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Montag, 25. November 2013

Ex-Schach-Bundestrainer über das Wunderkind: "Carlsen spielt wie Roger Federer"

Ein Genie? Oder nur ein Langweiler, der seine Gegner aussitzt? Der neue Schachweltmeister Magnus Carlsen ist umstritten. "Uninspiriert, blutlos und fast seelenlos" spiele er seine Partien herunter, sagte der Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes, Robert von Weizsäcker, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Der ehemalige Schach-Bundestrainer Uwe Bönsch hält im Interview dagegen. Er erklärt, warum Carlsen der Beste ist - und warum Anand ihn nicht mag.

n-tv.de: Ich versuche es mal mit einer offensiven Eröffnung. Wie alt war der jüngste Spieler, gegen den Sie jemals verloren haben?

Uwe Bönsch trainierte bis zum Sommer dieses Jahres 16 Jahre lang die Schach-Nationalmannschaft. Mittlerweile ist er Sportdirektor beim Deutschen Schachbund. Der 55-Jährige ist einer von nur 80 Großmeistern in Deutschland.
Uwe Bönsch trainierte bis zum Sommer dieses Jahres 16 Jahre lang die Schach-Nationalmannschaft. Mittlerweile ist er Sportdirektor beim Deutschen Schachbund. Der 55-Jährige ist einer von nur 80 Großmeistern in Deutschland.

Uwe Bönsch: Das kann ich Ihnen aus dem Hut gar nicht sagen. Wahrscheinlich so um die 18. Jedenfalls jünger als Magnus Carlsen.

Carlsen wird demnächst 23 Jahre alt. Wie kann man Schach in so jungen Jahren schon so gut beherrschen? Sein Gegner Viswanathan Anand hatte 21 Jahre mehr Zeit, dieses Spiel zu studieren.

Es ist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Im Alter gewinnt man natürlich an Übersicht und Abgeklärtheit. Aber man verliert an Kampfkraft, an der unbedingten Motivation, das lässt alles nach.

Was hat im WM-Duell den Ausschlag für Carlsen gegeben?

Carlsen spielt die Eröffnung relativ anspruchslos. Er mag es nicht, Eröffnungen auswendig zu lernen, sich vorab Züge überlegen. Er geht während der Partie eigene Wege. Nach der Eröffnung spielt er dann fehlerlos. Er gibt sich nie mit einem Remis zufrieden, sondern geht immer auf Sieg. Das ist eine seiner wichtigsten Eigenschaften.

Wieviele Züge überlegen sich Schachspieler denn normalerweise im Voraus?

Im Schnitt 20 bis 25 Züge sind vorgedacht. Es gibt ja rund 2,5 Millionen Partien auf hohem Niveau, die vorher schon gespielt wurden. Davon kennen die Spitzenspieler die wichtigsten, und können sich die besten Strategien überlegen. Da gibt es Eröffnungen, die sind ausanalysiert. Aber das mag Carlsen nicht so sehr. Dafür findet er Stellungen, in denen er sich wohl fühlt, und die dem Gegner Probleme bereiten können.

Heißt das übersetzt, er ist nicht so leicht ausrechenbar?

So ist es. Ich würde ihn mit Roger Federer vergleichen, der von der Grundlinie versucht, Fehler des Gegners zu provozieren.

Bleiben wir beim Thema Alter: Wann hat ein Schachspieler sein Limit erreicht?

Das ist natürlich individuell verschieden. Aber ich denke, dass Anand mit 43 Jahren sein Limit erreicht hat. Er wird sicher nicht mehr besser. Aber man kann lange auf hohem Niveau spielen, wie man sieht. Carlsen ist jetzt 22, Anand 43, das ist so die Spanne, in der man absolute Weltklasseleistungen erreichen kann.

Auch Magnus Carlsen sah ganz schön alt aus, hatte bei den Spielen tiefe Augenringe. Wie wirken sich die Stunden am Brett auf den Körper aus?

Es ist eine körperliche Belastung, auch das – aber bei einer Weltmeistschaft ist vor allem die psychische Belastung stark. So viele Leute gucken wochenlang auf einen, es ist der Höhepunkt einer Vorbereitung, die Monate gedauert hat. Ich denke, zum Schlafen sind beide nicht viel gekommen. Weil sie während des Wettkampfes versuchen, Varianten zu analysieren, den Gegner zu analysieren, sich selbst zu analysieren. Danach ist man natürlich erschöpft.

Wie wirkt sich die Erschöpfung auf das Spiel aus?

Anand machte schlicht zu viele Fehler.
Anand machte schlicht zu viele Fehler.(Foto: AP)

Es wird schwerer, die Konzentration über einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten. Jeder, der mal versucht hat, fünf bis sechs Stunden nur an einer Sache zu arbeiten, weiß, wie schwer das ist - und die Spieler machen das jeden Tag, über Wochen hinweg. Ohne Fehler geht das nicht. 

Wie kann man das trainieren?

Beide haben versucht, das über körperliche Fitness zu erreichen. Anand hat zehn Kilo abgenommen, Carlsen war ohnehin fit. Außerdem muss man sehr konzentriert üben, in dem man versucht, bestimmte Situationen, die man erwartet, vorab im Training durchzuspielen: Was könnte falsch sein, wo könnte ich Fehler machen? Die Fehler muss man dann ausmerzen.

Wir kennen das aus anderen Sportarten, die auf Konzentration beruhen - die haben teilweise ein Dopingproblem. Gibt es das auch im Schach?

Zum Glück haben wir kein Dopingproblem im Schach. Es gibt Mittel, die zum Beispiel auch Studenten nehmen, um vor einer Prüfung länger wach zu bleiben und zu lernen. Aber es ist nicht nachgewiesen, dass so etwas im Schach eine Wirkung hat, weil man über eine längere Zeit auf den Punkt fit sein muss - das ist mit diesen Mitteln nicht zu erreichen.

Was aber hilft, sind elektronische Mittel. Es gibt Fälle, in denen Spieler auf Toilette gehen und sich Züge von ihrem Smartphone durchrechnen lassen.

Ja, da muss ich ihnen zustimmen. Das ist ein Problem, an dem wir hart arbeiten. Im Sport gibt es immer wieder schwarze Schafe, die glauben durch unerlaubte Mittel - in unserem Fall durch Schachprogramme, die auf Smartphones laufen - zum Erfolg zu kommen. Das bekämpfen wir energisch mit besseren Kontrollen und Aufklärung.

Zurück zur WM: Ihr Ehrenpräsident Robert von Weizsäcker hat gesagt, Magnus Carlsen sei gar nicht der beste Spieler. Das klingt nach Majestätsbeleidigung, wie kommt der Herr von Weizsäcker darauf?

Er bevorzugt eben eine Art Schach, in der sehr viel los ist, in der sehr viele taktische Lösungen gesucht werden, wo Angriff und Verteidigung sich die Waage halten. Solche Partien gab es zwischen Carlsen und Anand selten, eigentlich nur in einer Partie, während alle anderen sich im ruhigen Fahrwasser bewegten, mit ruhigen Endspielen - aber auch die muss man sehr genau und richtig spielen. Genau da hat Anand Fehler gemacht und den Wettkampf verloren. Das ist nicht so spektakulär wie große taktische Partien, aber trotzdem auf sehr hohem Niveau.

Carlsen hat derzeit die größte Elo-Zahl. Was besagt die eigentlich?

Die Elo-Zahl misst ziemlich objektiv die Spielstärke. Sie vergleicht die Stärke im Vergleich mit anderen Spielern - wenn man gegen sie gewinnt, bekommt man Elo-Punkte hinzu, wenn man verliert, werden Punkte abgezogen. So kann man mit einer sehr komplizierten mathematischen Formel ausrechnen, wo man steht in der Schach-Welt. Ohne diese Elo-Liste wäre es schwer, herauszufinden: Wer ist denn nun der Beste?

Carlsen liegt ganz vorn, ist er der Beste?

Ich halte Carlsen für einen würdigen Nachfolger von Bobby Fischer und Garry Kasparow, er ist ein Weltmeister, der über viele Jahre hinweg seinen Titel verteidigen kann.

Ihr Ehrenpräsident hat noch etwas Spannendes gesagt: Carlsen habe gewonnen, weil er der bessere Sportler sei, nicht aber der bessere Schachspieler. Wie soll man das verstehen?

Naja, jeder hat halt eine andere Spielweise. Carlsen versucht, möglichst lange auf höchstem Niveau keine Fehler zu machen. Das ist nicht so spektakulär, wie wenn man eine Partie in 25 Zügen gewinnt, indem man viele eigene Figuren opfert, um den gegnerischen König matt zu setzen. Das ist nicht Carlsens Sache.

Es gab nach einer Partie eine spannende Szene. Da blieben beide Spieler sitzen und unterhielten sich über einen Zug. Das hat mich ein bisschen an eine Skatrunde erinnert. Ist so etwas üblich auf dem Niveau?

Bei der Weltmeisterschaft ist das nicht üblich. Sonst schon, da wird sehr häufig danach gemeinsam analysiert: Wo lagen die Fehler? Man versucht, den Druck und die Spannung abzubauen, indem man den eigenen Fehler oder den des Gegners sucht. In dem Fall war es so: Es war ein grober Fehler von Anand, der sofort zum Verlust der Partie geführt hat - innerhalb von einem einzigen Zug, was auf diesem Niveau ungewöhnlich ist. Anand hätte den Läufer ziehen müssen statt den Springer. Danach haben sich beide angeschaut, was passiert wäre, hätte Anand diesen besseren Zug.

Wie um Himmels willen konnte Anand so ein Fehler passieren?

Ich vermute, er konnte seine Konzentration nicht halten. Man muss sich das so vorstellen: Über Stunden hinweg berechnet er verschiedene Schach-Varianten im Kopf. Irgendwo in einer Untervariante hat er vielleicht zwei Züge verwechselt, und deswegen diesen Zug für besser gehalten. 

Diese Szene hat mich auch gewundert, weil vorher immer geschrieben wurde, Anand könne Carlsen nicht leiden.

Ein schöner Scheck - Carlsen bekam 1,16 Millionen Euro Preisgeld.
Ein schöner Scheck - Carlsen bekam 1,16 Millionen Euro Preisgeld.(Foto: AP)

Das ist bei Sportlern häufig der Fall. Wenn ich dem Gegner gegenüberstehe, ist es vielleicht für die Motivation nicht förderlich, wenn ich den anderen mag. Er muss ja nicht gleich so hart sein wie Bobby Fischer, der seine Gegner zerstören wollte. Aber man muss auch nicht gut befreundet sein mit dem Gegner. Nach der Partie ist aber ohnehin alles vergessen.

Carlsen hat ein Posterboy-Image. Mögen Sie den denn?

Ich mag ihn sehr, ja. Der hat innerhalb kürzester Zeit den Weg in die Weltspitze geschafft. Er ist ein würdiger Weltmeister und ein Mann ohne Skandale.

Das Interesse an der WM war sehr groß. Wie erklären Sie sich das?

An Schach besteht ein permanentes Interesse - allein dadurch, dass einige Millionen Menschen in Deutschland die Schachregeln beherrschen und für den Hausgebrauch spielen. Mitglied in einem Schachklub sind etwa 93.000 Menschen. Aber es gibt auch noch den Opa, der mit dem Enkel spielt. Schach ist weit verbreitet. Durch das interessante Match – die Jugend gegen das Alter - ist das noch einmal hochgekocht.

Kommen jetzt mehr Leute in die Schachvereine?

Ich erinnere an den Wettkampf Boris Spasski gegen Bobby Fischer, das stand unter dem Motto: der Kampf der Systeme, Kommunismus gegen Freie Welt. Damals fingen sehr viele Menschen mit dem Schachspielen an und sind auch in die Vereine gegangen.

Morgen beginnt in Antalya die Mannschafts-Weltmeisterschaft im Schach. Die deutsche Mannschaft ist als Europameister qualifiziert. Sie können die Wettkämpfe auf der Seite des Schachbundes verfolgen.

Quelle: n-tv.de