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Klitschko beendet Box-Karriere Das Beste reicht nicht mehr

Das Riesen-Ring-Ding in Wembley gegen Anthony Joshua geht zwar verloren, aber Box-Legende Wladimir Klitschko hat's nochmal allen gezeigt. Und eine Erkenntnis gewonnen, die ihn zur einzig richtigen Entscheidung führt.

Nein, die These ist nicht besonders originell. Aber einer Gegenrede fehlt schlicht das gute Argument. Dass Wladimir Klitschko sich den Rückkampf gegen Anthony Joshua klemmt, mit dem Boxen aufhört, nach 21 Jahren, nach 69 Profikämpfen, nach 64 Siegen - 54 davon durch K.o. - und zuletzt zwei Niederlagen, ist eine Entscheidung, die keinen Aufschub mehr duldete, die allerdings auch nicht überfällig war. Klitschko ist 41 Jahre alt, er hat den Schwergewichts-Boxsport mit seiner sachlich vorgetragenen, technisch so sauberen Arbeit im Ring geprägt. Er hat die Menschen beeindruckt, dem Fernsehen überragende Quoten beschert. Er war und ist ein Sympathieträger, ein großer und fairer Sportler, aber nicht immer ein Mann fürs Spektakel.

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Und vermutlich liegt hier auch der Grund für das Karriereende. Das Alter macht den Ukrainer angreifbar. Angreifbarer als früher. In den so zehrenden zwölf Runden konnte er sich stets auf seine Physis verlassen - und auf seine Schlagkraft. Mit seiner zunehmend auf Sicherheit ausgelegten, kontrollierten Art brachte er die Gegner reihenweise zur Verzweiflung. Distanz, Jab, Distanz, Jab, im Notfall klammern, unbändige Ausdauer, so kämpfte Klitschko. Erfolgreich, sehr erfolgreich. Aber weil er sich nicht änderte - warum auch -, weil er nicht zu einem unberechenbaren Knockout-Schläger im Eiltempo wurde, weil er weiter so ausdauernd boxte, wurde er der biologischen Logik anfälliger und berechenbarer. Die Physis als Fundament wurde vom Alter unterjocht.

Elf Jahre dominierte "Dr. Steelhammer" die Königsklasse des Boxens. Elf Jahre lang polierte er sabbelnden Konkurrenten wie David Haye oder Francois Botha das Großmaul. Doch dann kam der 29. November 2015. Jener Tag, der dem schlagenden Akademiker die Dominanz raubte - ausgerechnet gegen den raubeinigen Hünen Tyson Fury, der nach dem Kampf beharrlich daran arbeitete, sich selbst zu zerstören. Mit Klitschkoesker Beinarbeit, mit Klitschkoesker Ausdauer und mit Klitschkoesker Cleverness verhaute der extrovertierte Engländer den Champion.

Bloß nicht nach Fury!

Es wäre ein Moment gewesen, um abzutreten. Aber kein guter. Klitschko wäre gegangen, mit sich selbst nicht im Reinen. Mit einem verstörenden Eindruck bei seinen Fans, in der gesamten Boxwelt. Dass er sich fit hielt, für einen letzten Showdown, das zeichnet den Champion aus. Dass es nicht zum Rückkampf gegen Fury wegen dessen privaten Eskapaden reichte - egal. Vielleicht sogar gut so. Dass der Akademiker von einem boxenden Idioten womöglich erneut in die Ringseile gedrückt worden wäre, es wäre ein skurriler Abgang einer unglaublichen Karriere gewesen - unwürdig.

Ganz anders als der Abgang am 29. April dieses Jahres. Klitschko fightet vor 90.000 Zuschauern in Wembley. Gegen Anthony Joshua. Es ist das vielleicht größte Spektakel, das der Ukrainer in seiner gesamten Profi-Karriere geboten hat. Ehemalige Boxer und Trainer werten den Kampf im Nachgang als einen der absolut besten der Geschichte. Joshua siegt, weil er der bessere von zwei überragenden Boxern ist. Es ist vermutlich der Moment, in dem Klitschko einsieht: Das war's. Sein bestes Boxen reicht nicht mehr. Dass er sich nun lange Zeit gelassen hat mit seiner Entscheidung - was soll's? Lieber reiflich überlegen, als sich zur mitleidigen Lachnummer im Ring zu machen. Das ist echte Größe.

Quelle: n-tv.de

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