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Stephan ermahnt das DHB-Team "Das erste Endspiel für das EM-Halbfinale"

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Daniel Stephan erlebte gegen Spanien ein ganz besonderes Spiel.

Nach dem über weite Strecken mäßigen Auftakt gegen die international allenfalls zweitklassigen Niederlande müssen die deutschen Handballer bei der Europameisterschaft heute Abend gegen Mitfavorit Spanien antreten (ab 18.15 Uhr bei uns im Liveticker). Mit einem Erfolg, sagt Daniel Stephan, stoßen Bundestrainer Christian Prokop und seine Spieler das Tor zum Halbfinale weit auf. Aber dazu, so sagt der ehemaliger Welthandballer und langjähriger Nationalspieler im Interview mit ntv.de, müssten sie sich deutlich steigern. Vor allem in der Abwehr.

ntv.de: Nach dem gewonnenen EM-Auftaktmatch der deutschen Mannschaft hat man einen ersten Eindruck bekommen. Wie bewerten Sie den Auftritt der DHB-Auswahl?

Daniel Stephan: Aus diesem merkwürdigen Spiel können wir sicher nicht die ganz großen Lehren ziehen. So wie man die Leistungen in der Vorbereitung nicht überbewerten sollte, darf man nun nach dem über weite Strecken schwachen Auftritt der Mannschaft nicht alles negativ sehen. Das war ein klassisches Auftaktspiel, das von großer Nervosität geprägt war. Anders als viele andere glaube ich nicht, dass allein die Rote Karte für Uwe Gensheimer dazu geführt hat, dass der Faden riss. Insgesamt hat die Deckung zu wenig Zugriff auf den niederländischen Angriff gehabt. Deren Spieler waren klein und wendig, was unserer Defensive überhaupt nicht behagte. Und im Angriff hatten wir zu viele technische Fehler. Aber wir sollten nicht zu viel hineininterpretieren, auch wenn klar ist, dass wir uns gegen Spanien deutlich steigern müssen. Doch das wissen die Spieler auch selbst.

Also gewonnen, Mund abputzen und weitermachen?

Analysieren sollte der Bundestrainer das schon, weil nach seinen häufigen Wechseln ein Bruch ins deutsche Spiel kam. Die zweite Reihe kam gegen die Niederlande nicht so gut zurecht. Gerade im Rückraum ging da zu wenig zusammen. Aber Kopfschmerzen bereitet mir das noch nicht. Jetzt liegt der Fokus voll auf Spanien, und da wird die Mannschaft sicher eine bessere Leistung abrufen.

Spanien ist amtierender Europameister. Was muss die deutsche Mannschaft besser machen, um heute Abend bestehen zu können?

Die Aufgabe ist knackig, wenn ich daran denke, dass wir vor zwei Jahren bei der EM in Kroatien in der Hauptrunde nach einer desolaten Leistung in der zweiten Halbzeit eine deftige Niederlage einstecken mussten. Aber beide Teams begegnen sich auf Augenhöhe. Es wird ein hartes und umkämpftes Spiel, auch wenn der Umgang gerade mit den Spaniern in der Vergangenheit stets höchst respektvoll war. Unsere Torhüter waren beim Auftakt überragend, aber unsere Abwehrreihe müssen wir unbedingt stabilisieren. Das war noch nicht das, was die Mannschaft kann. Wir werden auch deutlich mehr Tore über Gegenstöße benötigen als gegen die Niederlande. Die taktische Devise, in der zweiten Welle mit zwei Kreisläufern zu spielen, überzeugt mich noch nicht. Da fehlen mir die Anspielstationen.

Wo liegen Stärken und Schwächen des Gegners?

Das Kreisläuferspiel der Spanier ist traditionell überragend. Darauf wird Bundestrainer Christian Prokop sein Team einstellen müssen. Auch die individuelle Qualität ist sehr groß, auch wenn ihnen der Shootingstar fehlt. Sie funktionieren – ähnlich wie die deutsche Mannschaft – als homogenes Kollektiv. Zudem verfügt die Mannschaft über eine geballte Portion Erfahrung, was der DHB-Auswahl hier und da noch fehlt.

Anders als das Spiel gegen die Niederlande wird die Begegnung gegen Spanien – falls alles erwartungsgemäß verläuft – eine immense Bedeutung für den weiteren Turnierverlauf haben.

Richtig. Kommen beide Teams weiter – und davon gehe ich aus – zählt dieses Resultat bereits für die Hauptrunde. Ohnehin hat die deutsche Mannschaft ein Riesenglück mit der Auslosung gehabt, wenn man sieht, dass Weltmeister Dänemark, Frankreich, Norwegen und Schweden allesamt in der anderen Turnierhälfte unterwegs sind und wir diesen Topfavoriten bis zum Halbfinale aus dem Weg gehen können. Diese Chance müssen wir nutzen. Unsere großen Gegner heißen Spanien und Kroatien. Eines dieser beiden Teams müssen wir schlagen, dann ist die Tür zum Halbfinale – ohne die anderen Gegner unterschätzen zu wollen – sperrangelweit auf. Insofern ist das Match gegen Spanien schon ein erstes Endspiel für das Halbfinale.

Wie sehr fehlen der Mannschaft Spieler wie Fabian Wiede und Steffen Weinhold, die gerade im rechten Rückraum dem Team weiterhelfen könnten?

Das ist eine Herausforderung, diese Ausfälle zu kompensieren. Wiede hat gerade bei der Heim-WM im vergangenen Jahr gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann. Und Weinhold kann mit seiner Routine, mit seiner Kämpfernatur und mit seiner unfassbaren Power eine Mannschaft mitreißen. Das tut mir richtig weh, dass beide nicht dabei sind. Jetzt müssen andere in die Bresche springen. Mal schauen, wer nun Verantwortung übernimmt.

Die Begegnungen gegen Spanien waren stets besondere Spiele. Vor vier Jahren gewann die DHB-Auswahl das EM-Finale in Polen. Noch heute sprechen viele Experten von dem wohl besten Spiel einer deutschen Mannschaft überhaupt.

Das ist Daniel Stephan

Erster deutscher Welthandballer 1998, Europameister und Olympia-Silber 2004, zweimal Deutscher Meister und dreimal Deutscher Pokalsieger, dazu zwei Europapokal-Titel mit dem TBV Lemgo: Daniel Stephan ist einer der erfolgreichsten Spieler der deutschen Handball-Geschichte. Für die Nationalmannschaft erzielte der heute 46-Jährige, der seine aktive Karriere 2009 beendet hatte, 590 Tore in 183 Partien. Nur neun Spieler trafen öfter für Deutschland.

So weit würde ich nicht gehen, aber es war eines der besten. Das Spiel war von einer unfassbaren Dominanz geprägt. Es war das Match, in dem Torhüter Andreas Wolff seine Sternstunde hatte und über sich hinauswuchs. Der hat fast alles gehalten. Und es sind ja noch einige Protagonisten dabei, die damals auf dem Feld standen. Die werden sich sicherlich noch gern daran erinnern. Das könnte ein Vorteil sein. Ich jedenfalls freue mich auf eine hochintensive Begegnung.

Auch Ihre sportliche Vita ist von Auseinandersetzungen gegen die Spanier geprägt. Ich denke da an das olympische Viertelfinale 2004, das die DHB-Auswahl nach zweimaliger Verlängerung und nach dem Siebenmeterwerfen gewinnen konnte. Ein episches Drama.

Das war super-intensiv. Das ist wohl jedem in Erinnerung geblieben, der es gesehen hat. Aber schon vier Jahre zuvor in Sydney sind wir im Viertelfinale äußerst unglücklich ausgeschieden, als Stefan Kretzschmar beim Stande von Unentschieden den Ball an die Unterkante der Latte setzt und die Spanier im Gegenzug den Siegtreffer erzielen.

Da hatten Sie offensichtlich noch eine Rechnung offen …

... die wir vier Jahre später begleichen konnten. 2004, das war ohne Zweifel das emotionalste Spiel meiner Laufbahn. Am Ende der ersten Verlängerung lagen wir mit einem Tor zurück, hatten aber noch einen Siebenmeter zugesprochen bekommen. Ich musste den verwandeln, sonst wären wir ausgeschieden. Am Abend dann war ich der festen Überzeugung, dass ich links oben getroffen hatte. Tatsächlich aber sah ich dann in der Wiederholung, dass der Ball rechts oben eingeschlagen war. Im Siebenmeterwerfen dann konnte Keeper Henning Fritz alle Würfe der Spanier abwehren. Ich war komplett im Tunnel in diesem Match und bekomme noch heute schwitzige Hände, wenn ich daran denke. Großartig war, wie respektvoll die Spieler beider Mannschaften nach dem Match miteinander umgegangen sind. Ganz große Klasse.

Mit Daniel Stephan sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: ntv.de