"Ihr habt uns dabei geholfen"Bundestrainer stichelt und deckt überraschenden Plan auf

Die 48 Stunden zwischen dem zweiten EM-Gruppenspiel und dem Vorrundenfinale werden bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft von Misstönen begleitet. Auch intern gibt es überraschend offene Kritik. Aber das war alles nur Theater, sagt der Bundestrainer.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft erreicht durch ein 34:32 (17:15) gegen Spanien die EM-Hauptrunde - und das sogar als Gruppensieger. Nur zwei Tage nach der frustrierenden Niederlage gegen Serbien (27:30), die das DHB-Team an den Rand eines Desasters gebracht hatte, herrscht nun nach einer starken Leistung wieder Euphorie. Und nach dem auch für ihn wichtigen Sieg überraschte der von Juri Knorr offen kritisierte Bundestrainer Alfred Gislason mit einer kuriosen Erklärung für den Ärger mit seinem Spielmacher.
"Wir haben es sehr gut geschafft, den Druck von der Mannschaft wegzunehmen, was unser Plan war. Ihr habt uns dabei geholfen", sagte der Isländer nach dem erlösenden Erfolg im ZDF mit einem leichten Schmunzeln. Knorrs Aussagen hatten viel Staub aufgewirbelt, aber - so sagte Gislason - es sei "wie immer bei euch. Er sagt mehrere Sätze und dann wird ein halber davon herausgenommen, wie es euch passt."
"Weiß nicht, was ich dazu sagen soll"
Knorr, der gegen Spanien wieder die Hauptverantwortung fürs deutsche Angriffsspiel übertragen bekommen hatte, hatte sich nach dem Spiel gegen die Serben über seine Nebenrolle in der zweiten Hälfte beschwert. "Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit nieder gerannt - und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht. Ich stand nicht so viel auf der Platte in der zweiten Halbzeit. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll", schimpfte der niedergeschlagene Knorr, der vier Treffer und zahlreiche spektakuläre Anspiele zur deutschen 17:13-Halbzeitführung beigesteuert hatte. "Natürlich brodelt es in einem auf der Bank, wenn man da draußen sitzt und nicht helfen kann."
Nun beorderte Gislason seinen Spielmacher wieder über die komplette Distanz, unterbrochen nur von wohlgesetzten Verschnaufpausen, aufs Feld. Und Knorr dankte es seinem Trainer mit fünf Treffern und jeder Menge Aktionen, die Spaniens Abwehr hart forderten und Lücken für seine Nebenleute rissen. Es war der Auftritt eines Anführers.
"Extrem harte Gegner"
Ein Problem mit Knorr gebe es aber ohnehin nicht. "Ich habe überhaupt kein Problem mit ihm, wir sprechen uns regelmäßig aus. Alle werden gefordert, ihre Meinung zu sagen", versicherte Gislason, der den starken Auftritt seiner Mannschaft nach dem von allen Seiten letztlich verkorksten zweiten Gruppenspiel auch als kleinen persönlichen Triumph verstehen darf. Knorr selbst wusste offenbar nichts von dem vermeintlichen Plan, lobte seinen Trainer aber dennoch in höchsten Tönen: "Ich rechne ihm das hoch an, dass er nichts persönlich nimmt. Er hat ja kein großes Ego, er stellt den Erfolg über alles, er will, dass wir reden und über Dinge sprechen", sagte Knorr, der bei "Alfred eine andere Lockerheit gemerkt" habe: "Das hat sich vielleicht auf uns übertragen." Nach dem Spiel herzten sich beide.
Bei den vergangenen Turnieren hatte zumeist Knorr nahezu alleine die Hauptlast des deutschen Angriffspiels zu tragen, Gislason hatte seinen Spielmacher dabei - auch mangels Alternativen - stets als erste Option gesehen und mit nahezu unbegrenzt Spielzeit ausgestattet. Bei der laufenden EM setzt der Isländer verstärkt auf Julian Köster als Spielgestalter.
In der Hauptrunde geht es für Deutschland nun gegen Olympiasieger und Weltmeister Dänemark, zudem warten Titelverteidiger Frankreich, Norwegen und Portugal oder Nordmazedonien. Allesamt "extrem harte Gegner", wie Gislason sagte: "Da wartet Dänemark, die 50 Jahre zu Hause nicht verloren haben. Wir haben jetzt einen super Gegner nach dem anderen. Jetzt darf nicht viel passieren, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, und das bleibt das Halbfinale." Für die deutsche Mannschaft geht es am 22. Januar mit dem ersten Hauptrundenspiel weiter. Gegner ist dann nahezu sicher der als unschlagbar geltende Gastgeber Dänemark.