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"Es ist krass", "ein Notfall" Bitters verrückte Tage im Notfall-Modus

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Johannes Bitter ist zurück im Tor der Handball-Nationalmannschaft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Johannes Bitter ist eigentlich nicht mehr Teil der Handball-Nationalmannschaft, dann steht er plötzlich wieder bei der Europameisterschaft im Tor. In einer verrückten Zeit ist der Routinier ein Retter in der Not. Er selbst findet das "krass". Wo die Reise nun hingeht, ist unklar.

Es geht also weiter und deshalb setzt sich die außergewöhnliche Reise von Johannes Bitter fort. Der 39-Jährige hat in seiner inzwischen 20-jährigen (!) Laufbahn in der Handball-Nationalmannschaft viel erlebt, wurde 2007 Weltmeister und kann viele Geschichten erzählen. Eine unerwartete erlebt er gerade in Bratislava. "Das ist sicher das Verrückteste, dass ich als Handballer gemacht habe", erzählte er Dienstagabend. Innerhalb weniger Stunden war er aus dem Urlaub zur Europameisterschaft gereist, weil der deutschen Nationalmannschaft die Torhüter ausgegangen waren. Kaum in der slowakischen Hauptstadt angekommen, stand er beim Vorrundenfinale gegen Polen auf dem Feld und führte das Team zu einem 30:23-Sieg.

Der nächste Einsatz wartet am Donnerstag (18 Uhr/ ARD und im Liveticker auf ntv.de) auf Bitter und seine Kollegen. Beim Start in die Hauptrunde treffen die Deutschen auf Titelverteidiger Spanien, ehe es kaum 24 Stunden später am Freitag (20.30 Uhr, ZDF) gegen Norwegen, den EM-Dritten von 2020, weitergeht. Das Programm ist straff - und wird wegen des heftigen Corona-Ausbruchs im deutschen Team von vielen Fragen begleitet. Überraschende sportliche Erfolge scheinen ebenso möglich wie der Rückzug des Teams aus dem Turnier.

"Wenn der Bundestrainer sagt, dass es ein Notfall ist ..."

Die Nachrichten aus dem Lager des Deutschen Handballbundes haben in den Tagen von Bratislava nur eine sehr kurze Halbwertszeit. Im Grunde wird nicht mehr in Tagen oder Stunden, sondern von PCR-Testreihe zu PCR-Testreihe gerechnet. Seit vergangenen Samstag blieb keine Testrunde bei der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) ohne positives Ergebnis.

Am Mittwoch kamen drei weitere Ausfälle hinzu. Sebastian Heymann, Christoph Steinert und Djibril M'Bengue mussten sich in Isolation begeben, so dass vom ursprünglich 17-Mann-Kader, der in die EM startete, aktuell nur noch sechs Akteure spielfähig sind. Die Omikron-Variante des Covid-19-Erregers wütet innerhalb des deutschen Teams, so dass über einen Rückzug des Teams nachgedacht, dieser Gedanke aber verworfen wurde. Mit Tobias Reichmann (MT Melsungen), Lukas Stutzke und David Schmidt (beide Bergischer HC) sind stattdessen weitere Spieler aus Deutschland nachnominiert worden. 28 Nationalspieler befinden sich damit aktuell in Bratislava, Donnerstagmorgen waren 16 davon spielfähig. Es ist eine verrückte Zeit.

Bitter, der auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken kann, sieht das genauso. "Wenn der Bundestrainer anruft und sagt, dass es ein Notfall ist, sagt man nicht ab", erklärte der Keeper des HSV Hamburg seinen Entschluss, nach Bratislava zu reisen. Nach den Olympischen Spielen in Tokio vor knapp fünf Monaten hatte Bitter seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben und erklärt, nur noch für den absoluten Notfall zur Verfügung zu stehen. Genau der trat während der EM ein. Inzwischen sind Andreas Wolff und Till Klimpke, die etatmäßigen Torhüter der deutschen Mannschaft, positiv getestet. Die ersten Nachrücker Silvio Heinevetter (krank) und Joel Birlehm (gerade erstmals Vater geworden) standen ebenfalls nicht zur Verfügung.

"Es ist krass, dass ich als Alternative Nummer fünf ran muss", sagte Bitter im Bauch der Arena in Bratislava, nachdem er eine außergewöhnliche Leistung gegen Polen gezeigt hatte. Nicht die Anzahl seiner Paraden (7) beeindruckte, sondern die Geschichte, aus der sie hervorging. Bitter betrat die EM-Bühne praktisch aus dem Urlaub, seit Dezember hatte er kein handballspezifisches Training mehr absolviert. Für Torhüter ist es unerlässlich, einen Spielrhythmus zu haben und sich mittels Videoanalyse auf die gegnerischen Angreifer vorzubereiten. Der Wahl-Hamburger setzte die Gesetze des Handballs in Bratislava in gewisser Weise außer Kraft.

"Spanien hat eine sehr schlaue Mannschaft"

Vielleicht hat das mit den Glücksgefühlen zu tun, die Bitter gerade durchfluten. Gerade ein paar Tage vor dem Anruf des Bundestrainers wurde Bitter zum vierten Mal Vater. Anna Loerper, ehemalige Handball-Nationalspielerin und Lebensgefährtin von Bitter, brachte kurz vor dem EM-Start eine Tochter zur Welt. Kurze Nächte und eine Trainingspause waren die gerne in Kauf genommenen Folgen, ehe der Ruf der Nationalmannschaft erfolgte. Donnerstagabend steht deshalb nicht Windeln wechseln, sondern die Partie gegen die Spanier auf Bitters Programm.

Das Durcheinander der vergangenen Tage führte bei allen verbliebenen Nationalspielern zu einem Energieschub, der die Aufgabe nicht unlösbar erscheinen lässt. "Spanien hat eine sehr schlaue Mannschaft, das wird sehr schwierig", sagte Bundestrainer Alfred Gislason. Der Isländer hat Respekt, fühlt parallel aber die unerwarteten Wachstumsschritte der eigenen und immer wieder umformierten Mannschaft. Hinzu kommt, dass der Druck auf den Iberern lastet. Die Fallhöhe für den Europameister von 2018 und 2020 gegen ein durcheinandergewürfeltes Team ist groß.

Die verrückten Tage der deutschen Handballer in Bratislava können gegen Spanien auch zu einem verrückten, weil nicht für möglich gehaltenen Resultat führen. Ausgeschlossen ist das nicht. Mit einem Sieg gäbe es zugleich Rückenwind für die Partie gegen Norwegen am Freitag und die Chance, unerwartet das Halbfinale zu erreichen, wäre plötzlich greifbar. Bitter ist bereit dafür, Mutter und Kind müssten dann noch eine Weile ohne den Papa auskommen.

Quelle: ntv.de

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