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Party, Bier und etwas Sport Darts - ein Kneipensport in Übergröße

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Michael "Bully Boy" Smith setzt sich mit seinem Sieg in Berlin an die Spitze der Premier-League-Tabelle.

(Foto: imago/Contrast)

Darts sprengt alle Dimensionen. Der Sport hat die Kneipen längst verlassen, auch in Deutschland ist der Hype riesig. Erstmals machen die besten Dartsspieler der Welt nun in Berlin Station - und erleben eine Partyekstase der Extraklasse.

Ninja Turtles, Affen, Bären - ach was, ein ganzer Zoo. Dazu Ärzte, Super Mario und Luigi, lustige Bayern in Lederhosen - sie alle toben durch die Mercedes-Benz-Arena in Berlin, während Partymusik wie "Schatzi, schick mir ein Foto" aus den Boxen schallt. 12.000 Gäste haben sich für ein ausgelassenes Spektakel zusammengefunden: Darts. Genauer gesagt, einem Spieltag der Premier League Darts, der höchsten Spielklasse des klassischen Kneipensports.

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Dartboard - oft gesehen in der Arena.

(Foto: dpa)

Nun, das Klischee des Kneipensports wird an diesem Donnerstagabend in Berlin gründlich widerlegt. Nur eine Gemeinsamkeit gibt es noch: Das Bier fließt in Strömen. Ein-Liter-Pappbecher werden wie am Fließband ausgeschenkt, vieles landet auf dem Boden, die Luft ist biergeschwängert. Aber das stört in dem zur Partyzone umfunktionierten Innenraum niemanden. Die Feierwütigen sitzen an überdimensionierten Bierzeltbänken. Oder besser: Sie sollten dort sitzen. Tatsächlich besteht der Sport der Sicherheitskräfte darin, möglichst ulkig Kostümierte möglichst rasch von den Bänken und Tischen zu holen. Eskalation schon, aber bitte in Maßen.

Auch wenn viele Zuschauer nur da sind, um sich selbst zu feiern: Auf der Bühne geht es um Sport, um Sieg und Niederlage, um ein imposantes Preisgeld. Am Ende der Saison bekommt der Premier-League-Champion 250.000 Pfund (etwa 284.000 Euro). Das Berlin-Gastspiel der besten Dartsspieler der Welt ist eine Premiere, das erste Turnier der Serie in Deutschland. Kein Wunder: "Das ist der am schnellsten wachsende Sport Europas", rühmt Barry Hearn seinen Sport. "Der Markt in Deutschland explodiert. Wir wären verrückt, wenn wir das nicht machen würden", erklärt der Chef der Professional Darts Corporation (PDC) den Abstecher nach Berlin: "Es ist unglaublich. Das alles ist passiert ohne einen großen deutschen Star, der - davon bin ich überzeugt - noch kommen wird."

Ganz vorn sitzen die konzentrierten Fans

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"Snakebite" begeistert seinen Fans mit ständig wechselnden Farben.

(Foto: dpa)

Kein Deutscher, dafür sind alle großen Stars des Sports in Berlin dabei: Sensations-Weltmeister Rob "Voltage" Cross, der Niederländer Michael "Mighty Mike" van Gerwen, der als legitimer Nachfolger des jüngst zurückgetretenen Superstars Phil Taylor gilt sowie Peter "Snakebite" Wright, dessen kunstvolle Frisuren in immer neuen Farben die Fans zum Tragen bunter Perücken veranlassen.

Ganz vorne an der Bühne allerdings geht es im Publikum weniger bunt zu. Hier ist die Partystimmung auch nicht ganz so ausgelassen, hier sitzen die wirklich Darts-Interessierten und starren gebannt auf die Großleinwände. Das müssen sie auch, selbst von ganz vorn ist das Board auf der Bühne nämlich nicht zu erkennen. Aber sie sind live dabei, sehen ihre Stars aus nächster Nähe.

Sport und gute Sicht werden, je weiter es im Innenraum nach hinten geht, unwichtiger. "Hauptsache Party", sind sich zwei junge Brandenburger einig, die als Super Mario und Luigi verkleidet sind. Noch drastischer formuliert es ein Frauen-Dreiergespann: Einen schönen Mädelsabend wollen sie sich machen. Dafür sind sie zum Teil extra aus Marburg angereist - für einen Sport, von dem sie keine Ahnung haben und den sie vorher kaum beachtet haben. Sie fallen optisch auf: keine Kostüme, keine Perücke, keine bunte Schminke. "Ich wusste nicht, dass ich mich verkleiden sollte", sagt eine. "Wir sind eingeladen worden." Eingeladen zur großen Darts-Party.

"Ich hatte eine Gänsehaut"

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Simon "The Wizard" Whitlock genießt die Atmosphäre.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Die Sportler feiern mit. Die Stimmung ist bombastisch. "Als ich auf die Bühne gekommen bin, hatte ich eine Gänsehaut, es wurde immer lauter und lauter", sagt der Engländer Michael "Bully Boy" Smith, der sich gleich im ersten Match des Abends durch einen 7:3-Sieg gegen Simon "The Wizard" Whitlock aus Australien an die Spitze der Tabelle setzt. Weltmeister Cross, der nach Niederlagen in den Vorwochen zurück in die Spur findet und in Berlin einen 7:3-Sieg gegen Raymond "Barney" van Barneveld einfährt, lobt vor allem die Fairness: "Das ist fantastisch. Das ist in England nicht immer so."

Mehr als fair gehen die Feierbiester auch miteinander um. Da verbrüdern sich schottische Jungs, die für den Doppelweltmeister Gary "The Flying Scotsman" Anderson angereist sind, mit zwei Männern, die Camouflage-Shirts mit dem Aufdruck „Barney's Army“ für van Barneveld tragen. Da tanzt ein van-Gerwen-Verschnitt, dem zur perfekten Kopie tatsächlich nur ein wenig Masse um die Körpermitte herum fehlt, mit allen Umstehenden. Und natürlich flippen alle völlig aus, wenn ein Dartsprofi die Höchstpunktzahl 180 wirft und der legendäre "Caller" Russ Bray sein berühmtes "Onehundreeeeedeiiiiightyyyyyy" brüllt.

Es ist ein Abend der geordneten Eskalation. Es ist einer, der trotz organisatorischer Pannen Werbung macht für eine Rückkehr der PDC-Tour nach Berlin. "Unglaublich, was hier abgeht. Deutschland hat definitiv eine Zukunft im Darts", sagt ein begeisterter Cross. Und dieser Abend beweist: Das Klischee des Kneipensports hat Darts längst hinter sich gelassen. Nur ganz am Ende wirkt es noch einmal so: Als die Zuschauer die Halle verlassen, beginnt das Räumkommando seine Arbeit. Der Boden klebt vom verschütteten Bier, übrig bleibt ein Haufen aus Bechern, Popcorntüten und Nachotellern. Und es sollte in Berlins größter Eckkneipe einmal kräftig gelüftet werden.

 

Quelle: n-tv.de

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