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Torwart-Oldie Bitter begeistert DHB-Team sagt die Trainerdiskussion ab

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Johannes Bitter machte aus einem Sieg ein Spektakel.

(Foto: imago images/wolf-sportfoto)

Die Verbandsspitze schickt die deutsche Handball-Nationalmannschaft in ein Schicksalsspiel für ihren Trainer - und die liefert gegen Österreich das erhoffte klare Signal. Das hängt stark mit einem zusammen, der erst spät liefern kann, was sich alle erhofft hatten.

Irgendwann, recht zu Beginn der zweiten Halbzeit, bat sogar der Schiedsrichter darum, doch ein bisschen auf die Bremse zu treten. "Ihr führt doch mit vier" signalisierte einer der beiden Nordmazedonier dem entfesselten Johannes "Jogi" Bitter mit den Fingern, es gebe doch bitte keinen Grund, sich aufzuregen. Der deutsche Torwart hatte gerade einen Ball aus dem Netz holen müssen und bestürmte den Schiedsrichter: Klar, ein Schrittfehler müsse es gewesen sein. Und wahrscheinlich hatte Bitter recht, denn regelkonform war ihm im vorletzten Hauptrundenspiel der deutschen Handball-Nationalmannschaft nicht beizukommen. Der 37-Jährige, der etwas überraschend ins EM-Aufgebot berufen wurde, feierte gegen Österreich "den Höhepunkt meiner Nationalmannschaftskarriere in den letzten zehn Jahren", wie er nach dem mitreißenden 34:22 schmunzelnd diktierte.

Nun muss man wissen, dass der Weltmeister von 2007 seine Karriere im Nationalteam eigentlich schon 2011 beendet hatte, der Familie zuliebe. 2014 half er noch mal für ein paar Spiele aus, immer mal wieder tauchte Bitter auch im erweiterten Kader für ein großes Turnier auf, für mehr gab es angesichts von formstarken deutschen Klassetorhütern von Andreas Wolff über Silvio Heinevetter bis zu Carsten Lichtlein aber keinen Anlass. Auch wenn Bitter – erst im Trikot des HSV Hamburg, später beim TVB Stuttgart – konsequent Jahr für Jahr einer der Bundesligatorhüter mit den höchsten Fangquoten ist. Vor der Europameisterschaft 2020 hatte den Bundestrainer aber das Vertrauen in die jüngeren Kollegen vor Bitter verlassen. Heinevetter bekommt im Verein wenig Spielzeit, dem Kieler Dario Quenstedt wird eine Europameisterschaft noch nicht zugetraut.

Wer hält den einen entscheidenden Ball?

"Wem traust du am ehesten zu, diesen einen Ball zu halten, der am Ende womöglich übers Weiterkommen entscheidet", sei die Frage gewesen, die er sich mit dem Bundestrainer gestellt hätte, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem Turnier. Außer dem gesetzten Andreas Wolff gab es da in den Überlegungen der sportlich Verantwortlichen nur einen: Jogi Bitter. Also packte der Weltmeister und Champions-League-Gewinner seine Tasche und zog wieder aus, um mit dem Adler auf der Brust seiner Arbeit nachzugehen.

Seine Rolle, sagte Bitter vor dem zweiten Vorrundenspiel gegen Spanien ohne mit der Wimper zu zucken, sei es "da hinten mit Andi das Ding zu vernageln". Nur: Das ging völlig in die Hose. In einem Spiel, in dem schon die Tür zum Halbfinale hätte aufgestoßen werden können, bekam kaum ein deutscher Spieler ein Bein auf den Boden, schon gar nicht die beiden Torhüter. "Wir haben es von Anfang an nicht geschafft, in den Kampfmodus reinzukommen", musste der Rückkehrer hinterher konstatieren. Zum Vorrundenabschluss gegen Lettland (28:27) lief es nicht besser, Prokop schimpfte: "Wir haben am Ende nicht so viel Hilfe aus dem Tor heraus bekommen."

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Der Bundestrainer konnte das Spiel genießen.

(Foto: dpa)

Aber die nächste Chance, Großes zu bewirken, ließ der Routinier nicht verstreichen: Dass das Spiel gegen Österreich ab Mitte der ersten Hälfte vom medial, aber auch von der Verbandsspitze, ausgerufenen Charaktertest schnell zum Gute-Laune-Spiel wurde, hängt stark mit Bitter zusammen. Der glücklose Kollege Wolff hatte in der ersten Viertelstunde kaum einen Finger an den Ball bekommen, der deutsche Angriff präsentierte sich in der Anfangsphase wieder fehlerhaft und ohne rechte Überzeugung. Österreich führte, angetrieben von frenetischen Fans, die jedes Tor wie ein Weiterkommen bejubelten, schnell mit zwei Treffern. Es war ein Spiel, das sich in Richtung des nächsten zähen Abnutzungskampfs gegen eine eigentlich unterlegene Nation entwickelte. Bis Bitter kam – und diesmal den Kasten vernagelte, wie es eben sein Auftrag ist. Wie er es nach der Verletzung von Henning Fritz im Finale der Heim-WM 2007 getan hatte, als der Torwart den Polen waghalsig zwei, drei, vier freie Bälle abgekauft hatte.

Aus einem Sieg wird ein Spektakel

Diesmal erwischte es also die Österreicher. Bitter ließ in seinen rund 40 Minuten Spielzeit nur 13 Gegentreffer zu, am Ende standen 54 Prozent gehaltene Würfe in der Statistik. Absolute Weltklassewerte. "Die Leistung von Johannes Bitter war fantastisch. Während des gesamten Turniers war er eine großartige Unterstützung für das gesamte Team und insbesondere für Andreas Wolff. Ich bin wirklich froh, was er heute zeigen konnte, was er kann. Jogi hat eine tolle Mentalität und Einstellung", lobte der Bundestrainer.

Aber gegen – auch das ist Teil der Wahrheit – in der Breite viel zu schwache Österreicher ging es ja um mehr, als nur den vierten Sieg in diesem Turnier. Handball-Deutschland ringt in diesen Tagen schon um die Deutung dieser Europameisterschaft. Ist die von zahlreichen Ausfällen arg gerupfte Nationalmannschaft an ihrem Anspruch Halbfinale gescheitert, wackelige Vorrunde inklusive? Oder bleibt das schöne "Wien-Gesicht" (Kapitän Uwe Gensheimer), das die Mannschaft in der Hauptrunde aufgesetzt hat, im Gedächtnis?

Bitter hielt nicht etwa nur überragend, er animierte die deutschen Fans ununterbrochen, die Raserei noch zu steigern. Nach jeder Aktion – in der Regel ein gehaltener Ball – klatschte er sich mit Andreas Wolff ab, noch weit in der zweiten Hälfte lief er Rückraumspieler Fabian Böhm bis in die gegnerische Hälfte hinterher, um eine konsequentere Abwehrarbeit einzufordern. Bitter hielt die Spannung hoch und ermöglichte gleichzeitig eine große Lockerheit. Beides hatte zu Beginn des Turniers gefehlt. Bitter machte aus einem wichtigen Sieg ein Spektakel.

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DHB-Vize Hanning hat "ein gutes Gefühl".

(Foto: imago images/Agentur 54 Grad)

Vor dem Spiel hatte sich eine Armada aus prominenten Kritikern in Stellung gebracht, die den Bundestrainer aufs Korn nahm. Die klarsten Worte hatte der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan gewählt: "Christian Prokop ist nicht der richtige Mann für den Job des Bundestrainers. Und das war er in meinen Augen auch noch nie", hatte der 46-Jährige dem Onlineportal "sportbuzzer.de" gesagt. Hanning wiederum soll im Mannschaftshotel geäußert haben, dass die Mannschaft gegen Österreich entscheide, was sie mit dem Trainer vorhabe. "Wenn das so war, dann haben wir heute sehr deutlich entschieden", verkündete der wieder bärenstarke Timo Kastening überzeugend. Ein Spiel, ein Spektakel, ein Statement: "Die Gemeinschaft zwischen Mannschaft und Trainer steht, egal was passiert. Wir sind wieder perfekt vorbereitet worden. Für uns stellt sich überhaupt keine Trainerfrage, null."

Die Krise ist abgesagt

Die Mannschaft von Wien hatte nichts mehr mit der leblosen Hülle von Trondheim gemein. Das "Wien-Gesicht" strahlte früh, die Bank feierte die Kollegen auf der Platte und irgendwann begann der Bundestrainer noch, seine Spieler zu herzen. Da war das Spiel noch gar nicht beendet. Es war eine Demonstration der Einheit. "Jogi, Jogi"-Rufe schallten durch die Halle, sie ließen an diesem Abend von Wien keinen Platz mehr für Zweifel. Auch wenn das Turnier schwach begann, zwei verlorene Schlüsselspiele brachte und am Ende zum dritten Mal im dritten Versuch keine Medaille steht: Die große Krise ist wieder abgesagt.

Hanning, auf dessen Betreiben Prokop 2017 installiert wurde und durch dessen Fürsprache er nach einer desolaten Europameisterschaft 2018 überraschend im Amt bleiben durfte, hatte noch am Nachmittag im Gespräch mit ntv.de gesagt: "Es ist das perfekte Spiel, um trotz allem noch etwas Positives aus der EM mitzunehmen. Wie es ausgeht, sehen wir heute Abend. Und davon wird ganz entscheidend abhängen, wie dieses Turnier in Erinnerung bleiben wird."

Hinterher verkündete Hanning nicht nur, dass er ein gutes Gefühl für das im April anstehende Olympia-Qualifikationsturnier gewonnen hat, sondern auch froh sei, dass die "Spieler ein so deutliches Zeichen gesetzt haben". Jogi Bitter hat nicht den entscheidenden Ball gehalten. Als es gegen Spanien schon um das Halbfinale ging, konnte er der Mannschaft nicht helfen. Aber vielleicht hat ausgerechnet der Oldie dem jungen, talentierten Team und seinem Trainer etwas Wichtigeres festgehalten: Die Zukunft. Und das kann noch wertvoll werden.

Quelle: ntv.de