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Stilles Ende einer Traumkarriere Dennis Seidenberg - der vergessene NHL-Gigant

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Einsatz, Erfahrung und eine mitunter einschüchternde Spielweise - das sind die Qualitäten im Spiel von Dennis Seidenberg. Gefragt sind sie indes nicht mehr.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Er gewinnt nahezu unbemerkt den Stanley Cup und wird noch vor zwei Jahren zum besten Verteidiger der Eishockey-WM gewählt. Doch jetzt ist für Dennis Seidenberg wohl kein Platz mehr. Bei den New York Islanders sitzt er nur auf der Tribüne.

Auf die Frage, wie er seine bisherige Saison in der NHL einschätzt, antwortet Dennis Seidenberg mit einem Lachen und einer kleinen Pause. Die Reaktion des 37-Jährigen ist sinnbildlich für seine aktuelle Situation. Denn es gibt nicht viel zu erzählen. Und so lautet Seidenbergs Zwischenfazit: "Ziemlich entspannt, kein Stress bei den Spielen und ich darf mit dabei sein." Seidenberg stand 928 Mal auf dem NHL-Eis. Von allen deutschen Eishockeyprofis hat nur Marco Sturm mehr Spiele (1006). Doch Seidenbergs NHL-Karriere, die am 10. Oktober 2003 mit einem Auswärtsspiel für die Philadelphia Flyers bei den Edmonton Oilers begann, scheint nun auf den Tribünen zwischen Washington und Vancouver nahezu unbemerkt zu enden.

Seidenbergs Karriere-Stationen

1999 bis 2002: Adler Mannheim
2002 bis 2006: Philadelphia Flyers
2006 bis 2007: Phoenix Coyotes
2007 bis 2009:
Carolina Hurricanes
2009 bis 2010: Florida Panthers
2010 bis 2016: Boston Bruins
2016 bis 2018: New York Islanders
Seit 2019: New York Islanders

Seidenberg trainiert seit der Vorbereitung bei den New York Islanders mit. Für den Klub spielt er seit 2016 - nach der vergangenen Saison lief sein Vertrag aber aus. Den Sprung in den Kader schaffte Seidenberg nicht mehr. Und so wurde er als "PTO" geführt. Die Abkürzung steht für "professional tryout". Er durfte also mittrainieren, blieb bei Auswärtsspielen aber daheim. Statt Profi war Seidenberg vor allem - oder endlich mal - Papa. Er fuhr seine Töchter Story und Noah, sowie Sohn Breaker, zum Turnen, Tennis, Eishockey, Fußball und Baseball. "Das hatte ich noch nie gemacht, seitdem unsere älteste Tochter geboren ist - und ich genieße es", sagt er im Gespräch mit n-tv.de.

Einsatz, Erfahrung, eine einschüchternde Spielweise

Dass er mehr Zeit für väterliche Pflichten hat, kommt Ehefrau Rebecca gelegen. Sie eröffnet demnächst ein Kleidergeschäft in Greenville, 15 Kilometer außerhalb von New York. Die vergangenen Monate hat sie eine Fashion School besucht und sich auf einigen Messen Inspirationen geholt. Mode sei die Leidenschaft seiner Frau, so Seidenberg, deshalb passe es ganz gut, dass er mit den Kindern mehr aushelfen könne.

Vor knapp einem Monat gaben ihm die Islanders dann doch noch einen Vertrag bis zum Saisonende. An seiner Situation hat sich allerdings nicht viel geändert. Zwar fliegt er jetzt mit zu Auswärtsspielen, dort sitzt er aber ebenso auf der Tribüne, wie bei den Heimpartien. Im Ranking der Verteidiger ist der Deutsche die Nummer neun. Da nur sechs spielen, ist er somit der Ersatz-Ersatz-Ersatzmann. Es müssten sich schon drei Abwehrspieler verletzen, damit Seidenberg zum Einsatz kommt. Natürlich sei er "bereit, wenn etwas passieren sollte", aber es müsse eben schon "sehr viel passieren." Zudem wolle er nur das Beste für das Team. Und das heißt eben: sechs gesunde Stammverteidiger.

Wenn Seidenberg über seine Situation spricht, wirkt er keineswegs frustriert, genervt oder gar wütend. Er war ohnehin noch nie ein Lautsprecher, sondern ein leiser Star. Außerdem ist der gebürtige Schwenninger lange genug dabei, um zu wissen, dass Spieler mit seinen Qualitäten und in seinem Alter nicht mehr oft gefragt sind. Seidenberg bietet Einsatz, Erfahrung und eine mitunter einschüchternde Spielweise. In der NHL werden jedoch technisch starke und schnelle Akteure bevorzugt. Er habe zwar gedacht, sagt der Abwehrspieler, "dass ich diese Saison noch mal eine Chance habe." Aber mittlerweile habe er sich "locker damit abgefunden, dass es ist, wie es ist. Die Liga wird richtig jung." Seidenberg wiederum wird im Juli 38.

Vom Ersatzmann zum WM-Stammspieler?

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Im vergangen Jahr war er noch Kapitän der deutschen WM-Mannschaft. Auch in diesem Jahr könnte er nochmal für das DEB-Team auflaufen.

(Foto: imago/ActionPictures)

Seine letzte offizielle Partie bestritt er am 15. Mai 2018. Es war Deutschlands letztes Gruppenspiel der Weltmeisterschaft in Dänemark und Seidenberg der Kapitän. Beim 0:3 gegen Kanada hatte er mit 23 Minuten die meiste Eiszeit aller Spieler. "Wenn er bei uns war, war es sehr hilfreich für die jungen Spieler. Denn da hat man gesehen, warum er es so weit geschafft hat. Wie er sich bewegt, sich benimmt, sich ernährt - das sieht man selten und ist einfach immer anders gewesen, als bei einem normalen deutschen Eishockeyspieler", sagt Sturm gegenüber n-tv.de. Sturm war bei der WM noch Bundestrainer, arbeitet seit Dezember jedoch als Assistent bei den Los Angeles Kings.

Am Dienstag saß Seidenberg mit Sturms Nachfolger, Toni Söderholm, zusammen. Der neue Bundestrainer besuchte in Nordamerika die deutschen NHL-Profis - und somit auch Seidenberg. Obwohl dieser seit mehr als zehn Monaten kein Pflichtspiel mehr bestritten hat, hätte Söderholm den Routinier gerne bei der WM im Mai in der Slowakei dabei. Es komme darauf an, sagt Seidenberg, wie lange die Saison in der NHL noch andauere. Die Islanders werden die am 9. April beginnenden Playoffs wohl erreichen. Sollten sie jedoch in der ersten Runde scheitern, müsste Seidenberg bis zum WM-Start am 10. Mai noch rund drei Wochen überbrücken. "Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt und ich habe natürlich Interesse", sagt Seidenberg.

Trotz seines neuen Berufsalltages zwischen Trainingshalle und Tribüne trauere er seinen besseren Tagen nicht hinterher, betont er. Und die Frage, ob er das perfekte Karriereende verpasst habe, nein, die stelle sich für ihn nicht. Denn wenn es danach ginge, so Seidenberg, hätte er am 15. Juni 2011 die Schlittschuhe für immer ausziehen müssen. An jenem Tag hatte er mit den Boston Bruins durch einen 4:0-Auswärtssieg bei den Vancouver Canucks (4:3 in der Serie) den Stanley Cup gewonnen. Seidenberg war 29 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und er hatte im wichtigsten Spiel seiner Laufbahn sogar zwei der vier Tore vorbereitet.

Im Schatten von Nowitzki erfolgreich

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Da ist das Ding!

(Foto: imago sportfotodienst)

In Deutschland bekamen das nur wenige mit. Dirk Nowitzki hatte drei Tage zuvor die Dallas Mavericks zur NBA-Meisterschaft geführt und war zudem zum wertvollsten Spieler der Finalserie gewählt worden. In der Heimat wurde der Würzburger bejubelt, stand im medialen Mittelpunkt. Seidenberg genoss derweil die Meister-Parade durch Boston vor 1,5 Millionen Menschen. Zwei Jahre später stand er mit den Bruins wieder in der Endspielserie, verlor jedoch 2:4 gegen die Chicago Blackhawks.

Seine 13 Finalspiele sind mit Abstand die meisten eines Deutschen. 2014 gewannen Seidenberg und Boston als punktbestes Team der Vorrunde die President's Trophy. 2016 gehörte er, wie unter anderem Christian Ehrhoff und Leon Draisaitl, zum "Team Europe", das beim World Cup of Hockey in Toronto sensationell Platz zwei belegte. Ein Jahr später wurde Seidenberg bei der Heim-WM in Köln zum besten Verteidiger sowie ins Allstar-Team gewählt. Ganz egal, ob er noch ein paar NHL-Partien bestreitet, ob er bei der WM spielt oder ob er nie wieder auf's Eis zurückkehrt - Dennis Seidenberg kann auf eine äußerst erfolgreiche Karriere zurückblicken. Manchmal, sagt er, vermisse er den Wettkampf und die Intensität. "Aber den Stress dabei, den vermisse ich nicht."

Quelle: n-tv.de

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