Debatte nach Raimunds Nichtsprung"Auf Sicherheit geschissen" - Chaos-Springen fliegt Jury um die Ohren

Der selbstbewusste Startverzicht von Olympiasieger Philipp Raimund beim Skispringen in Oslo sorgt für Diskussionen. Wer schützt die Springer, wenn nicht sie selbst? Die uneinsichtige Jury kassiert scharfe Kritik für ihr Handeln.
Auch am Tag danach war Philipp Raimund felsenfest von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt. "Ich habe an meine Freundin gedacht. Sie sagt immer, das Wichtigste sei meine Sicherheit", sagte der Skisprung-Olympiasieger über seinen Startverzicht am windumtosten Holmenkollen. Dass sich der Oberstdorfer in Oslo als einziger von 50 Startern aktiv der rücksichtslosen Jury-Linie entgegenstellte, wirft allerdings die Frage auf: Wer schützt die Springer, wenn nicht sie selbst?
Am Holmenkollen jedenfalls wurde bei haarsträubenden Windgeschwindigkeiten gesprungen. Zwei Wochen vor Ende einer Weltcup-Saison, in der Domen Prevc längst als Gesamtsieger feststeht, in der es sportlich um wenig, aber um die Gesundheit nach vier Schanzenmonaten angemüdeter Sportler geht. Teilweise trudelten jene hilflos durch den düsteren norwegischen Himmel. Und nach einem Beinahe-Crash von Felix Hoffmann verkündete Raimund: "Den Scheiß mache ich nicht mit." Und stieg in den Aufzug nach unten.
"Wir sind ohne Sturz durchgekommen"
Anders als Raimund, der dafür viel Respekt kassierte, waren alle anderen erst hinterher schlauer. Er müsse jetzt auch mal den Weltverband FIS kritisieren, sagte Österreichs Chefcoach Andreas Widhölzl im ORF, weil dieser "mit aller Gewalt einen Durchgang durchdrücken wollte, damit das Ergebnis dasteht, und eigentlich auf die Sicherheit der Athleten ein bissl geschissen wird. Es war teilweise wirklich gefährlich. Das müssen wir so hinnehmen, aber cool war es nicht."
Wirklich? Müssen erfahrene Sprungexperten wie Widhölzl hinnehmen, wenn ihren Sportlern Gefahr droht? "Wir sind ohne Sturz durchgekommen, was für uns immer das Wichtigste ist", sagte FIS-Skisprungchef Sandro Pertile. Dass es aber so kam, lag nicht in der Hand der Jury - ihr Konzept beschränkte sich auf ein Wird-Schon-Gutgehen-Szenario ."Wir wussten, dass eine schlechte Front in der Nähe der Schanze ist", sagte Pertile, "aber wir haben in der Jury gute Leute." So verließ sich jeder auf den anderen. Die Trainer auf die Jury, die Jury auf das Können der Springer und die Springer auf die Trainer.
"Wir drängen niemals einen Athleten"
"Wenn der Trainer winkt und freigibt, passt es eigentlich", sagte Hoffmann in der ARD: "Nach dem Sprung hätte ich es wahrscheinlich gerne so gemacht wie der Philipp." Hätte er ja auch machen können, meinte Pertile: "Wir drängen niemals einen Athleten, zu springen, das ist allein ihre Entscheidung." Im Umkehrschluss: Geht es schief, ist der Springer schuld.
Die Entscheidungslast auf teils blutjunge Springer abzuwälzen, die im erbitterten Konkurrenzkampf tunlichst nicht als Feigling dastehen wollen, ist heikel in einer durchaus gefährlichen Sportart. Für einen Sportler sei es "viel schwerer, runterzugehen als runterzuspringen", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher. Nicht alle besitzen das Selbstbewusstsein wie Olympiasieger Raimund oder auch die Ex-Stars Gregor Schlierenzauer und Anders Bardal, die sich 2013 in Klingenthal bei ähnlichen Bedingungen verweigerten.
"Ich habe mir gedacht, was mache ich hier eigentlich?", sagte Raimund in Oslo: "Ich bin freiwillig hier, will Spaß am Skispringen haben. Ich habe dieses Jahr schon alles erreicht, was ich erreichen will." Und selbst wenn er das nicht erreicht hätte: Dass die Freundin einen heilen Springer zurückerhält, sollte auch das Ziel der Jury sein.