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Nach Rio-Debakel kaum WM-Chancen DSV sucht verzweifelt nach der Trendwende

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Bei Olympia in Rio hält Franziska Hentke dem Druck nicht stand.

(Foto: dpa)

Die glorreichen Jahre sind für den erfolgsverwöhnten deutschen Schwimmverband vorbei. Mit einer kritisch beäugten Neuausrichtung will Bundestrainer Lambertz die Trendwende einläuten - doch Erfolge lassen auf sich warten. Die WM-Qualifikation schaffen nur wenige.

Der Druck ist groß, die Kritik zum Teil scharf: Eigentlich müsste Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz auch aus Eigeninteresse eine Medaille bei der WM in Budapest herbeisehnen. "Es ist aber nicht so, dass ich sage: Ich brauche eine Medaille, um meine Kritiker zu überzeugen", sagte Lambertz vor dem Start der Beckenwettbewerbe heute. Aber: "Eine Medaille täte uns allen gut nach etwas durstvollen Jahren."

Im Jahr eins nach der erneuten Olympia-Enttäuschung und dem Rücktritt von Weltrekordler Paul Biedermann ist die Zahl derjenigen, die in der Duna Aréna aufs Podest schwimmen können, wieder sehr überschaubar. Einzig Weltmeister Marco Koch sowie die beiden Weltjahresbesten Philip Heintz und Franziska Hentke haben realistische Chancen. Der Berlinerin Lisa Graf wird genau wie den drei Staffeln zumindest der Finaleinzug zugetraut. Dass das deutsche Team nach den harten WM-Normen nur 14 Schwimmer umfasst, von denen sich nur 3 auf den Einzelstrecken sauber qualifizieren konnten, sei "der traurige Ist-Zustand im deutschen Schwimmsport", sagte Lambertz. Die Zeit der großen Kompromisse sei deswegen vorbei: "Das Motto 'Irgendwie geht's schon' hat sich endgültig erledigt."

Heintz ist "heißestes Eisen"

Sein Maßnahmen-Paket mit einer stärkeren Zentralisierung, einem neuen Kraftkonzept und härteren Normen zieht Lambertz durch - auch wenn der Gegenwind rau ist. Paul Biedermann meinte, Lambertz würde "allen eine Doktrin aufdrücken, von der nur er selbst überzeugt ist". Beide haben sich inzwischen ausgesprochen, doch die Kritik - auch an Lambertz' Kommunikation mit Andersdenkenden - kommt auch aus anderen Lagern. Von der fehlenden Aufbruchstimmung ist der Bundestrainer zunehmend genervt. "Es geht immer ums Überzeugen, keiner macht etwas aus Vertrauen", sagte der 46-Jährige: "Das ist sehr ermüdend."

Erfolge machen die Arbeit bekanntlich leichter. In Budapest ist Lagenschwimmer Philip Heintz über 200 Meter "unser heißestes Eisen im Feuer", so Lambertz. Sollte der Weltjahresbeste annähernd an seinen deutschen Rekord (1:55,76) von der Deutschen Meisterschaft vor fünf Wochen in Berlin heranschwimmen, ist sogar Gold möglich. Die Frage ist nur: Kann Heintz die Form halten? "Ich hatte definitiv Bedenken", sagte der Vizeweltmeister auf der Kurzbahn: "Aber es scheint gut zu laufen. Ich habe ähnliche Trainingswerte wie vor den deutschen Meisterschaften."

Koch muss zulegen

Weltmeister Koch muss dagegen deutlich schneller als bei der DM schwimmen, will er eine Chance auf Edelmetall haben. Nachdem der Darmstädter nur aufgrund einer "Lex Koch" für die WM nominiert worden war, geht es aber bergauf. Mit jedem Trainingstag kommt das Gefühl fürs Wasser, das er durch die vielen Kraftübungen zwischenzeitlich verloren hatte, zurück. "Ich rutsche wieder schön durchs Wasser", sagt Brustschwimmer Koch. Bei der trainingsfleißigen Franziska Hentke kommt es über 200 Meter Schmetterling vor allem darauf an, dass ihr die Nerven keinen Strich durch die Rechnung machen. Auch bei Olympia galt die Magdeburgerin zumindest als klare Finalhoffnung, dann kam jedoch das enttäuschende Halbfinal-Aus.

Die jungen Athleten, die sich über die abgeschwächte U23-Norm qualifiziert haben, sollen WM-Luft schnuppern und möglichst Saisonbestzeiten schwimmen. Talente wie die Freistilhoffnungen Damian Wierling und Poul Zellmann sind Lambertz' Hoffnungen auf erfolgreichere Zeiten - und mehr Ruhe im Verband.

Quelle: n-tv.de, Jörg Soldwisch, sid

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