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Charaktertest für das DHB-Team Der Bundestrainer spielt um seinen Job

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"Die Österreicher werden alles daran setzen, uns zu schlagen. Ich bin mal gespannt, ob wir uns das gefallen lassen", sagt Bundestrainer Christian Prokop.

(Foto: dpa)

Charaktertest im Prestigeduell: Für Deutschlands Handballer geht's gegen Österreich um ein versöhnliches Ende der enttäuschenden Europameisterschaft. Das Spiel gegen den Nachbarn wird aber auch zum belastbaren Indikator, wie intakt die Beziehung zwischen Team und Trainer ist.

Patrick Wiencek ist ein Kerl wie ein Baum. Zwei Meter lang und 110 Kilo schwer. Der 30-Jährige in Diensten des THW Kiel lässt die Gegner normalerweise an seinem mächtigen Körper abprallen wie lästige Fliegen. Doch wie er nach der dramatischen 24:25-Niederlage gegen die Kroaten mit gebeugtem Haupt in der Mixed Zone der Wiener Stadthalle stand und nach Erklärungen rang, da hätte man ihn am liebsten in die Arme genommen und tröstend den Kopf gestreichelt. Wiencek sprach leise darüber, wie das deutsche Handballteam dieses Hauptrundenspiel der Europameisterschaft dominiert hatte, um es dann doch noch herzuschenken. Über die fehlende Cleverness, die den Sieg gekostet habe sprach er und dass es nun, da das Ziel Halbfinale verpasst sei, weitergehen müsse. Irgendwie.

Daneben stand sein Kollege Hendrik Pekeler, auch er gab Einblicke in sein Gefühlsleben. Seine Motivation, in diesem Turnier noch mal in ein anderes Land zu jetten, um in Stockholm das Spiel um Platz fünf und damit die Goldene Ananas zu bestreiten, sei nicht sonderlich hoch. In den Worten des Abwehrchefs klang das so: "Ich habe keine Lust auf dieses Spiel." Da denkt Pekelers sportlicher Chef Bob Hanning diametral anders. Am Tag nach dem Drama gegen die Kroaten machte der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bunds (DHB) deutlich, wie wichtig die ausstehenden Partien für das Selbstverständnis seiner Organisation aber auch für das Binnenklima dieser Mannschaft seien. Es gehe "um den Willen und die Bereitschaft, nach solch einer Enttäuschung zurückzukommen", betonte Hanning. Er sei extrem gespannt, wie sich das Team diesem Charaktertest stelle und hoffe, "die Mannschaft ist sich der Verantwortung bewusst".

Das klingt wie ein unmissverständlicher Arbeitsauftrag für den Rest dieses Turniers, das doch weitgehend enttäuschend verlaufen ist für ein Team, das vor vier Jahren noch mit mitreißenden Auftritten durch die kontinentale Meisterschaft gestürmt war und den Titel geholt hatte. Von der damaligen Euphorie, die ganz Deutschland erfasste, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Zwar ist das Interesse ungebrochen, das Drama gegen Kroatien verfolgten neun Millionen Zuschauer im ZDF, aber am Ende werden auch Handballer an den Ergebnissen gemessen, die sie abliefern. Genau wie ihr Trainer.

"Bekommst du nicht so schnell aus dem Kopf"

Insofern werden die anschließenden Zwischenrunden-Begegnungen in Wien und - wenn sie erfolgreich absolviert werden - auch das Spiel um Platz fünf für Bundestrainer Christian Prokop zum Gradmesser. Sie sind der Lackmustest, wie eng die Bande zwischen dem Mann aus Köthen und seinen Spielern ist. Es wird eine echte Herausforderung für Prokop, seine Spieler nach dem Niederschlag gegen die Kroaten wieder aufzurichten und ihnen die Dringlichkeit von Siegen im restlichen Turnierverlauf zu verdeutlichen.

Am Morgen danach berichtete Rückraumspieler Paul Drux, wie es in ihm aussieht: Nein, er habe nicht gut geschlafen, sei noch lange wach gewesen, sagte der Berliner. "So ein Spiel bekommst du nicht so schnell aus dem Kopf." Doch der Wille, sich nun nicht hängen zu lassen, sei ausgeprägt, betont Kapitän Uwe Gensheimer. Die Mannschaft habe sich nach dem Frühstück "zusammengesetzt und gesagt, dass es weitergeht. Wir haben in der Hauptrunde ein anderes Gesicht gezeigt", sagt der Mann von den Rhein-Neckar Löwen, "genauso wollen wir das fortführen, auch wenn das Ziel Halbfinale abgeschrieben ist".

Die beste Gelegenheit, den Beweis anzutreten, dass sie es mit dieser Ankündigung ernst meint, hat die deutsche Mannschaft bereits heute, wenn sie um 20.30 Uhr (in der ARD und im Liveticker bei ntv.de) auf das Team des Gastgebers trifft. "Für Österreich ist es das Spiel des Jahres", sagt Prokop: "Die werden alles daran setzen, uns zu schlagen. Ich bin mal gespannt, ob wir uns das gefallen lassen."

Gibt's auch ein Handball-Cordoba?

Tatsächlich sind die Gastgeber heiß darauf, es dem ungeliebten Nachbarn zu zeigen und ihm in heimischer Halle ein Handball-Cordoba zu bereiten. Allerdings erwartet Österreichs Kreisläufer Fabian Posch einen kämpferischen Gegner, der sich nicht einfach in sein Schicksal fügen wird: "Sie waren sicher angepisst", sagt Posch über den Gegner, "aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das bis zum Spiel gegen uns durchtragen und sagen, 'okay, das Turnier ist gelaufen'".

Nicht nur für den deutschen Handball insgesamt, sondern speziell für Prokops Position dürfte das weitere Auftreten des DHB-Teams richtungweisend sein. Hanning hat den 41-Jährigen geholt, der starke Mann im Verband hält weiterhin die schützende Hand über ihn. Aber sollte es weitere Rückschläge geben, gerät Prokop ähnlich unter Druck, wie schon nach der missratenen EM 2018 in Kroatien. Schließlich sind die Vorgaben für dieses Jahr enorm hoch. Nach der Olympia-Qualifikation im April soll es in Tokio nicht weniger als die goldene Medaille sein. Also das Maximum.

Bei weiteren Rückschlägen wird mit Sicherheit die Diskussion an Dringlichkeit zunehmen, ob Prokop für solche Ziele der richtige Mann sei. Und wie immer in solchen Momenten wird dann der Name Alfred Gislason fallen. Der ehemalige Kieler Meistercoach stehe nach seiner privaten Auszeit wieder Gewehr bei Fuß und warte auf eine neue Herausforderung. Christian Prokop kämpft bei der EM also nicht nur um das Renommee seiner Mannschaft. Es geht auch um seinen Job.

Quelle: ntv.de