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Das Dilemma der Schiedsrichter "Der Respekt ist nicht mehr da"

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Fußball-Schiedsrichter, das ist ein harter Job - manchmal sehr brutal.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wirklich beliebt waren sie noch nie, doch der Druck wird spürbar größer. Die Männer mit der Pfeife werden beschimpft, gehasst, verfolgt und manchmal sogar geschlagen. Bislang war körperliche Gewalt ein No-go, sagt der Berliner Schiedsrichter Jörg Wehling. Doch die Hemmschwelle ist deutlich geringer geworden.

Herr Wehling, wie lange sind Sie schon Schiedsrichter und warum sind Sie einer geworden?

Jörg Wehling: Oh, ich bin schon über 30 Jahre Schiedsrichter, damals war ich 15 Jahre jung. Fußball hat mich schon immer fasziniert, aber mein Können war arg limitiert. Da ich aber beim Fußball dabei sein wollte, hab ich gedacht, Schiedsrichter ist eine gute Alternative.

Und man kam immer umsonst ins Stadion ...

Ja. Ich komme aus Dortmund und konnte immer umsonst zu Borussia Dortmund gehen. Das war natürlich großartig und man konnte sich als Jugendlicher etwas Geld dazu verdienen, das war auch nicht schlecht. Aber insgesamt ist es auch an sich eine coole Geschichte, weil man sich eine ganze Menge an Selbstbewusstsein holen kann. Und man ist beim Fußball dabei. Das macht schon Spaß.

Trotzdem laufen dem DFB die Unparteiischen davon. Innerhalb eines Jahres legten fast 2500 Schiedsrichter ihre Pfeife beiseite.

Nun, die breite Öffentlichkeit nimmt wohl eher die negativen Entwicklungen von Schiedsrichtern wahr. Da fragt man sich schon dreimal, ob man auf dem Platz agieren will. Gerade als Jugendlicher ist es nicht leicht, sich gegen Eltern, gegen Trainer, gegen Spieler durchzusetzen. Das ist nicht jedem in die Wiege gelegt. Zum anderen haben sich auch die Rahmenbedingungen geändert. Die Gewalt auf den Plätzen ist natürlich ein Thema, auch die geringe Vergütung. Nicht zu vergessen der eigene Anspruch, den man an sein Hobby hat. Nicht jeder zieht 30 Jahre das gleiche Hobby durch. In Berlin haben wir im Übrigen einen gegenläufigen Trend. Es gab in den letzten zwei Jahren immer noch einen Zuwachs bei den Schiedsrichtern, wenn auch im kleinen Bereich.

Wie ist es mit Gewalt auf den Plätzen?

Wir haben im vergangenen Jahr schon die eine oder andere Situation gehabt, wo der Schiedsrichter in die Enge getrieben worden ist, wo man mit der Faust vor dem Gesicht gestanden hat, wo man ihn verfolgt hat, wo er geschlagen worden ist. Das gehört leider immer wieder dazu. Wohlgemerkt, das betrifft nur einen Bruchteil der Spiele, aber wenn solche Sachen vorkommen, steht das jedem Schiedsrichter ins Gesicht geschrieben. Hinzu kommen Beschimpfungen und Pöbeleien. Verbale Beleidigungen haben oft einen rassistischen Kontext. Gerade auch bei unseren ausländischen Schiedsrichterkollegen, oder andersherum, dass deutsche Unparteiische von Spielern mit Migrationshintergrund beleidigt werden. Das kommt immer wieder vor und geht auch deutlich unter die Gürtellinie. Noch schlimmer finde ich aber die körperliche Gewalt gegenüber Schiedsrichter.

Gab es nicht schon immer Übergriffe gegen Schiedsrichter?

Nein, körperliche Gewalt war immer in No-go. Ich muss schon sagen, dass der Schiedsrichter immer eine Respektperson war. Daran kann ich mich nicht erinnern, dass das vor 30 oder 20 Jahren ein Thema gewesen ist. Die Hemmschwelle, dem Schiedsrichter körperliche Gewalt zuzufügen, ist deutlich geringer geworden. Der Respekt ist nicht mehr da. Die Schuldzuschiebung ist viel stärker auf den Schiedsrichter fokussiert als auf den Gegner - das hat sich ganz klar gewandelt.

Wie war denn die Stimmung unter den Schiedsrichtern nach dem Tod des niederländischen Linienrichters Ende letzten Jahres?

Der Todesfall hat uns natürlich sehr betroffen gemacht und viele Kollegen werden darüber nachgedacht haben, dass sie selbst an der Stelle des niederländischen Linienrichters hätten stehen können. Aber für uns ist die Gewalt auf dem Platz ja seit 16 Monaten ein großes Thema, dieser schreckliche Todesfall in den Niederlanden war eigentlich nicht die Spitze.

Sondern?

Also, wir haben in den letzten Jahren immer wieder schreckliche Vorfälle erlebt, auch hier in Berlin. Erinnern Sie sich an die Gewalttat vom September 2011, als unser Schiedsrichter Gerald Bothe krankenhausreif geschlagen wurde. Er verlor nach einem schweren Faustschlag das Bewusstsein und verschluckte seine Zunge. Zum Glück war ein ausgebildeter Rettungssanitäter vor Ort und rettete ihn vor dem Ersticken.

Dann könnte so ein schrecklicher Vorfall wie in den Niederlanden also auch hierzulande passieren?

Darüber will ich nicht spekulieren. Ich wünsche mir das Gegenteil. Durch diese schlimmen Geschichten, die in der letzten Zeit passiert sind, ist das Thema hoffentlich so stark, dass man vielleicht als Reaktion darauf auf den Plätzen Leute hat, die solche Situationen im Vorfeld erkennen und entschärfen können.

Wie schützt sich denn ein Schiedsrichter in den unteren Klassen vor Übergriffen?

Sie können sich schützen, indem sie über ihr eigenes Tun nachdenken. Es ist ja nicht immer so, dass wir als Schiedsrichter ganz unschuldig sind. Manchmal tragen wir sicherlich auch einen Teil dazu bei. Wir haben deshalb verstärkt Schulungsmaßnahmen durchgeführt. Wir haben zum Beispiel mit Rollenspielen aufgezeigt, was passiert, wenn man selbst ein bisschen anders reagiert. Wir versuchen also, unseren Schiedsrichtern einen kleinen Baukasten mitzugeben, den sie auf dem Platz auspacken können. Zudem haben wir versucht, die Trainer dafür zu sensibilisieren, dass sie eingreifen, wenn sie merken, ein Spieler ist heute nicht so gut drauf und hat sich auf den Schiri eingeschossen. Eine Auswechslung kann da zum Beispiel Schlimmeres verhindern. Ansonsten ist der Schiedsrichter natürlich auf sich alleine gestellt.

Was muss sich auf dem Platz ändern?

Ich wünsche mir, dass der Respekt gegenüber dem Schiedsrichter wieder größer wird. Dass Entscheidungen akzeptiert werden, auch wenn sie aus dem Moment heraus falsch sein mögen. Wenn sich die Leute einmal in die Lage des Entscheiders begeben würden, dann würden sie erkennen, das der Schiedsrichterjob ein ganz, ganz schwerer Job ist. Ich glaube, dass 99,9 Prozent der Schiedsrichter versuchen, das Beste zu geben, aber es gelingt eben nicht immer. Das ist ganz logisch. Wenn da der Respekt da wäre, dann hätten wir enorm viel gewonnen.

Mit Jörg Wehling sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de

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