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Tennis fast schon Nebensache Der böse Absturz des nächsten Superstars

"Ich bin in der Vorbereitung auf diese Saison in ein Loch gefallen. Eine gewisse Leere ist vorhanden", sagte der Tennis-Profi.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Es ist erst gut sieben Monate her, da gewinnt Dominic Thiem das US-Open-Finale gegen Alexander Zverev. Seitdem hat der Österreicher mit einem schlimmeren Gegner zu kämpfen, seinem Kopf. Als nächster Superstar gehandelt, muss Thiem nun offenbar einen ganz anderen Kampf gewinnen.

Auf diesen unbarmherzigen Gegner traf Dominic Thiem völlig unvorbereitet. Und das in absoluter Hochstimmung. Erst das denkwürdige US-Open-Finale mit dem Fünf-Satz-Sieg gegen Alexander Zverev, dann im Endspiel der ATP Finals - der Österreicher schien bereit, den Tennis-Gipfel zu besteigen. Doch wie aus dem Nichts tauchte sein bislang ärgster Konkurrent auf: sein Kopf.

"Ich bin in der Vorbereitung auf diese Saison in ein Loch gefallen. Eine gewisse Leere ist vorhanden", sagte der 27-Jährige im Interview mit dem Wiener "Standard". Und da unten hockt Thiem immer noch.

Corona, Lockdown - all das hat dem Weltranglistenvierten Dominic Thiem arg zugesetzt. Sein altes Leben war plötzlich vorbei, vor allem die klare Struktur. "Seit ich denken kann, habe ich ein komplett durchgeplantes Leben", sagte Thiem, "jeder Tag, jede Woche, jeder Monat ist eingeteilt. Ich fühle mich besser, wenn ich weiß, was am nächsten Tag passiert. Das ist momentan weg."

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Der größte Sieg: die US Open.

(Foto: AP)

Aber nicht nur das. Spiele ohne Zuschauer, Geisterspiele ohne Atmosphäre, Ende der Bewegungsfreiheit - ein Verzicht, unter dem Thiem extrem leidet. "Corona hat die schönen Sachen genommen, die schlechten bleiben", sagte er. "Es gibt Typen, die das wegstecken, für die ist das Leben in der Bubble wahrscheinlich sogar ein Vorteil", so Thiem, er aber komme damit nicht klar.

Thiem ist nicht allein

Und stimmts im Kopf nicht, stimmts auch nicht auf dem Platz. Von neun Spielen in diesem Jahr hat er vier verloren. Zuletzt Mitte März in Dubai mit 3:6, 4:6 gegen einen gewissen Lloyd Harris, zu diesem Zeitpunkt die Nummer 81 im Ranking. Für einen wie Thiem, der als kommender Superstar gehandelt wurde, normalerweise allenfalls ein Aufbaugegner. Dass ihn kleine Problemchen im linken Knie behinderten, war sicher nicht der Grund für sein Scheitern. Der saß tiefer, besser gesagt höher, auf den Schultern.

Thiem hat angesichts der allgemeinen Umstände etwas von seiner Freude am Tennis verloren, durch die Pandemie habe auch eine gewisse Entfremdung stattgefunden. Wie auch Rafael Nadal und Novak Djokovic registriere er einen Motivationsverlust. Ein verhängnisvoller Gefühlscocktail für einen sensiblen Menschen wie Thiem, dem sportlich immer noch die Tür nach ganz oben offen steht.

Die French Open sind nun Thiems "großes Ziel", hierfür startet er sein Comeback bei den Masters-Turnieren in Madrid und Rom. Und dann will er im Wohnzimmer des 13-maligen Champions Rafael Nadal kräftig aufräumen. Bei den French Open "will ich voll wettbewerbsfähig sein", sagte er. Und eine Olympiamedaille in Tokio, "das wäre ein absoluter Traum."

Das alles könne er aber nur, glaubt Deutschlands Tennis-Ikone Boris Becker, "wenn er einen anderen Ansatz findet, um mit Druck besser umgehen zu können." Da sei Thiems Umfeld gefragt, das müsse ihm vor Paris klarmachen, sagte Becker bei Eurosport: "Junge, Du bist einer der Topfavoriten." Das muss jetzt nur noch Thiems Kopf auch verstehen.

Quelle: ntv.de, tsi/sid

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