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Fußball-Zeitreise, 22. Juni 1980 Der Papst, zwei Frauen, ein EM-Triumph

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Traumpaar (I): Lothar Matthäus und seine Silvia.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Sportlich ist die Fußball-EM 1980 in Italien eher mau. Extrem unterhaltsam sind dafür die Geschichten rund um den Triumph der DFB-Elf. Mittendrin: der blonde Engel Bernd Schuster, Kopfballungeheuer Horst Hrubesch, und der liebeskranke Frauenschwarm Lothar Matthäus.

Eigentlich müsste man einen Film über den Triumph der DFB-Auswahl bei der EM 1980 in Italien drehen. Es wäre eine echte Drama-Schnulze à la Rosamunde Pilcher - mit ganz viel Amore, zerstörerischer Missgunst und einem heiligen Vater, der Glück versprüht. Doch von vorne.

Gerade einmal 19 Jahre jung ist ein gewisser Nachwuchsstar von Borussia Mönchengladbach, als er bei Europameisterschaft 1980 für sein Heimatland debütiert. 3:0 steht es an diesem Tage gegen die Niederlande bereits, als Kapitän Ennatz Dietz einen Entschluss fasst: Er möchte dem jungen Talent bei diesem Spielstand zu seinem ersten Einsatz im Nationaltrikot verhelfen. Und so täuscht Dietz eine Verletzung vor und ermöglicht Matthäus sein Debüt im Dress der Nationalelf. Dass das Spiel am Ende und nach zittrigen Schlussminuten nur noch 3:2 für Deutschland ausging, lag nicht unbedingt an dem unbedarften Nationalmannschaftsneuling Matthäus, wie Dietz einmal schmunzelnd erzählte.

Tränen am Tag der Nominierung

Und noch etwas wusste der Kapitän der Nationalelf zu berichten: "Der Lothar hat am Tag der Nominierung bitterlich geweint. Ich stand neben ihm und war völlig hilflos. Erst habe ich gedacht, der würde Freudentränen vergießen, aber dann hat der gar nicht mehr aufgehört. Ich habe ihm den Arm um den Hals gelegt und ganz behutsam gefragt, was denn los sei. Da hat mich der Lothar mit geröteten Augen angeguckt und geschluchzt: ‚Aber meine Freundin hat doch für die Zeit der Europameisterschaft schon unseren Urlaub gebucht ...’"

Matthäus fuhr bekanntlich doch mit - konnte seinen Liebeskummer aber nur schwer verbergen, wie er in einer seiner ersten großen Personality-Storys dem "fußball-magazin" gefühlvoll erzählte: "Ich telefonierte jeden Tag zweimal mit meiner Verlobten Silvia, und da habe ich mich dann zum ersten Mal geärgert, denn das Hotel hat so hohe Telefongebühren verlangt, dass ich nach der ersten Rechnung bald umgefallen wäre vor Schreck. Kaum eine Minute hatte ich mit Silvia telefoniert, da wollten die mir über 6.000 Lire aus der Tasche ziehen, das waren etwa 14 Mark. 'Bin ich denn ein Multimillionär?', fragte ich den an der Rezeption. Von dem Augenblick an habe ich überall Münzen gesammelt und es vom öffentlichen Fernsprecher aus versucht. Nur hat der meist nicht funktioniert. Das hat mir dann ganz schön gestunken. Irgendwie habe ich es aber doch geschafft, jeden Tag zweimal mit Silvia zu telefonieren."

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Traumpaar (II): Bernd und Gaby Schuster.

Da stellte es sein gleichaltriger Mannschaftskamerad Bernd Schuster bedeutend besser an. Der Kölner brachte seine Gaby einfach direkt im Teamhotel unter - was vor allem dem Bundestrainer verständlicherweise überhaupt nicht schmeckte. Doch Schuster spielte so groß auf, dass Jupp Derwall diese Kröte schlucken musste. Der gebürtige Augsburger wurde gar als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Doch dieser Eklat um seine Gaby wurde Bernd Schuster nie verziehen.

"Das Problem Breitner wird sich erledigen"

Als wenige Monate später der alte Platzhirsch Paul Breitner zum DFB-Team zurückkehrte, hatte er den Kölner sofort im Visier. Und Schuster reagierte sichtlich genervt: "Der Paule ist ein gerissener Hund. Noch hält er zwar nicht die Mannschaftsbesprechungen persönlich ab. Noch gibt er seine Befehle über Derwall weiter. Ich würde mich nicht wundern, wenn eines Tages der Breitner dem Derwall die Aufstellung unter der Türritze durchschiebt."

Der Bayern-Kapitän antwortete gelassen: "Er benimmt sich so wie ich in seinem Alter. Aber wer Spielmacher ist, entscheidet sich in jedem Länderspiel neu. Wer die beste Form hat, soll es machen." Schuster nahm den Ball dankend auf: "Wenn Breitner es nicht schafft - körperlich pfeift er ja derzeit aus dem letzten Loch -, dann bin ich da, wenn Not am Mann ist." Und er schob süffisant hinterher: "Das Problem Breitner wird sich auf biologische Weise erledigen."

Doch dann gewann die verbale Schlacht final an Schärfe. Bundestrainer Jupp Derwall mischte sich ein und rief nach einigen Schnäpsen auf der Hauseinweihungsfeier von Hansi Müller nachts um 2.30 Uhr bei Gaby Schuster an und hielt ihr vor, was für einen schlechten Einfluss sie auf ihren Ehemann habe. Breitner schickte kurz darauf einen weiteren Giftpfeil Richtung Schusters Ehefrau: "Der Bernd ist ein liebenswerter, junger Kerl, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man ihn ohne seine Frau trifft oder mit ihr. Im ersten Fall ist er wie ein kleiner Bub, sagt weder muh noch mäh oder gick und gack; im zweiten Fall aber wird er schnell zur rasenden Wildsau." Schuster verabschiedete sich kurz darauf aus dem Nationalteam. Und so sollte der Europameistertitel von 1980 der einzige Triumph des deutschen Jahrhunderttalents Bernd Schuster im Trikot mit dem Adler auf der Brust bleiben.

"Horst sah glücklich aus"

Dass die DFB-Elf am 22. Juni 1980 das Stadion in Rom gegen Belgien als Sieger verließ, hatte sie vor allem einem Mann zu verdanken: Horst Hrubesch. Und der gebürtige Hammer, dem sie schon zu seinen Anfangszeiten in Essen den Spitznamen "Kopfballungeheuer" verpasst hatten, machte keinen Hehl daraus, wem er selbst die Kraft für seine beiden Endspiel-Tore zu verdanken habe.

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Traumpaar (lll): Horst Hrubesch und der Pokal.

(Foto: imago/Thomas Zimmermann)

Bundestrainer Derwall erinnerte sich in seinem Buch "Fußball ist kein einfaches Spiel" an ganz spezielle Momente mit Hrubesch: "Irgendwann, nach dem torlosen Spiel gegen Griechenland in Turin, nachdem wir das Finale dieser Europameisterschaft erreicht hatten, stand mir Horst Hrubesch erneut gegenüber. Ich kniff beide Augen zu. Hörte nur noch 'Stadt gehen' - 'eine Stunde' - 'das letzte Mal' - 'pünktlich zurück' und so weiter und so fort. Nach langer Überlegung sagte ich nach dem Essen nur noch: 'Eine Stunde, in Begleitung, und pünktlich zurück ins Hotel.' Obwohl ich mir nicht sicher war, dass dies irgendeinen Sinn haben könnte, stand ich schon nach einer halben Stunde da, um auf den Spieler zu warten. Dann kam er, pünktlich und locker, mit einem Lächeln, das mich neugierig machte. Schon von weitem rief er: 'Trainer, ich habe ihn gesehen! Ich habe ihn gesehen, den Papst, Trainer! Den Papst, wirklich, ganz aus der Nähe habe ich ihn gesehen.' Horst sah glücklich aus, zufrieden und voller Dankbarkeit."

Und mit diesem guten, selig machenden Gefühl schoss Hrubesch die deutsche Elf am 22. Juni 1980 zum Titelgewinn. Ein Happyend im Film "Der Papst, zwei Frauen und der Europameistertitel", wie es erfolgreiche Drehbuchschreiber nicht besser hätten verfassen können. Doch schon recht bald zogen dunkle Wolken über dem DFB-Team auf. Fortsetzung folgt!

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Quelle: n-tv.de

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