfach formulierte These, das Dopingproblem sei in der Bundesrepublik erst mit dem Konsum von Anabolika in den 1960er Jahren offen zutage getreten, lässt sich jedenfalls eindrucksvoll widerlegen. Die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik beginnt demnach nicht erst 1970, als das erste formelle Dopingverbot vom Deutschen Sportbund (DSB) beschlossen wurde. Sie beginnt bereits 1949."

Amphetamine seien bis 1960 im deutschen Sport "teils systematisch" zum Einsatz gekommen. Dabei erhärte eine erstmals ausgewertete Dissertation des Göttinger Mediziners (und Oberliga-Fußballers) Heinz-Adolf Heper aus dem Jahr 1949 "die These, dass der Missbrauch von Substanzen aus der Amphetamin-Gruppe bereits gegen Ende der 1940er Jahre im deutschen Leistungsfußball zur Normalität gehörte" - womöglich noch ohne Unrechtsbewusstsein.

Tobender Krieg um Anabolika

Ohnehin stellt sich für die Forscher die Frage, "wie ernsthaft Verantwortliche in der deutschen Sportlandschaft den Kampf gegen das Doping tatsächlich betrieben haben und mit welcher Ausdauer sie die (zum Teil sich selbst gesetzten) Grundsätze und Ziele in dieser Hinsicht verfolgt haben. Nach den Projektergebnissen zu urteilen, erscheint dies zweifelhaft."

So sei zum Beispiel der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in der Anabolika-Frage in mindestens zwei Lager zerfallen: Gegner und Befürworter. Diesbezüglich bilanzieren die Forscher: "Es tobte also hinsichtlich der Anwendung der anabolen Steroide nicht nur ein Kampf zwischen den Athleten, wie unser Projekt für die Phase um 1970 herausgearbeitet hat, sondern auch unter den Funktionären in der Leichtathletik."

Kritik an Donike und der Nada

Auch der renommierte Doping-Fahnder Manfred Donike ist nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts über die Doping-Vergangenheit in der Bundesrepublik ins Zwielicht geraten. Der inzwischen verstorbene, ehemalige Leiter des Instituts für Biochemie an der Sporthochschule Köln soll laut des Berichts vor den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles bei Absicherungskontrollen im deutschen Team zurate gezogen worden sein.

"Ich bin entsetzt, weil es in dem Bericht deutliche Hinweise gibt, dass Manfred Donike Mithilfe geleistet hat, damit gedopte Athleten nicht zu gewissen Wettkämpfen geschickt wurden", sagte der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel. Donike galt bis zu seinem Tod 1995 als einer der angesehensten Anti-Doping-Kämpfer der deutschen Sportgeschichte.

Kritik übten die Forscher auch an der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada), die dem Beirat des Forschungsprojektes angehört. "Es musste festgestellt werden, dass die historische Aufarbeitung seitens des Projektes bei einigen Sportverbänden und Institutionen nicht auf die gewünschte Unterstützung stieß", hieß es. Dies betreffe nicht den DOSB oder das BISp, sondern vielmehr die Nada. Diese habe "für die einschlägigen Archivalien aus der Zeit nach 1990 nur Einsicht gewährt, aber keine Kopie zur Verfügung gestellt". Die Nada wies diesen Vorwurf zurück und erklärte, die Berliner Forschergruppe habe von der Möglichkeit zum Kopieren keinen Gebrauch gemacht.

Quelle: ntv.de, cwo/sid/dpa

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